Luzifers Burnout. Von Alex Flach.

Dieses Buch habe ich auf Hinweis meines Sohnes auf den Nachttisch gelegt und dann letzlich auch gelesen. Gleich vorweg: Das Buch "Luzifers Burnout" von Alex Flach ist schlicht umwerfend! Der Autor beweist, dass ein Plot, der aus verständlichen Gründen nicht auf Recherchen beruhen kann, mit viel logischer Kreativität zu einer Wahnsinnsgeschichte werden kann!

Die Geschichte spielt im Himmel und in der Hölle. Da wird uns erstmal vor Augen geführt, wie es "dort oben" oder "dort unten" ausschaut und wie es dort so abläuft. Die beiden Protagonisten (Gott und Luzifer) werden als CEOs ihrer Unternehmen beschrieben und es ist höchst amüsant, welchen Lebensstandard die beiden pflegen. Gott arbeitet in einem grossen Büro mit Fenster bis zum Boden, trinkt ab und zu einen Scotch und wettet gerne mal. Sein ehemaliger Freund - Luzifer - verbringt seine Tage im Verwaltungsviertel in der Hölle, fährt Mercedes und isst nicht gerne scharf.

Die Geschichte handelt dann vom Verhalten der Menschen und - wie in einem irdischen Roman - helfen Liebesgeschichten, Missverständnisse und "Menschlichkeiten" dem Plot zu Spannung und vor allem: viel Humor. Man schmunzelt hin und wieder, wenn z.B. der Teufel-Stellvertreter Netflix-Filme aussucht oder Gott eine Zigarre raucht und mit seinem Handy spielt.

Das Leben (oder besser: die Ewigkeit) im Himmel - bzw. in der Hölle - werden herrlich beschrieben. So erfahren wir, welche Menschen nach ihrem Ableben z.B. in den Himmel kommen, und wie sie dort behandelt werden. Und welche dann gleich in die Hölle weiterreisen müssen.

Das Buch erzählt uns viel über uns Menschen und plötzlich hoffen wir, dass wir in den beschriebenen Himmel kommen werden. Obwohl, Luzifer ist eigentlich ein cooler Typ, den man dann doch auch gerne mal kennen lernen würde.

Noch ein Wort zum Autor: Ein Glarner, den man in der Szene als "Mister Nightlife" kennt. Wahrscheinlich die Erklärung, weshalb die Szenen, die in diesem Buch "auf der Erde" spielen, auch nicht wirklich grosser Recherche bedurften. Sie handeln in Clubs und Alex Flach ist - gemäss Klappentext - ein Kenner der Clubszene. Das vorliegende Buch ist ein "Debütroman". Das ist spannend. Denn ich kann mir gar nicht vorstellen, wie er "Luzifers Burnout" toppen kann...

Kaufempfehlung: Unbedingt. Auch als Krimi-Liebhaber/in. Letztlich gehts in diesem Buch ums "Böse" in den Menschen. Aber es ist vorallem herrlich und humorvoll geschrieben!

Die Hummerfrauen. Von Beatrix Gerstberger.

Nach dem Tod ihres Partners suchte die heute 61-jährige deutsche Journalistin Beatrix Gerstberger Trost und Abstand auf einer Insel im abgelegenen US-Staat Maine. Auf diesem Eagle Island lernte sie beim Hummerfang Menschen kennen, denen sie nun in ihrem aktuellen Roman «Die Hummerfrauen» ein Denkmal gesetzt hat.

Die Protagonistin Mina hat als Kind jeweils die Sommerferien mit ihren Eltern und ihrem Bruder auf der Insel verbracht und sich dabei mit dem Fischerjungen Sam angefreundet. Als die jährliche Idylle eines Tages und für das Mädchen unerklärlich abrupt zu Ende geht, verliert sie den Kontakt zu Sam, der kurz vor ihrer überstürzten Abreise seinen Bruder verloren hatte. Die Handlung setzt ein, als auch Minas Bruder bei einem Unfall ums Leben kommt und ihre Familie ob diesem Verlust auseinanderbricht. Die mittlerweile erwachsene Mina kehrt auf Spurensuche zurück und findet Unterschlupf bei der robusten Hummerfischerin Ann. Diese ist von ihrer langjährigen Partnerin verlassen worden und teilt ihre bärbeissig-herzliche Einsamkeit nun mit einem blauen Hummer und mit Julie, die ebenfalls der harten Arbeit des Hummerfangs nachgeht. In einer "ménage à trois" verbringen die drei Frauen den Sommer.

