Mini Horror. Von Barbi Markowic.

Die kompetenten Literaturexperten von Schweizer Radio und Fernsehen kriegten sich vor Entzücken über die Kurzgeschichten von Barbi Markowic kaum mehr ein, worauf «Mini Horror» in allen Buchhandlungen zuvorderst lag und in sämtlichen e-Book-Stores zuoberst gelistet wurde. Als eingefleischter Fan von Short Stories griff ich natürlich zu und freute mich auf die skurrilen Episoden aus dem Leben von Mini und Miki.

Mini und Miki, deren Namen sich nicht zufällig an die Welt von Micky Maus und seiner Minnie anlehnen, überzeichnen in kurzen Stories ihre Erlebnisse im städtischen Alltag. Als alten weissen Mann erinnerten sie mich an «Herrn Schüüch» aus dem «Nebelspalter», als letzterer noch lustig war, also immer ängstlich bemüht, Allen alles recht machen zu wollen. Trotzdem – oder gerade deswegen – taumeln die beiden von einer Katastrophe in die nächste und durchleben alle möglichen Albträume einer mittelständischen Gesellschaft, von abverheiten Ferien bis zum Mobbing im Büro. Und die schildern sie durchaus witzig, immer mit einer Prise Selbstironie und oft mit einer unerwarteten Pointe.

«In ‘Minihorror’ setzt Barbi Marković den Angstarbeiter*innen unserer Gesellschaft ein Denkmal aus Perfidie und Mitgefühl, bei dessen Lektüre wir uns gleichermassen ertappt und verstanden fühlen», verheisst der Klappentext. Na ja, genau so habe ich die durchaus erheiternde und entspannende Lektüre zwar nicht in Erinnerung. Aus der Distanz, aus der ich diesen Check verfasse, stelle ich vielmehr fest, dass mir keines der Geschichtlein nachhaltig in Erinnerung geblieben ist.

Meine Empfehlung deshalb: Fein für einen Sommernachmittag am Strand.

Die erstaunliche Entdeckungsreise der Maureen Fry. Von Rachel Joyce.

Nach den Lektüren von "Gentleman über Bord" oder "Wie die Schweden..." finde ich immer mehr Gefallen an dünnen Büchern, die keine riesigen Geschichten erzählen, sondern klare Begebenheiten, die innerhalb von 200 Seiten erzählt sind. Die obigen Beispiele zeigen, wie das geht.

So kam ich dann auch nicht um die "Erstaunliche Entdeckungsreise der Maureen Fry" herum. Ich las auf dem Klappentext in der Buchhandlung, dass die knapp über 60igjährige Rachel Joyce mit diesem Buch eine Fortsetzung ihres Romans: "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" geschrieben hat. Der Klappentext (und auch das Internet) waren des Lobes voll über diese beiden Bücher. Sie wurde quasi überhäuft mit Preisen, weil sie die einfache Geschichte eines Mannes, der zwar nur mal eben zum Briefkasten wollte, dann aber 1000 Kilometer durch England marschierte und dabei allerhand erlebte, in Worte fasste. Und zugegeben: sprachlich hat es die Autorin durchaus drauf! Sie kann unglaublich gut beschreiben wie es ist, wenn eine Möve über den Atlantik fliegt oder sich eine alte, entschlossene Dame in die Hosen macht.

Joyce erzählt also im ersten Buch die Geschichte des wandernden Mannes und schreibt dann eine Fortsetzung über dessen Frau, die dasselbe Ziel avisiert, aber im Auto. Lustig sind die Begebenheiten, die eben dieser Frau auf dem Weg durch England passieren. So zum Beispiel, wenn sie an einer Raststätte einen Kaffee trinken will oder sich verfährt und um Weg-Hilfe bitten muss. Wenn allerdings die andern Seiten gefüllt werden müssen, dann lesen wir seitenlange Abhandlungen über die Gedanken der Protagonistin, die sich natürlich am Ende des Büchleins geläutert in einen andere Frau verwandelt.

