Das Geständnis einer Hundertjährigen. Von Yvette Kolb.

Der Plot dieser Geschichte ist so genial und einfach. Ich bin sicher, er ist schon mehrmals bemüht worden (ich kenne allerdings keine andere Version). Aber das eine lokale Autorin diese Idee aufgreift und so schön umsetzt, ist ein Geschenk!

Yvette Kolb ist liaterarisch gebildete Frau: Sie hat den Grossmeister Ephraim Kishon jahrelang als "Vorleserin" begleitet und so wohl eine gehörige Portion Qualität in Sachen Sprache und Witz abbekommen. Und das merkt man bei diesem Buch in jeder Zeile: Ein Hunderjährige, die für einmal nicht aus dem Fenster steigt, sondern sich an einen Tisch setzt und ihr Leben einem imaginären Kommissar in allen Einzelheiten erzählt. Nicht weil sie das lustig findet, sondern weil sie vor ihrem bevorstehenden Ableben noch ein paar Morde (oder waren es Unfälle?) gestehen will.

Die Frau erzählt ihr Leben mit einer Leidenschaft und für Menschen der heutigen Zeit mit einem grossen Lerneffekt. Die Lesenden bekommen nebenbei die Lebensumstände der letzten hunder Jahre serviert!

Natürlich ist es ein Buch mit praktisch keiner Live-Action! Umso bemerkenswerter ist es, dass die Lady durch die Gewandtheit der Autorin einen sehr lebendigen und spannenden Erzählstil zugeschrieben bekommt. Es ist ein Vergnügen dieses Büchlein zu lesen. Erwähnenswert sind auch die lustigen Illustrationen vom bekannten Zeichner Jürgen von Tomei...

Einzig der Schluss: Man sieht ihn leider kommen. Und das ist ein bisschen schade. Aber dennoch: Wenn es noch Platz hat auf dem Nachttischli: Gerne kaufen (Das Buch ist auch nicht so gross...)

Ein französischer Sommer. Von Francesca Reece.

von Roger Thiriet

Ferien im Süden sind ja im Sommer 2022 Jahr für Mitteleuropäer*innen nicht problemfrei zu haben. Abgesagte Flüge, Chaos an den Flughäfen, verstopfte Autobahnen, überlastete Züge, Hitzewellen und Waldbrände haben vielen Sonnenhungrigen den Aufenthalt im Süden vergällt. Ich hatte Glück und kam in den Genuss von vierzehn heiteren und rundum störungsfreien Tagen nahe der Parfumstadt Grasse im Hinterland der Côte d’Azur.  

Für die Lesestunden am Pool hatte ich wie gewohnt Bücher mit Lokalkolorit mitgenommen. (Vor zwei Jahren in Gordes verschafften mir die köstlichen Reminiszenzen eines dort niedergelassenen Briten* heiterste Einblicke in die Eigenheiten der Provence und ihrer Bewohnern.) Aufgrund der gefundenen Kurzzusammenfassungen («Sinnlich und spannend!» «Der perfekte Sommerroman!») fiel meine Wahl heuer auf Francesca Reeces Roman «Ein französischer Sommer». Und das Werk erfüllte meine – nicht allzu hohen - Erwartungen vollauf.

Es geht um eine junge Frau, die von einem alternden Zweitklass-Künstler engagiert wird, um einen Sommer lang seiine Tagebücher zu sichten und zu ordnen. Mit fortschreitender Arbeit stellt sich heraus, dass sie dieses Engagement nur ihrer Ähnlichkeit mit einer nie vergessenen Liebe ihres Auftraggebers verdankt. Dieser Haupthandlungsstrang wird nun über fast 500 Seiten verschwenderisch garniert mit allem, was in der Vorstellung des Durchschnittslesers einen Sommer zwischen Saint Tropez und Marseille unter Schönen, Reichen und ganz schön Reichen ausmacht: Tolle Villa, permanente An- und Abreisen von geladenen und nicht geladenen Gästen, endlos-opulente Buffets auf Steintischen im Freien unter Olivenbäumen, freizügiger Umgang mit Alkohol, Sex und härteren Drogen sowie wechselnde Liebschaften, Eifersuchtsdramen und Beziehungsbrüche. Und alles natürlich unter der sengenden und manches Hirn erweichenden Sonne des Midi.

Fazit: Wer heuer um seinen Südfrankreich-Urlaub gebracht wurde, erhält hier für sein Geld ein durchaus wirksames Generikum.

* Peter Mayle, «Mein Jahr in der Provence»

Die Diplomatin. Von Lucy Fricke.

von Roger Thiriet

Bei der routinemässigen Suche nach neuem Lesestoff wäre ich vermutlich beim Namen Lucy Fricke nicht hängen geblieben. Als allerdings die renommierte Wochenzeitschrift «DIE ZEIT» den früheren deutschen Aussenminister Heiko Maas den neuen Roman der 48-jährigen deutschen Autorin  besprechen liess, war meine Aufmerksamkeit geweckt.