Die einfache, ungekünstelte Sprache der Autorin passt perfekt zum rauen Milieu. Trotz oder gerade wegen ihrer Lakonie gelingt die liebevolle Charakterisierung der schrulligen Inselbewohner aufs Köstliche, und die Handlung entwickelt einen unwiderstehlichen Sog von dem Moment an, als auch der einst angehimmelte Sam wieder auftaucht und die beiden ehemaligen Spielgefährten sich unwiderstehlich ineinander verlieben. Zum Schluss erschliesst sich ihnen, die sie beide ihre Brüder verloren haben, auch der Zusammenhang zwischen beiden Todesfällen und damit der Grund, weshalb Minas Familie in jenem Sommer die Insel überstürzt verlassen hat und nie mehr zurückgekommen ist.

«Von weitem winkt Elizabeth Strout» hat eine Kritikerin zu diesem wunderbaren Roman geschrieben. Wer meinen Check von Strouts Roman «Mit Blick aufs Meer» gelesen hat https://www.buechercheck.com/2025/08/23/mit-blick-aufs-meer-von-elizabeth-strout/ weiss: Ein grösseres Kompliment könnte ich den Hummerfrauen auch nicht machen ....

Daily Soap. Von Nora Osagiobare.

Immer wieder ehrt der Büchercheck auch einheimisches Schaffen; diesmal dasjenige der 33-jährigen Zürcherin Nora Osagiobare, die in Biel und Wien «literarisches Schreiben» studiert hat und kürzlich im deutschsprachigen Feuilleton für ihren Debütroman «Daily Soap» belobigt worden ist. Das Buch ist ein gutes Beispiel für eine Literaturgattung, die von U30 geschrieben und wohl auch mehrheitlich von solchen gelesen wird.   

Aus fast jedem konventionellen Rahmen fällt schon die Handlung, in der die Tochter eines nigerianischen Vaters den selbst erlebten Rassismus des Schweizer Bünzlitums aufs Korn nimmt. Die Protagonistin Anneli Killer-Osayoghoghowemwen (!) wird von zwei Männern gleichzeitig schwanger – einem Schwarzen und einem Weissen. Demzufolge ist eines ihrer Kinder weiss, das andere wird als «Cappucino» bezeichnet. Die vielen fantasievollen Bezeichnungen für Schwarz-/Weiss-Mischlinge gehören zum Lustigsten in dieser an witzigen Einfällen reichen Satire, in welcher sich das «Bundesamt für die Rationalisierung Andersfarbiger anhand von Cappuccino oder Kaffee» BARACK um derartige Farbzuschreibungen kümmert.

Der Roman kommt in Form einer Daily Soap daher und spielt gekonnt mit deren trivialen Elementen und Zutaten. Die schräge Ausgangslage mit ihren freizügigen sexuellen Anspielungen, der Witz, mit dem die Debütantin auf jeder Seite neue Absurditäten des landesüblichen Umgangs mit ethnischen oder sexuellen Minderheiten ersinnt, die köstlichen Charakterisierungen des durchwegs abgewrackten Personals, welches sich in grotesker Überzeichnung durch einen mehrheitlich prekären, in jedem Fall aber turbulenten Alltag kämpft – diese Mischung aus Satire und Soap macht die Lektüre zum Vergnügen für alle, die sich darauf einlassen.

«Ich hatte lange das Gefühl, ich müsse ernst schreiben, weil Literatur eben ernst ist», hat die Autorin in einem Interview mit der Wochenzeitung WoZ gesagt. Bei der Lektüre von «Orfeo» von Fran Ross habe sie aber gemerkt: «Aha! Ich muss gar nicht wie Thomas Mann schreiben! Dann ist es nur noch so aus mir herausgesprudelt.» Ich habe (auch als ehemaliger Autor einer satirischen Soap) diesen Sprudel mit Genuss aufgesaugt.

Die Probe. Von Katie Kitamura.

Zwei Teile hat das neue Buch der 46-jährigen US-Schriftstellerin mit japanischen Wurzeln Katie Kitamura. Wie sie zusammenpassen, mag vielen dem Prinzip der logischen Handlung anhängenden Lesern verborgen bleiben. «Ein Vexierspiel» nennt der Klappentext denn auch «Die Probe». Das Thema: Ins Leben einer erfolgreichen Schauspielerin und ihres schriftstellernden Ehemanns Tomas tritt in einer schwierigen Phase einer Probenarbeit ein Regieassistent namens Xavier.