Bei meiner Recherche erfahre ich, dass ich gerade eben den dritten Teil der Triologie um das komische Dreiecksverhältnis vom wandernden Mann, der autofahrenden Frau und deren beiden Ziel - eine Frau - gelesen habe. Das hilft nicht darüber hinweg, dass ich dieses Buch - oder dann alle drei - nicht mit auf eine Insel nehmen würde. Sprachlich gesehen sind die Bücher sehr gut. Aber sie haben keine weltbewegende Aussage oder Botschaft und es erstaunt mich nicht, dass wir nicht über 190 kleine Seiten hinaus kommen.

Das Buch zeigt aber auch, wie subjektiv solche Meinungen sind. Die Bücher von Rachel Joyce sind "Weltbeststeller" und die Wanderung des Mannes ist sogar verfilmt worden. Joyce ist hoch erfolgreich und deswegen zählt die Meinung des "Büchercheckers" kaum. Ich habe aber versprochen, dass ich jeweils beschreibe, was ich bei der Lektüre der Bücher fühle. Und hier fühle ich mich als Zuschauer bei der Parade, wo der Kaiser seine neuen Kleider zeigt...

Heinz Labensky und seine Sicht auf die Dinge. Von Anja und Michael Tsokos.

Der Titelheld des Buches «Heinz Labensky und seine Sicht auf die Dinge» ist eine Art Forrest Gump 2.0, ein intellektuell beschränkter älterer Herr aus der weiland DDR, staatlich deklarierter «förderungsunfähiger» Gelegenheitsarbeiter in allen möglichen Disziplinen und zu Beginn der Geschichte Bewohner eines Altenheims in Erfurt. Zur Erinnerung: Der eingangs erwähnte Filmheld begegnet VIPs von Elvis Presley bis John F. Kennedy, ohne sie zu erkennen und erfindet aus Versehen so epochemachende Dinge wie das Joggen, den Smiley und den Spruch «Shit happens».

Ähnlich steht dieser Labensky zeitlebens immer wieder im Zentrum von Ereignissen, die den Lauf der deutsch-deutschen Geschichte veränderten, ohne dass er deren Tragweite realisiert. Ein Beispiel: Als er mit seinem Taxi in Ostberlin drei Hippies auflädt, welche die «Hinrichtung der Schweine» planen, bittet er Andreas, Ulrike und Gudrun – also die führenden Köpfe der Bader-Meinhof-Bande - um Gnade für die Wildsäue. Und kreiert per Zufall nebenbei auch den Namen «Rote Armee Fraktion» für die noch namenlose Terroristengruppe.

Nach diesem Muster teilt das deutsche Autorenpaar Anja und Michael Tsokos mit der Leserschaft prägende Erinnerungen an die Geschichte der DDR und derer Wiedervereinigung mit der Bundesrepublik. Dass sie uns dabei «die Sicht von Labensky» aufnötigen können, bedarf eines leider sehr plumpen Tricks. Der Protagonist erzählt die Episoden seiner und der DDR Vergangenheit nämlich auf einer Flixbus-Fahrt von Erfurt nach Warnemünde - im Schlaf zwar, aber doch so deutlich, ausführlich und in allen Details, dass auch die beiden Kinder, die afrikanische Migrantin und weitere wechselnde Sitznachbarn nicht nur alles verstehen, sondern beim – ebenfalls unrealistisch informierten - Nachfragen vom senilen Schläfer DDR-Geschichtsunterricht erhalten, wie ihn ein studierter Historiker nicht besser erteilen könnte.

Wer diese handwerkliche Schwäche auszublenden vermag, kommt aber bei dieser unterhaltsamen Geschichtsklitterung durchaus auf seine Rechnung.  

Sich lichtende Nebel. Von Christian Haller.

Von Hunden und ihren Haltern sagt man ja, dass sie sich mit der Zeit physiognomisch und  sonst zu ähneln beginnen. Den Eindruck hatte ich – natürlich mit anderen Vorzeichen – auch vom Buch «Sich lichtende Nebel» und seinem Autor Christian Haller. Auf Fotos von der Verleihung des Schweizer Buchpreises sieht dessen letztjähriger Träger aus wie ein pensionierter Brugger Geschichtslehrer: Korrekt und kompetent, trocken und arm an Temperament. Und so kam mir auch seine ausgezeichnete Novelle «Sich lichtende Nebel» vor.   

