Erschütterung. Von Percival Everett

von Roger Thiriet

Der Ich-Erzähler Zach Wells ist ein alternder, im Beruf und der Ehe desillusionierter Archäologie-Professor, der seinen drögen privaten und akademischen Alltag unter der Sonne Kaliforniens mit zynischem Desinteresse angeht. Das einzige, was der «Man of Colour» liebt und wofür er echtes Interesse und emotionales Engagement zeigt, ist seine mittlerweile 12jährige Tochter. Als das Kind vor seinen und seiner Frau Augen in wenigen Jahren an einer seltenen Krankheit buchstäblich zerfällt und im Pflegeheim stirbt, eskaliert seine Unzufriedenheit mit dem Leben zu einer veritablen Krise.

In der Folge lenkt sich der verzweifelnde Vater mit der verbissenenen Verfolgung einer rätselhaften Spur ab, auf die ihn geheimnisvolle Botschaften in einer auf e-bay bestellten Jacke geführt haben. Er verfolgt den Hilferuf bis an die mexikanische Grenze, wo er einem mafiösen Mädchenhändler-Ring auf die Spur kommt: Skrupellose Verbrecher entführen in Mexico Frauen und zwingen sie zur illegalen Arbeit in ihrem dubiosen Versandzentrum hinter der mexikanisch-amerikanischen Grenze zwingt.

Nicht nur die zweigleisig angelegte Story – Zach rettet fremde Frauen, weil er der eigenen Tochter nicht helfen kann – hat mir gefallen; auch der Erzählstil des Autors hat es mir angetan. Bei aller Grundunzufriedenheit der Hauptfigur und der Tragik des Geschehens in beiden Handlungsfeldern lässt Sprachkünstler Everett immer wieder einen lakonischen, schalkhaften US-Humor aufblitzen, der die Lektüre zum ungetrübten Vergnügen macht.  

Ich bin in diesem Check nicht auf nähere Details der Handlung eingegangen. Eine Besprechung dieses Romans in der Basler Zeitung vom 27. April 2022 weist nämlich darauf hin, dass es von diesem Roman drei Versionen gibt, die sich in einzelnen Sätzen, aber auch in wichtigen Handlungsepisoden unterscheiden. «Mal plant der Held etwas nur, mal führt er es aus, mal wird er dabei gestört. Auch der Schluss unterscheidet sich deutlich.» Aha. Mal was anderes!

Alissa kauft ihren Tod. Von Ljudmila Ulitzkaya

von Roger Thiriet

Man will ja in diesen kriegerischen Tage vielleicht mal wieder den Tiefgründen der russischen Seele nachspüren und dazu nicht gleich zu einem der «Fünf Elefanten»* greifen. In einem solchen Fall empfehle ich den Erzählband der in diesem Jahr nach Berlin emigrierten Moskauer Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaya. Russische Seele und Literatur in kleinen, aber hochkarätigen Portionen!

Die Moskauer Schriftstellerin, die erst kürzlich nach Berlin ausgewandert ist, erzählt Alltagsgeschichten, die alltäglich beginnen, aber dann bald unerwartete Wendungen nehmen und neue Perspektiven eröffnen. Eine Frau verpuppt sich und wird zum Schmetterling. Eine junge Moskauerin wird mit einem Iraker verkuppelt und findet ihr Glück im englischen Exil. Eine Aserbaidschanerin und eine Armenierin überwinden in einer langjährigen Liebesbeziehung die Feindschaft ihrer Völker.

Die Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten ist in drei Zyklen geordnet und bietet sowohl Poesie und Prosa. Grosse Dramen und Kleinstbeobachtungen wechseln sich ab, es bestechen die alltagsnahen Stoffe und der prägnante Stil der bald achtzigjährigen Autorin. Immer wieder sind mir bei dieser Lektüre übrigens die Kurzgeschichten von Haruki Mirakami in den Sinn gekommen. Wie bei ihm nehmen auch bei Ulitzkaja ganz gewöhnliche, banale Alltagssituationen unerwartet bizarre Wendungen und enden dann - scheinbar pointenlos – in einem abrupten Schluss.  