Dieser attraktive junge Mann überrascht im ersten Teil des Buches die namenlos bleibende Ich-Erzählerin mit der Behauptung, er sei ihr Sohn. Diese Möglichkeit weist sie zurück im Wissen darum, dass ihre einzige Niederkunft eine Fehlgeburt gewesen war. Da ihr Mann die beiden bei diesem Gespräch im Restaurant überrascht, unterstellt er ihr ein Verhältnis mit dem Jüngeren. In der zweiten Hälfte des Buches ist dieser Xavier dann doch beider Sohn und zieht im Einverständnis mit seinen Eltern wieder in deren Appartment ein. Dort macht er sich nach anfänglicher friedlicher Koexistenz zunehmend breit und lässt zu guter Letzt auch seine übergriffige Freundin Hana einziehen. Nach deren Provokationen und entsprechenden Problemen mit den gastgebenden Eltern nimmt diese «ménage à quatre» jedoch ein brüskes Ende, indem Sohn und Schwiegertochter in spe Hals über Kopf ausziehen.

Damit endet die Story, und lässt den krimigewohnten Leser, dem – und sei es auf der letzten Seite – immer eine Lösung präsentiert wird, ratlos zurück. Offenbar ist die verwirrende Übungsanlage dieser «Probe» aber eine Spezialität der Autorin. Schon in früheren Werken («Intimitäten» etc.) habe sie gemäss den verfügbaren Kritiken das Hinterfragen von Beziehungen und dessen, was sich unter deren Oberfläche abspielt, virtuos thematisiert. Wer bereit ist, sich auf dieses Spiel einzulassen, hat eine gut geschriebene und tief ins Theatermilieu leuchtende Erzählung vor sich. Wer allerdings gerne zum guten Ende alles wohl gefügt und gerichtet haben möchte, kann sich diese eher verkopfte Lektüre wohl sparen.

Der Kaiser der Freude. Von Ocean Vuong.

Ocean Vuongs neues Buch hat im Frühsommer 2025 die Literatursendungen, -beilagen und -seiten der Alten Welt dominiert. Da gab’s kaum ein Medium, das dem umfangreichen Roman des gebürtigen Vietnamesen nicht eine Besprechung gewidmet hätte und kaum eine Rezension, die beim Vergleich mit dem Vuong-Erstling «Auf Erden sind wir kurz grandios» (2019) nicht eine leise Enttäuschung hätte durchschimmern lassen. Ich hatte selbigen nicht gelesen und machte mich deshalb ohne Vorurteile an die 450 Seiten von "Der Kaiser der Freude".

Die Geschichte handelt vom Sohn einer in die USA eingewanderten vietnamesischen Mutter, der ob den Frustrationen des Fremden im fremden Land den Drogen verfällt und von einer Brücke in den Freitod springen will. Davon bewahrt ihn im letzten Moment die 80-jährige, demente Grazina aus Litauen, eine Überlebende des Zweiten Weltkriegs mit entsprechenden Wahnvorstellungen, bei der Hai in der Folge als Pfleger einzieht. Seine Mutter lässt er derweil im Glauben, er studiere Medizin in Boston; statt dessen malocht er in einem Schnellimbiss.

Vuongs Schilderungen der täglichen Hölle in diesem Fastfoodlokal, die Charakterisierung dessen durchwegs schrägen Personals und die Beschreibung ihrer grotesken Freizeitunternehmungen (grossartig der Aushilfejob im Schlachthof!) sind köstliche Höhepunkte der Story. Auch das geduldige Eingehen Hais auf Grazinas Rückfälle in Kriegsphantasien («Sergeant Pepper!») und wie er sie zurückführt in die Gegenwart («Wer ist der Präsident?» - «Obama!») ist erst witzig und unterhaltend, beginnt sich dann aber zu wiederholen.

Überhaupt verliert sich der Autor mit dem Fortschreiten der Handlung zunehmend in wolkigen Philosophien, die oft zu gesuchten bis schiefen Sprachbildern gerinnen. Man merke, befinden einige Kritiker, dass Vuong von der Lyrik her komme. «Als möchte er für jedes Adjektiv einen eigenen Preis», spottet beispielsweise die Kritikerin der Süddeutschen Zeitung.