Der 82-jährige Schweizer Schriftsteller aus Brugg schreibt über den deutschen Physiker Werner Heisenberg, Erfinder der Quantenmechanik. Als einer, der an der Matur in Physik eine «2» hatte, bin ich in diesen Sphären verloren und deshalb dankbar für die Haller’sche Übungsanlage. 1925 sitzt besagter Heisenberg auf einer Parkbank in Kopenhagen und sieht, wie ein vorübergehender Mann im Lichtkegel einer Strassenlampe auftaucht, daraufhin im Dunkel verschwindet und im Licht der nächsten Laterne wieder erscheint. Aus dieser Beobachtung definiert der Wissenschafter dann seine revolutionäre Theorie. Der namenlose Passant weiss nichts von der Rolle, die er bei der Entdeckung der Quantenmechanik gespielt hat, kämpft aber seinerseits mit einem physikalischen Phänomen. Der verwitwete Geisteswissenschafter stellt fest, dass er manchmal «in die Materie hineinschauen» kann, was ihm verständlicherweise nicht einmal sein letzter verbliebener Freund glauben mag.  

Diese beiden Lebenslinien verknüpft Haller zu einem «literarischen Vexierspiel über Trauer und Einsamkeit, die Grenzen unserer Erkenntnis und die Frage, wie das Neue in unsere Welt kommt», wie es Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung formuliert hat. Wider mein Erwarten hat sich bei der Lektüre der Physiknebel auch für mich phil.-I-er genügend gelichtet, um die zentrale Aussage zu verstehen. Dass ich das Bändlein auch gekauft und gelesen hätte, wenn sein Autor dafür nicht mit dem Schweizer Buchpreis 2023 ausgezeichnet worden wäre, glaube ich allerdings weniger.

Das späte Leben. Von Bernhard Schlink.

Den allethalben hochgehypten «Baumgartner» des gefeierten US-Amerikaners Paul Auster habe ich zwar gelesen, aber im Büchercheck nicht besprochen. Die ziellos mäandernde Story ohne überspannenden Bogen und ein fehlendes Ende langweilte mich mit endlosen Selbstbemitleidungen der alternden Titelfigur, deren «Chnörze» unschwer als solche des 77-jährigen Autors zu durchschauen sind.

Vom Titel und vom Alter des Verfassers her habe ich deshalb das neueste Werk von Bernhard Schlink (*1945) erst einer ähnlichen Tendenz verdächtigt. Im Mittelpunkt der Handlung steht ein 76-jähriger Jusprofessor, der aus heiterem Himmel die Diagnose Bauchspeicheldrüsenkrebs erhält und höchstens noch drei Monate zu leben hat. Das schüttelt ihn zünftig durch, auch weil er mit einer dreissig Jahre jüngeren Frau verheiratet ist und ihr gemeinsamer Sohn noch in den Kindergarten geht. Anders als Baumgartner ergeht er sich aber nicht in selbstgerechten Jeremiaden, sondern verbringt noch möglichst viel «Quality time» mit seinen Nächsten, schafft Dinge, die sie nach seinem Tod positiv an ihn erinnern würden.

«Das späte Leben» erreicht zwar meiner Ansicht nach nicht das Niveau von Schlinks Welterfolg «Der Vorleser» aus dem Jahr 1995, ist aber immer noch um Welten besser als das selbstreferenzielle Gejammer des Kollegen Auster. Die Schilderung von Professor Brehms letzten Monaten und Wochen besticht durch die vordergründig teilnahms- und emotionslose Schlichtheit, die Schlinks Werke auszeichnet und mit welcher der Autor die grossen Fragen von Leben und Tod auf ein alltägliches Niveau herunterholt. Zum Beispiel auf das eines Komposthaufens, den der Vater mit seinem Sohn einrichtet, auf dass sich dieser bei dessen späteren Betreuung an ihn erinnern möge. Ein kleines, schönes, berührendes Buch – und für einmal ein Altmännerroman ohne jede Peinlichkeit.   