* Metapher der Übersetzerin Swetlana Geier für die fünf grossen Romane von Fjodor Michailowitsch Dostojewski.

Eine Liebe in Pjöngjang. Von Andreas Strichmann.

von Roger Thiriet

Wer sich für Nordkorea, seine Menschen oder die Situation und Stimmung dort interessiert, hat die Wahl zwischen unzähligen Sachbüchern und Zeitungsartikeln. Er und sie kann aber auch zu einem fiktionalen Werk greifen und damit zum handlichen 160-Seiten-Roman von Andreas Stichmann.

«Eine Liebe in Pjöngjang» erzählt eine richtig gute Geschichte. Eine deutsche Bibliothekarin mit gleichgeschlechtlicher sexueller Ausrichtung reist mit einer Delegation von deutschen Akademikern und Studentinnen in die verbotene nordkoreanische Hauptstadt. Dort will das Regime mit der Eröffnung einer deutschen Bibliothek eines seiner seltenen Zeugnisse von kultureller Völkerverbundenheit ablegen. In Pjöngjang angekommen verliebt sich diese Claudia Aebischer in ihre nordkoreanische Dolmetscherin Sunmi, und diese erwidert trotz des Gefälles zwischen den beiden deren Gefühle. Es ist ein grosses Vergnügen zu verfolgen - und verrät mehr über die absurden Seiten der Schreckensherrschaft in Nordkorea als so manche Reportage in der «ZEIT» oder der «FAZ» -, wie sich die beiden Frauen trotz der lückenlosen Überwachung durch Mikrofone, Kameras und regimetreue Funktionäre - sogar in der Hotelsauna - näher kommen.

Der Ausgang dieser unmöglichen Liebe in Pjöngjang muss an dieser Stelle nicht verschwiegen werden, weil er auch im Roman selber offen gelassen wird. Die beiden Frauen sind zwar am Schluss des Buches in Gehweite eines offenbar existierenden Fluchtwegs von Nordkorea nach China. Ob Sunmi ihn nimmt und ob ihr die Flucht gelingt, lässt Stichmann offen. Aebischers Weg nach dem riskanten Fluchthilfe hingegen ist nach klar und alternativlos: Ohne Geliebte zurück in die Heimat.   

Never. Von Ken Follet

Ken Follet ist ein klassischer Thriller-Autor. Seine Bücher erreichen Millionen-Auflage und sein neuestes Werk zementiert seinen Ruf als vielleicht bester Thriller-Autor ever. Der Mann ist knapp über 70 Jahre alt und liefert mit "Never" ein Werk ab, welches man nicht aus der Hand legen möchte und welches einem mit Sicherheit nicht unberührt lässt.

"Never" hat mehrere glasklare, gut verfolgbare und zeitgleich stattfindende Handlungsstränge, die am Schluss gar nicht einmal so richtig miteinander zu tun haben wollen. Follet beschreibt mit seinen verschiedenen Geschichten einige Krisenherde in auf dieser Welt und zeichnet so ein Bild der geopolitischen Lage, wie sie sich heute präsentiert. Über all diesen Geschichten steht das angespannte Verhältnis der Supermächte. China spielt mit. Korea (Nord und Süd) spielt mit. Amerika spielt mit und dort ist es letztlich die Präsidentin, die - ganz am Schluss des Buches - die Entscheidung treffen muss, für die sie vorbereitet ist, und doch in den Köpfen aller Menschen als "unmöglich" bezeichnet wird: Sie wird vor die Entscheidung gestellt, den "Knopf" zu drücken. Der Titel des Buches "Never" lässt bis zur letzten Seite hoffen, dass es wirklich "nie" zu dem kommen wird.

Follet setzt sich über alle Konventionen hinweg und beschreibt - mittels seinen Handlungssträngen, die tief in die persönlichen, intimen Lebensumstände der Entscheidungsträger dringen - wie es eben doch zu solchen Momenten kommen kann. Und das Erschreckende daran ist, dass man es liest und erkennt: "So was ist tatsächlich möglich!".