Ich habe mich mit dem «Kaiser» erst sehr gut unterhalten, so ab Seite 300 begann mich die Geschichte aber zunehmend zu langweilen. Kürzer wäre grandioser gewesen ...

RESET - Die Wahrheit stirbt zuerst. Von Peter Grandl.

Kennen Sie die Romane von Andreas Eschbach? Das ist der Autor, der Geschichten schreibt, die so dermassen "out-of-this-World" sind, aber - vielleicht doch realistisch sein könnten (Wie zum Beispiel in "One Billion Dollar", wo ein vor 500 Jahren gestorbener Italiener sein Vermögen jenem Nachkommen vermacht, der 500 Jahre nach seinem Tod der jüngste, noch lebende Spross seiner Familie sein wird. Es trifft einen Pizzakurier in New York, der mit einem Schlag zum allerreichsten Menschen der Erde wird...).

Und das vorliegende Buch "Reset" von Peter Grandl kommt ganz nahe an diese Eschbach-Formel heran. Grandel beschreibt eine Katastrophe, die die Welt erschüttert und die Menschen wieder in die kommunikative Steinzeit zwingt: Ein Virus pflanzt sich in allen elektronischen Geräten weiter und produziert nur noch Fake-News und Deep-Fake-Calls.

Das Buch beginnt sehr actionreich und spannend und kann das Tempo und die Spannung auch über viele der knapp 500 Seiten aufrecht erhalten. Aber ab und zu driftet die Geschichte in Lebenserfahrungen der ProtagonistInnen ab und man muss sich "durchlesen", um alsdann wieder in den Bann der "Katastrophe" zu gelangen. Grandl beschreibt die Massnahmen und die Abläufe, wie er sich das in einem solchen Fall vorstellt und trifft - vielleicht - die tatsächlichen Gegebenheiten. Seine Erzählungen gehen von den Geheimdiensten dieser Welt über die NATO und den Militärs. Die Geschichte ist auf den ersten Blick ziemlich konstruiert. Aber man fragt sich trotzdem, wie es sein würde, wenn wirklich kein Computer, kein Handy, keine Cockpit-Instrumente und alle andern digitalen nicht mehr benützt werden können.

Am kreativsten ist dann die Geschichte der Archivarin und des Pförtners der New York Times, die es, mithilfe von pensionierten Mitarbeitenden und Museumsstücken schaffen, mehrere Ausgaben der Zeitung analog zu setzen und zu drucken. Hier merkt man es wohl am besten: Die Phantasien und die Gedanken von Grandl sind abolut unterhaltend und genial. Es bleiben dennoch viele Fragen offen in Grandls Plot. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Es tut gut, sich mit dem Stoff kritisch oder offen auseinander zu setzen.

RESET ist ein spannendes, hoch interessantes Buch, welches mit Sicherheit ein bisschen zum Nachdenken anregt. Ich gebe hier gerne eine Kaufempfehlung ab.

Die Meisterdiebin. Von Christine Jaeggi.

Vor einigen Jahren hat mein Büronachbar über seine Lieblingslektüre gesprochen: "Ich lese am liebsten historische Kriminalromane". Ich war dazumal - ehrlich gesagt - etwas skeptisch. In der Zwischenheit habe ich aber dieses Genre kennen und schätzen gelernt. Einige der Bücher in diesem Blog zählen dazu. Es fasziniert mich, wie zuverlässig man schon von hundert Jahren Kriminalfälle lösen konnte. Ohne DNA-Abgleiche, ohne mobile Telefone, ja ohne Fahrzeuge und ohne Handschuhe am Tatort.

Nun bin ich, eher per Zufall muss ich gestehen, am Wühltisch meines Lieblingsbuchladens auf den "Roman" von Christine Jaeggi gestossen: "Die Meisterdiebin". Schon die Ankündigung, es sei ein Roman, welcher von einer Diebin handelt, war ein Nachfragen wert. Wenn schon "Diebin", dann "Kriminal-Roman", oder etwa nicht?