Eigentum. Von Wolf Haas.

Wo Wolf Haas draufsteht, ist in der Regel Brenner drin. Aber interessant: Im neuen Buch des 64-jährigen österreichischen Schriftstellers spielt nicht der kauzige Ermittler die Hauptrolle, den Büchercheck-Fans unter anderem als «Müll»-Experten kennengelernt haben https://www.buechercheck.com/2022/03/31/muell-von-wolf-haas. «Eigentum» ist die Lebensgeschichte von Mama Haas, die ihr Sohn beim Sterben begleitet und sich dabei in Erinnerung ruft, was er von ihr und ihrem Leben weiss.  

«Ich war angefressen», beginnt das lediglich 160 Seiten umfassende Bändchen. «Mein ganzes Leben lang hat mir meine Mutter weisgemacht, dass es ihr schlecht ging. Drei Tage vor dem Tod kam sie mit der Neuigkeit daher, dass es ihr gut ging. Es musste ein Irrtum vorliegen.» In Rückblenden blättert Haas die Geschichte einer Frau auf, die 1923 geboren und mit ihrer Familie die Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und den 2. Weltkrieg durchlitten und in dieser Zeit erlebt hat, was Eigentum bedeutet, wenn man es nicht hat. Armut, Arbeit und vor allem Sparen prägten ihren Alltag, und trotzdem blieb der Erwerb eines eigenen Fleckchens Erde ein Traum, auch als das deutsche Wirtschaftswunder geschah und der Anstieg der Grundstückpreise ihren Sparanstrengungen immer zwei Schritte voraus waren.

Es kommt ja nicht immer gut an, wenn ein Serienautor die vertrauten Pfade verlässt, auf denen ihn sein Publikum gerne wandeln sieht. (https://www.buechercheck.com/2022/08/01/mord-in-der-strasse-des-29-november-von-alfred-bodenheimer/) Wer den neuen Haas liest, wird jedoch dem Brenner-Groove keine Minute nachtrauern. Zu deutlich schimmert der vertraute grantig-bärbeissige Erzählstil des Kommissars auch in dieser durch und durch sensible Bilanz eines langen Lebens durch. Unter dem Motto «Rauhe Erzählschale, weicher Sohneskern» eine sehr gefällige Lektüre.  

Sein Sohn. Von Charles Lewinsky.

Wieder hat sich der wunderbar wandelbare Schweizer Comedy- und Drehbuchautor, Songtexter und last not least Schriftsteller Charles Lewinsky an eine Biographie gewagt. In lakonischen Sätzen erzählt er die Geschichte eines Knaben, der in einem Mailänder Waisenhaus aufwächst. Ein Unbekannter hat ihn dort abgegeben und Kost und Logis bis zum vollendeten 18. Lebensjahr gleich vorausbezahlt. Dieser Louis Chabos reisst aber vorher schon aus und heuert in Napoleons Truppen an.

Nach traumatischen Erlebnissen auf dem Russlandfeldzug 1812 wird er in Graubünden sesshaft, gründet eine Familie und findet als anerkannter Bürger und Funktionär in seiner Gemeinde ein vorübergehendes Glück. Die Frage nach seinen Eltern lässt ihn jedoch nicht ruhen, und er sammelt immer mehr Hinweise darauf, dass ihn der französische «Bürgerkönig» Louis-Philippe I. während seiner Emigration im Kanton Graubünden mit einer Köchin gezeugt haben muss. Er findet auch seine Mutter, kann sie allerdings wegen ihrer fortgeschrittenen Demenz nicht befragen. Deshalb macht er sich auf nach Paris, wo sein mutmasslicher Vater unterdessen als König eingesetzt worden ist. Seine Versuche, bei Hofe vorgelassen zu werden, scheitern jedoch; Chabos landet in der Gosse und stirbt, fern von Heimat und Familie, in der Stadt an der Seine.