Wenn dann noch - im Laufe der Lektüre dieses grossartigen Werkes - der wirkliche Präsident von Russland die Ukraine überfällt und mit Atomkrieg droht, dann kann es einem schon Angst und Bange werden.

Man sollte sich dieses Buch nicht einfach so als "Ferienlektüre" kaufen. Es braucht ein bisschen Mut und ein bisschen Vorbereitung. Wer sich aber dafür entscheidet, kauf sich eine sehr spannendes und packendes Buch, geschrieben von einem ausgesprochenen Könner. Das Buch kostet über 40 Franken. Es ist jeden dieser Franken wert, weil es eben auch nach der Lektüre nicht aufhört...

Die Minderjährige. Von Evelina Kummer

Ups. Es ist schon wieder passiert. Der "Büchercheck" der jeweils durch onlinereports.ch weiterverbreitet wird, sollte - so wünsche ich es mir - einen Bezug zu Basel haben. Also bestelle ich die Bücher meistens bei den in Basel ansässigen Verlagen (reinhard und ilv) oder ich pilgere zu der grossen Buchhandlung und suche die "Basler Krimi"-Ecke auf. So auch im vorliegenden Fall: "Eine Romanze mitten in einem Verbrechen" aus dem ilv-Verlag in Basel muss eigentlich ein Krimi aus Basel sein. Noch kurz die Lektüre des Klappentextes und eine Interpretation des Buchtitels - passt (es geht um eine Gerichtsverhandlung! Und "Die Minderjährige" tönt auch etwas schlüpferig!) Doch weit gefehlt!

Es ist eine Erzählung einer deutsch-serbischen Autorin, die ganz offensichtlich gerne Liebesromane schreibt. Und das hat sie auch mit ihrem dritten ilv-Roman "Die Minderjährige" getan. Die Protagonistin - eine Zürcherin (!) - reist an ihrem Geburtstag nach Sanremo und beschreibt Reise, Motivation, Erlebnisse und Tragödien in einer wahrhaft blumenreichen und schönen Sprache. Man lebt mit der Dame mit, freut sich mit ihr und fühlt mit ihr und ihren Problemen mit. Wenn man weiblich ist und grad in der Midlife-Krise strampelt, dann ist das Buch sicher noch eine Nummer schöner.

Spannung kommt kaum auf. Die Geschichte plätschert so ein bisschen vor sich hin und es dauert weit über die Hälfte der verfügbaren Seiten, bis endlich etwas Kriminelles geschieht. Dann - Himmel hilf - wird der Lover der Dame verdächtigt und kommt hinter Gitter. Von den Ermittlungen der Polizei bekommen wir als Leserschaft so gut wie nichts mit. Nur die tonnenschweren Gedanken der schwer vom Leben und ihren Freundinnen enttäuschten Protagonistin werden ausgebreitet und man ergibt sich der Tragödie.

Dann folgt eine Beschreibung der Gerichtsverhandlung, wo es schwergewichtig um Menschenhandel geht (hier hat das Buch einen - unverschuldeten - Nachteil zu ertragen: Ich lese zeitgleich das Buch NEVER von Ken Follet, wo diese Tragik haarklein beschrieben wird. Dagegen ist so eine oberflächliche Abhandlung natürlich schwer im Nachteil...)

Bref: Natürlich gibts ein Happy-End und die Geschichte findet nach 186 Seiten einen Abschluss und das "düstere Ende" wird mit einem Stück Schokolade versüsst.

Das Buch ist kein schlechtes. Ich würde es nicht noch einmal kaufen (z.B. zum Verschenken). Aber wenn jemand schöne Geschichten mit ein bisschen "Crime" mag - bitte sehr. Das bietet dieses Büchlein von Frau Kummer in jedem Fall.

P.S. Das nächste Buch für onlinereports.com liegt bereit. Und ich habe mich zweifach versichert: Alles daran ist BASEL. Versprochen.