Nun, der Roman käme ganz ohne Todesopfer aus, wäre da nicht der zweite Weltkrieg und die Protagonistin eine Jüdin. Und so tauchen wir mit der Autorin in die Dreissiger Jahre des letzten Jahrhunderts ein und erleben eine eigentlich einfache Geschichte: Eine jüdische Frau wird während der Machtübernahme der Nazis in Österreich mehrfach und tief gedemütigt, verliert Mann und Kind und beschliesst dann von ihrer neuen "Heimat" (Luzern) aus, sich an den Nazis zu rächen, indem sie die Nazibonzen, während deren Ferien in den Nobelhotels der Schweiz, ausraubt.

Die Autorin nimmt uns einerseits mit in diese schreckliche Zeit des Nationalsozialismus in Europa, lässt uns erfahren, welch unglaubliche Geschichte die Juden durchlebt haben und sie nimmt uns mit in die "sichere Schweiz", wo sich die Nazi-Grössen in den "judenfreien Hotels" Ferien gönnten. Der Erzählstil von Christine Jaeggi ist - das kann man nicht anders schreiben - wahnsinnig gut. Nichts in den offensichtlich akribisch recherchierten Aufzeichnungen lässt Fragen offen. Das Buch liest sich, als würde eine Erzählerin am Kaminfeuer sitzen und die Geschichte einem aufmerksamen Publikum erzählen. Der zweite Weltkrieg spielt dabei eine untergeordnete Rolle in der Erzählung - ist aber für den ganzen Plot verantwortlich.

Die Geschichte der "Meisterdiebin" ist unglaublich spannend und - basiert auf einer wahren Figur. Das erklärende Nachwort hat Lena Berger verfasst, die Stv. Chefredaktorin des "Beobachters". Ihrer Recherche zur echten "Meisterdiebin" (Erika Böhm) inspierierte Christine Jaeggi zum vorliegenden Buch.

Volltreffer.

Die Legende. Von John Grisham.

John Grisham ist und bleibt ein Meister! Seine Bücher sind erstens in einem Stil geschrieben, als wären sie das Dessert nach einem üppigen Mahl: Leicht, klar und für alle verständlich. Auch wenn es um juristische Winkelzüge oder um wirtschaftliche Aktionen geht: Wir lesen in dem Grisham-Buch wie in einem Geschichtsbuch.

Zweitens benötigt Grisham nicht zwingend einen Mord oder ein Verbrechen als Aufhänger. Sondern er erfindet Geschichten - im vorliegenden Fall - rund um das Leben von Schriftsteller(innen), Buchhändler und um das Leben auf einer Insel in Amerika. In dem vorliegenden Buch beschäftigt er sich mit den Sklaven, die vor zweihundert Jahren eine kleine Insel in Beschlag genommen haben und die letzte Überlebende der damaligen Bevölkerung möchte die Insel als ihr Eigentum feststellen lassen.

Der Schreibstil von John Grisham ist auch deswegen grossartig, weil er ein ganz scharfes Skalpell führt (blöder Vergleich, ich weiss...). Es gibt keine rüden Aktionen und wenn dann doch jemand stirbt (und das kommt in diesem Buch vor, weil die Insel mit einem Fluch belegt ist und alle Weissen, die sich irgendwie Zutritt verschaffen, sterben müssen), dann wird das dermassen sachlicht beschrieben, dass die Lektüre der Todesfälle schon wieder fast ein Vergnügen ist.

Grishams Bücher sind allesamt Bestseller und werden - gemäss Klappentext - in über 40 Sprachen übersetzt. Das ist ein Qualitätsmerkmal. Ich kann mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, weshalb man "Grisham" nicht mögen könnte. Vielleicht können Sie mir das erklären?

Jedenfalls: Dieses Buch können Sie ohne weiteres kaufen. Sie können es auch als Hörbuch erstehen. Der Vorleser ist - in den meisten Fällen - Charles Brauer, der ehemalige Tatort-Kommissar (mit Manfred Krug an seiner Seite). Der bald 90jährige Sprecher (er wohnt im Baselbiet!) hat die absolut richtige Stimme für Grisham.

Strandgut. Von Benjamin Myers.

Regelmässige Leserinnen und Leser meiner Checks wissen um meine Vorliebe für Autoren aus Japan und dem angelsächsischen Raum. In dieser Neigung hat mich Benjamin Myers neues Buch einmal mehr bestätigt. In «Strandgut» erzählt der 49-jährige Brite die Geschichte von einem alten Soulsänger aus den USA, der unverhofft an ein Festival in England eingeladen wird.