Erzählt wird die Geschichte in bester Lewinsky-Manier: Spannend, mit starken Figuren, viel Tempo und der erzählerischen Routine eines mit allen Stilwassern gewaschenen Profis. Die 100 kurzen Kapitel haben Kürze und Würze und geben einen aufschlussreichen Einblick ins Leben des «kleinen Mannes» im 18. Jahrhundert in der Schweiz und in Frankreich. Verbürgt ist an der Story allerdings lediglich, dass es Louis Chabos gegeben hat. Der Rest ist Fiktion, aber nichtsdestotrotz – oder gerade deswegen – ein Lesevergnügen der Sonderklasse.

Glitsch. Von Adam Schwarz.

Ältere Büchercheck-Leserinnen und -Leser erinnern sich möglicherweise an die Hörspiele, mit denen das Studio Basel von Radio Beromünster in den 1950-er Jahren die Schweiz das Gruseln lehrte. Die Episoden jener Serie begannen mit einer banalen Alltagssituation, die im Verlauf der Sendung ins Mysteriös-Schauerlich-Absurde kippte und deren Rätsel auch am Schluss nicht aufgelöst wurden. «Verzell du das em Fäärimaa!» fordert man in Basel einen auf, der solche unwahrscheinlichen Geschichten zum Besten gibt.   

Der 33-jährige Zürcher Autor Adam Schwarz hat zwar in Basel Germanistik studiert; dennoch ist es unwahrscheinlich, dass ihn diese Sendung zu seinem zweiten Roman inspiriert hat. Mich hingegen hat «Glitsch» sehr an das Fäärimaakonzept erinnert. Die Kreuzfahrt, auf der sich der Protagonist und seine Freundin befinden, beginnt nämlich harmlos und bedient zum Vergnügen aller, die sich auf solchen Kreuzern auskennen, alle Clichés dieser Urlaubsform aufs Köstlichste. Als dann aber diese Kathrin eines Tage zwischen Swimming Pool und Apéro samt Gepäck spurlos verschwindet, mehren sich die Anzeichen, dass auf diesem Kahn etwas nicht stimmt. Aus dem ahnungslosen Kreuzfahrer Léon wird Schritt für Schritt ein gemobbter und geghosteter blinder Passagier auf dem Geisterschiff unter dem Kommando einer obskuren Weltuntergangssekte.

Über die Auflösung des Horrortrips und das Schicksal des unglückseligen Léon und seiner Kathrin sei an dieser Stelle nichts verraten. Weniger um die Lektüre dieses handlichen kleinen Meisterwerks nicht ihrer Spannung zu berauben als vielmehr deshalb, weil die mysteriöse Geschichte in bester Fäärimaa-Tradition nicht wirklich eine bietet. Immerhin offeriert der Autor im Titel eine mögliche Erklärung für die aus dem Ruder gelaufenen Ereignisse. «Glitsch» bezieht sich nämlich nicht (nur) auf die glitschigen Planken der Aussendecks, sondern steht auch für einen sogenannten «Glitch», einen Fehler in einem von Léons Computerspielen. Und damit für eine durch eine Fehlprogrammierung aus dem Ruder gelaufene Handlung.

Lichtspiel. Von Daniel Kehlmann.

Mit «Mr. Goebbels Jazzband»(https://www.buechercheck.com/2023/11/05/damien-lienhard-mr-goebbels-jazz-band/) haben wir auf diesen Seiten erst kürzlich einen Roman gecheckt, welcher vom Dilemma vieler Kulturschaffender im  Nazi-Deutschland der 1930er und 1940er-Jahre handelte. Sollte man auswandern oder sich anpassen? Dieses Themas nahm sich letzthin auch Charles Lewinsky für seine Biografie des Schauspielers Kurt Gerron (1897 – 1944) vor, und in dieselbe Kerbe haut mit «Lichtspiel» nun auch der 48-jährige deutsche Starautor Daniel Kehlmann («Die Vermessung der Welt», «Tyll»).