Der Markisenmann. Von Jan Weiler

von Roger Thiriet

2003 wurde Jan Weiler mit dem semi-autobiografischen Roman «Maria, ihm schmeckt’s nicht», der später auch verfilmt wurde, vom Werber und Journalisten zum Erfolgsautor. Der ehemalige Co-Chefredaktor des Magazins der «Süddeutschen Zeitung» publizierte in den darauffolgenden Jahren weitere Bestseller, unter anderem das ebenfalls verfilmte «Pubertier». Zur Zeit gastiert der Tausendsassa, der wie weiland Alfred Hitchcock vereinzelt auch kleine Rollen in den Verfilmungen seiner Werke übernimmt, mit dem «Markisenmann» wieder in den Bestseller-Listen.

Wie kürzlich Bernhard Schlink in der «Enkelin» legt auch Weiler seiner Geschichte die Trennung Deutschlands in West und Ost und einen daraus entstandenen familiären Konflikt zugrunde, wenn auch auf einem anderen literarischen Niveau als Meister Schlink. Im «Markisenmann» geht es um das Mädchen Kim, das ihre gesamte Jugend bei Mutter, Stiefvater und Halbbruder in gut situierten Verhältnissen in Westdeutschland verbracht hat und ihren leiblichen Vater nur von einem einzigen unscharfen Urlaubsfoto kennt. Erst mit sechzehn verbringt sie Sommerferien mit ihrem Erzeuger, der seine bescheidene Existenz vom Tür-zu-Tür-Verkauf von grauslich gemusterten Balkon-Markisen fristet. Locker-flockig erzählt Weiler, wie sich die Sechzehnjährige und ihr Erzeuger sachte einander annähern und den Sommer in wachsendem gegenseitigem Verständnis und Harmonie miteinander verbringen.

Die erzählte Geschichte ist zwar für meinen Geschmack aus einem allzu idealisierten Leben gegriffen, und auch die Erklärung der lange verheimlichten Vaterschaft, die auf ein Dreiecksverhältnis eben in der vergangenen DDR zurückgeht, wird am Schluss etwas zu glatt aufgelöst. Wer sich aber im Hinblick auf kommende unbeschwerte Ferienlesewochen einen unterhaltsamen Sommerroman auf den Nachttisch oder neben die Luftmatratze legen will, wird mit dem skurrilen Markisenmann und seinem pfiffigen Töchterlein sehr gut bedient sein.

Die Enkelin. Von Bernhard Schlink

von Roger Thiriet

Wer sich mal wieder geärgert hat ob trendiger Zeitgeistautor(inn)en, die mit lauter rotzig-coolen Wortkapriolen und superoriginellen Metaphernorgien darüber hinwegtäuschen wollen, dass sie keine Geschichte erzählen können, soll zum neuen Buch von Bernhard Schlink greifen. Der heute 78-jährige deutsche Jurist, Hochschullehrer und Schriftsteller hat 1995 mit «Der Vorleser» einen Welterfolg gelandet und legt nun mit «Die Enkelin» nach.

Die 365 Seiten handeln von einem Buchhändler aus Westdeutschland, der sich vor dem Fall der Berliner Mauer in eine Studentin aus der DDR verliebt, ihr zur Flucht in den Westen verhilft und sie heiratet. Das einst regimetreue FDJ-Mitglied wird aber nie heimisch im kapitalistischen System, verfällt dem Alkohol und stirbt. In ihrem Nachlass findet ihr Mann ihm unbekannte Unterlagen, die darauf hindeuten, dass sie vor der Ehe ein uneheliches Kind zur Adoption freigegeben hat und es nie über sich gebracht hat, nach dieser Tochter zu suchen.

Das übernimmt nun ihr Mann und findet die Frau, die verheiratet ist und mittlerweile selber eine Tochter hat. Obwohl die Mauer längst gefallen ist, lebt deren Familie in einer völkischen Gemeinschaft im Osten und hält die Ideale der untergegangenen DDR hoch. Die Enkelin verbringt nun zunehmend Zeit mit ihrem Stiefgrossvater im Westen, was Schlink die Möglichkeit gibt, die an sich schon x-mal beschriebenen Konflikte und Widersprüche von sozialistischen Idealen und westlichem Kapitalismus zu beschreiben, an denen schon die Grossmutter des Mädchens, wie so viele ihrer Zeitgenoss(inn)en, zerbrochen ist.