Dieser Bucky Bronco ist alt und krank und hat vor kurzem seine Frau verloren. Seither lebt er schmerzgeplagt zwischen Bett und Apotheke, wo er die Drogen «für die goldenen Momente» in seinem trostlosen Alltag bezieht. Obwohl er seine musikalische Laufbahn schon vor Jahrzehnten beendet hat, nimmt er die Einladung an, verlässt er das erste Mal in seinem Leben die USA und fliegt nach England, wo sein einziger Hit zu seiner Überraschung offenbar die Zeit überdauert hat. Unglücklicherweise vergisst der Opioidsüchtige seine Medikamente im Flugzeug und erlebt deshalb die Tage in Scarborough durch den Schleier eines kalten Entzugs.

Auf diesem Horrortrip betreut und rundumversorgt wird Bucky dabei von Dinah, deren Situation ähnlich hoffnungslos ist wie die seine. Die schlecht bezahlte Supermarktkassierin ist mit einem arbeitslosen Rüpel verheiratet und hat zudem ihren spielsüchtigen Sohn am Hals. Die beiden gescheiterten Existenzen nähern sich einander an, richten sich aneinander auf, und schliesslich schleppt Dinah den Top-Act auf die Festivalbühne, wo dieser von der Begeisterung des Publikums zu einem grandiosen Comeback getragen wird. Nach der Siegesfeier überredet Dinah Bucky zum Schwimmen im Meer. Sie hat beschlossen, sich von ihrem Mann zu trennen; er könnte sich vorstellen, in England – und damit bei ihr – zu bleiben. Das menschliche Strandgut scheint somit zusammen doch noch in einen sicheren Hafen einzulaufen.

Ich habe diese grossartig erzählte Geschichte geliebt, nicht nur wegen des originellen Plots, sondern auch wegen der beiden Protagonisten perfekt entsprechenden Sprache. Dank der fabelhaften Übersetzung von Werner Löcher-Lawrence ist hier die deutsche Fassung dem englischen Original für einmal mehr als nur ebenbürtig. Ein Genuss!

Graffenrieds Gründung. Von Nicolas Ryhiner.

Nicolas Ryhiner wandelt in seinen Büchern auf den Spuren ausgewanderter Eidgenossen. Den Stoff für seinen Erstling fand der Sprössling  des erweiterten Basler «Daig» im eigenen Vorfahrenregister, handelt «Im Surinam» doch vom Handelskaufmann Johann Rudolf Ryhiner und dessen dortigem Wirken im frühen 19. Jahrhundert. Diesmal geht es um die Kolonie, die der Berner Christoph von Graffenried 1710 in Nordamerika errichtete.

«Graffenrieds Gründung» stand unter einem schlechten Stern, glaubt man den Memoiren, die der gesellschaftlich geächtete Rückkehrer um 1730 im Schloss Worb verbittert und ständig gestört vom letzten verbliebenen Bediensteten zu Papier bringt. Schon die achtwöchige Überfahrt auf dem Dreimaster «Berna» anno 1710 erwies sich als Grenzerfahrung für die Belegschaft und die Passagiere, Wiedertäufer und Simmentaler Bauern, die von der Berner Obrigkeit nach Übersee abgeschoben worden waren. Auch «New Bern», das Graffenried an der Südostküste der heutigen USA gründete, verzeichnete einen mehr als harzigen Start. (Heute zählt die Stadt laut Wikipedia immerhin 30'000 Einwohner.)

Zwar hatte sich der Gründer die Unterstützung von Königin Anne von England dadurch gesichert, dass er auf seinen Trip in die damals noch englischen Gebiete um ihres Glaubens wegen Verfolgte aus der Pfalz mitnahm, die zu jener Zeit als Flüchtlinge London überschwemmten. Doch örtliche Autoritäten erwiesen sich als Schlitzohren, die politischen Verhältnisse waren kompliziert, ihm zugesicherte Latifundien entgegen den Versprechungen von Indigenen bewohnt und auch sonst deckte sich wenig mit den königlichen Zusicherungen und den Vorstellungen des Schweizer Idealisten. Sein Traum endete in einem Krieg mit dem indigenen Stamm der Tuscarora, bevor er ernüchtert und rundum gescheitert nach Hause zurückkehrte.

Wer zu unterhaltsamen Romanen aufbereitete Schweizer Regionalgeschichte liebt, ist bei Ryhiner an der richtigen Adresse. Ich habe mich von ihm nach «Surinam» gerne auch nach «New Bern» mitnehmen lassen.