Sein Protagonist ist der Theatermann und Filmregisseur Georg Wilhelm Pabst (1885 – 1965). Wie Gerron beginnt der gebürtige Wiener seine Karriere als Schauspieler und Regisseur in Stummfilmen und macht dabei die «göttliche» Garbo gross. 1933 erliegt er dem Lockruf Hollywoods, kommt jedoch mit der Produktionsweise der grossen Studios nicht zurecht und kehrte nach Europa zurück. Als sich dort aber die braune Gefahr überall auszubreiten beginnt, will er trotz der gemachten schlechten Erfahrungen definitiv in die USA auswandern. Am Tag vor der geplanten Abreise aus seiner österreichischen Heimat wird diese zur Hitler’schen «Ostmark» und Pabst sitzt mit Frau und Sohn fest. 

In der Folge gibt er den erpresserischen Avancen von Hitlers Propagandaminister nach, der den weltberühmten Filmemacher für die Propagandawalze des nationalsozialistischen Regimes einspannen will. Kehlmann zeichnet nach, wie Papst nach einer grossartig geschilderten Unterhaltung mit Goebbels einige Filme produziert, die zwar nicht offen nazistisch sind, aber doch mehr oder weniger linientreu und deshalb vom Propagandaministerium das Prädikat «staatspolitisch und künstlerisch wertvoll» erhalten. Die zentrale Rolle in einem mitreissenden Finale spielen dann Entstehen und Verschwinden des verschollenen Papst-Streifens «Molander», die Kehlmann mit amüsanten fiktionalen Elementen anreichert.

Das Thema ist, wie erwähnt, nicht neu. Aber der Ausnahmekönner Kehlmann erzählt es so gekonnt und spannend, dass man «Lichtspiel» nur widerwillig zur Seite legt.  

Zu Tode verwahrt. Von Beat Meier.

Auch Bücherchecker erhalten zuweilen Lektüreempfehlungen. Ein Freund bat mich um mein Urteil über das Buch «Zu Tode verwahrt» eines mir unbekannten Beat Meier. Nach einem Blick auf Thema, Verfasser und Umfang des Werks neigte ich erst zu meinem üblichen Vorgehen in solchen Fällen:  Kursorische Lektüre, summarische Beurteilung, unverbindliche Rezension. Aber dann hatte ich den Wälzer in zwei Abenden durch ….

Der Autor hat wegen gestandener, hauptsächlich aber aufgrund von ihm und den Betroffenen bestrittenen pädophilen Übergriffen dreissig Jahre seines nunmehr 77 Jahre dauernden Lebens hinter Gittern verbracht. In seiner Autobiografie erzählt er, wie es zu Anklagen und Verurteilungen kam und weshalb er nach Verbüssung seiner Strafe nicht auf freien Fuss gesetzt wurde, sondern bis auf den heutigen Tag verwahrt geblieben ist. Was sich über weite Strecken liest wie die überzeichnete Karikatur einer voreingenommenen Justiz sowie eines korrupten Strafvollzugs und ihrer Repräsentanten, stellt sich allerdings als reale Darstellung dieser Institutionen heraus und wirft darüber hinaus ein schiefes  Licht auf ethische Standard der Boulevardpresse. Das Fazit der Kampfschrift: Pädophile haben geringere Aussicht auf ein faires Gerichtsverfahren und sind nach ihrer Verurteilung der Willkür der Gefängnisaufseher und der Grausamkeit der Mitgefangenen stärker als andere Straftäter ausgesetzt. Auch wenn einer, wie Meier, mit sämtlichen Rechtsmitteln und der Unterstützung vieler Freunde unermüdlich gegen staatliche Willkür und mediale Vorverurteilung kämpft.

Klar lässt seine Darstellung mit «audiatur et altera pars» («Man muss sie hören alle beed …») selber einen zentralen Grundsatz der Rechtssprechung ausser Acht. Aber selbst wenn nur die Hälfte der Fakten stimmten, die der ehemalige Verdingbub und vielfach begabte Autodidakt in seiner Anklage sorgfältig belegt, zeichnete «Zu Tode verwahrt» ein über weite Strecken verstörendes Bild der Schweizer Rechtssprechung, ihrer Vollzugsanstalten und ihrer Medien.