Aber wie er das tut! Trotz des hoch emotionalen Themas, der dramatischen Lebensgeschichten, der inneren Zerrissenheit der Protagonisten wie schon im «Vorleser» in einfachen Wörtern, schlichten Sätzen und unaufgeregten Schilderungen - beinahe unbeteiligt. Und trotzdem packt einen die Geschichte und fesselt einen von der ersten bis zur letzten Seite. Ein «page turner» vom Feinsten!

Ende in Sicht. Von Ronja von Rönne

von Roger Thiriet

Der zweite Roman der dreissigjährigen deutschen Kolumnistin, Bloggerin und Schriftstellerin von Ronja von Rönne lieferte mir einen weiteren Beweis für die These, wonach jemand, dem eine halbwegs anständige Kolumne von 1'200 Zeichen (incl. Leerschläge) gelingt, nicht zwingend auch einen Roman hinkriegt. So habe ich die rotzig hingeworfenen Kurzstücke von Rönnes in der der «ZEIT» noch gerne gelesen. Aber bei ihrem zweiten Roman «Ende in Sicht» ist wieder einmal der bei mir seltene Fall eingetreten, dass ich ihn nach der Hälfte zugeklappt und seither nicht mehr geöffnet habe.

Kurz nach Christian Krachts missglücktem «Eurotrash» (https://www.buechercheck.com/2021/08/03/eurotash-von-christian-kracht/) versucht sich auch von Rönne an der langfädigen Beschreibung eines Road-Trip zweier desillusionierter Menschen. Während Kracht mit seiner inkontinenten Mama durch die Schweiz tourt, sind es bei ihr zwei Frauen, die in die Schweiz fahren: Ein abgehalfterter Showstar, der seinem Leben mit einer Sterbehilfeorganisation ein Ende setzen will und ein fünfzehnjähriger Teenager, dessen Suizidversuch durch einen Sprung von der Autobahnbrücke auf dem Auto der Sängerin endet. Zusammen setzen sie eine Reise voll grotesken Allotrias fort, die sie unter anderem in ein Kreiskrankenhaus, ein Motel und auf ein Feuerwehrfest führt.

Weiter bin ich, wie gesagt, nicht gekommen. Die Autorin lässt jede auch noch so geringe Chance aus, den dürftigen Handlungsstrang einigermassen plausibel, halbwegs glaubwürdig und irgendwie lustig voranzutreiben. Statt dessen greift sie in so hoher Kadenz in die Cliché-Kiste und zu den abgelutschtesten Metaphern, dass einem das Weiterlesen bald gründlich verleidet. Wenn der Verlag in der Anpreisung den Satz «Könntest du die Freundlichkeit besitzen, nicht in meinem Auto zu sterben?» als bestes Beispiel für den «tieftraurigen, eleganten und lakonischen» Stil von Frau von Rönne herausheben muss, ist eigentlich alles gesagt. Ich fand ihn grotesk, plump und geschwätzig. Wieder mal ein Spiegel-Bestseller, bei dem ich mich frage, nach welchen Kriterien dieses Magazin seine Top Ten kürt.   

Serge. Von Yasmina Reza

Ich weiss nicht, ob man das in Zeiten von political correctness überhaupt noch so sagen darf, aber: Ich liebe den jüdischen Humor. Vor vierzig Jahren habe ich die Kurzgeschichten von Ephraim Kishon verschlungen und später den selbstironischen Ansatz jüdischer Humoristen im Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» von Thomas Meyer oder im  Film «Alles auf Zucker» von Dani Levy wieder gefunden. Einen grossen Teil der Komik generieren die Autoren dieser Werke ja mit der ironischen Beschreibung der selber erfahrenen Irrungen und Wirrungen, welche die Vorschriften und Traditionen der Religion in jüdischen Grossfamilien so mit sich bringen.  

Als in den Bestseller-Listen deshalb unlängst «Serge» von Yasmina Reza auftauchte – einer französisch-iranischen Autorin aus einer alten und weitverzweigten jüdischen Familie - und mit den Worten «Die Geschwister Popper: Serge, verkrachtes Genie und homme à femmes, Jean, der Vermittler und Ich-Erzähler, und Nana, die verwöhnte Jüngste mit dem unpassenden spanischen Mann. Eine jüdische Familie!» angepriesen wurde, habe ich sofort zugegriffen. Und keine einzige von insgesamt 200 Seiten hat meine hoch gesteckten Erwartungen enttäuscht. Reza schildert die Pilgerfahrt von drei Geschwistern einer jüdischen Familie in die Konzentrationslager Auschwitz und Birkenau mit soviel unterhaltsamer Ironie und beissendem Sarkasmus, wie sie sich ein Nichtjude niemals herausnehmen dürfte ohne sich des Rassismus verdächtig zu machen. Dabei vermeidet sie jeglichen Klamauk, wie ihn etwa Levy in seiner «Zucker»-Komödie grosszügig veranstaltet, sondern spiegelt die persönlichen Schwächen der zerstrittenen Familienmitglieder anrührend verständnis- und liebevoll. 

Nils Minkmar hat in der «Süddeutschen Zeitung» über «Serge» geschrieben: «Dieses meisterliche Buch gehört zum Besten, was es derzeit zu lesen gibt.» Wo er recht hat, hat er recht ….

Shuggie Bain. Von Douglas Stuart

Als ehemaliger Anglistik-Student lese ich Bücher aus dem angelsächsischen Raum manchmal im Original. Das versuchte ich im letzten Sommer auch etwa mit dem Debutroman «Shuggie Bain» von Douglas Stuart. Ich kam jedoch über die ersten paar Seiten nicht hinaus, da der schottisch-amerikanische Schriftsteller die Dialoge im kernigen, aber für Nicht-Schotten schwer verständlichen Dialekt der Glasweger (sic!) Arbeiterklasse verfasst hat. Diese Hürde konnte auch Sophie Zeitz, die den Roman ins Deutsche übersetzt hat, nicht nehmen. Statt in diesen einfach beim Standarddeutsch zu bleiben – Stuart verortet ja den Schauplatz Glasgow und das Milieu der arbeitslosen Bergbau-Arbeitern gleich am Anfang -  greift sie auf einen grotesk überzeichneten, beim Lesen arg ermüdenden Berliner Jargon zurück. Unnötig!

Das ist aber das Einzige, was an diesem mit dem Booker Price ausgezeichneten Bestseller den Lesegenuss trübt. Er spielt vor dem Hintergrund der Armut und der sozialen Hoffnungslosigkeit der nordenglischen Zechenkumpel, die in Aera des Thatcherismus ihre Arbeit verloren haben, und ihrer Familien. Sein Titelheld Shuggie wächst in Glasgow auf, der Vater verlässt die Familie früh und der Siebenjährige bleibt erst mit zwei Halbgeschwistern und nach ein paar Jahren allein mit seiner Mutter. Diese verfällt angesichts der beelendenden Situation zunehmend dem Alkohol und der kleine, zarte und höfliche Shuggie, der zu alledem in der Schule als «Schwuchtel» gemobbt wird, beschützt und pflegt seine Mutter mit unerschütterlicher Liebe und bedingungsloser Hingabe auch in den tiefsten Abgründen ihrer Sucht und bis zu ihrem Tod. Als sie stirbt, ist er 16 und auf sich selbst gestellt.

Douglas schildert in seinem Buch seine eigene Jugend, inklusive fehlendem Vater, süchtiger Mutter und Homosexualität und dem einsamen Leben in einer schäbigen Pension ab Alter 16. Kein Wunder sind Milieu und Personal dieses 500-Seiten-Wurfs an Authentizität nicht zu überbieten. Man möchte ihn am liebsten in einem Zug durchlesen.