«Die Diplomatin» handelt von der deutschen Botschafterin Friederike Andermann und ihren Erlebnissen in ihren beiden Dienstorten Montevideo und der Türkei. Manch lustvoll von ihr ausgebreitete Anspielung auf genossene Lust und erlittenen Frust im Dienst der Republik dürften Maas als ehemaligen Chef der bundesdeutschen Diplomatinnen und Diplomaten nicht kalt gelassen haben, bietet der Plot doch den einen oder anderen wenig schmeichelhaften, dafür offenbar umso realistischeren Einblick in den Alltag seiner ehemaligen Untergebenen. Einerseits ist es die träge Bürokratie-Routine, anderseits aber auch die eingeschränkte Handlungsfähigkeit angesichts von schwierigen Situationen wie Entführungen und Terror, welche die Diplomatin zunehmend desillusionieren und sie letztendlich den Glauben an den Sinn ihres Berufs und ihres Handelns verlieren lässt. 

Wer gerne hinter die Kulissen eines diplomatischen Diensts schaut - und deshalb zum Beispiel des Schweizer Kabarettisten Viktor Giacobbos Groteske «Ernstfall in Havanna» gemocht hat – kommt bei Lucy Fricke voll auf die Rechnung. Die 250 Seiten lesen sich leicht und flüssig, und wie Heiko Maas lassen auch mich «die schmucklose Sprache und der trockene Humor eine unbedingte Leseempfehlung» aussprechen.

Das mangelnde Licht. Von Nino Haratischwili.

von Roger Thiriet

Als «georgische Elena Ferrante» («Meine geniale Freundin») hat sie kürzlich ein Literaturkritiker bezeichnet. Und in der Tat: Die erst 39-jährige georgisch-deutsche Schriftstellerin und Theaterautorin Nino Haratischwili erweist sich als Meisterin des grossen Gesellschafts- und Generationenromans. In ihrem Roman «Das mangelnde Licht» verknüpft sie die Lebensschicksale von vier Freundinnen mit den historischen Abläufen nach der Loslösung Georgiens von der Sowjetunion anfangs der 1990er Jahre.

Die Lebens- und Beziehungsgeschichte von Dina, Ira, Nene und Keto rollt Letztere als Ich-Erzählerin in Rückblenden auf. Die Erinnerungen an die Jahre ihrer Kindheit und Jugend in Tbilissi wecken Bilder, welche die früh verstorbene Dina als Kriegsfotografin gemacht hat und denen 2019 eine grosse Retrospektive gewidmet wird. An der Vernissage dieser Ausstellung in Brüssel treffen sich die noch lebenden drei anderen Frauen das erste Mal wieder, nachdem ihre Wege – auch wegen des tragischen Tods Dinas und gravierender Zerwürfnisse im Zusammenhang mit der politischen Entwicklung – lange Zeit getrennt verlaufen waren. Der Abend verläuft turbulent und endet mit der gleichen Szene, mit welcher die Geschichte begonnen hat: Die Freundinnen steigen über den Zaun in einen geschlossenen Park und nehmen ein Bad unter einem Wasserfall ...

Ich habe diesen Wälzer in die Sommerferien mitgenommen, weil seine gut 800 Seiten eine gewisse Garantie zu bieten schienen, dass ich nicht schon nach einer Woche lektürelos am Pool liegen würde (eine Urangst von mir, die allerdings in Zeiten des Internet und des e-Book-Readers nicht mehr wirklich gerechtfertigt ist ....). Aber lange hat der Lesevorrat nicht gehalten. Zu spannend zeichnet Haratischwili ihre Charaktere, zu dynamisch ist der Bogen ihrer Geschichte, zu fesselnd das Storytelling und zu informativ die Streiflichter auf mir bisher wenig vertraute Details des georgischen Freiheitskampfs und des Auseinanderbrechens der Sowjetunion, als dass ich dieses Buch freiwillig für länger als eine Abkühlung im Pool aus der Hand legte. Must read!

606. Von Candice Fox.

Der Plot von diesem Buch ist einfach und könnte sein: Mit einem "Buebetrickli" gelingt es den hochgefährlichen Inhaftierten aus einem amerikanischen Bundesgefängnis dessen Türen zu öffnen und insgesamt 606 Insassen türmen in die Freiheit. Das Buch erzählt einige der Geschichten, was die Geflüchteten unternehmen, welche Ziele sie haben und wann und in welchem Zustand sie aufgrund einer umfangreichen Menschenjagd zurück gebracht werden.

Letzlich wären 606 Geschichten zu erzählen. Es reichen aber eine Handvoll Schicksale und Geschichten um aus diesem Wälzer ein hoch spannendes und toll geschriebenes Buch zu machen. Es ist nicht ganz gewaltfrei aber man stellt sich lesenderweise hinter einige dieser Charakteren. Insbesondere dann, wenn diese hehre Absichten verfolgen und - in einem Beispiel - ihre Unschuld beweisen wollen bzw. müssen. Natürlich gehts nicht ohne Liebesgeschichte und Betrügereien. Letztlich aber ist es der Autorin, einer knapp 40jährigen Krimiautorin aus Australien gelungen, ein Sahnestück zu ihren bisherigen Werken beizufügen.

Ich persönlich hatte grosse Freude an diesem Buch. Eine wirklich grosse und toll konstruierte Gesamtanlage, viele gelungen Geschichten und sogar - man kann es kaum glauben - eine Art Happy End. Zumindest für einen der Geflüchteten. Angereichert mit ein bisschen Zickenkrieg und Stockholm-Syndrom. Es ist sehr viel verpackt in diesem Buch.

Wer ein bisschen amerikanische Show und Action mag, dem sei dieses Buch empfohlen!

Jonasch möchte sich erinnern. Von Otto Keiser

von Roger Thiriet

Nach seinen Thailand-Kolumnen «Farang, bist Du chaosfähig?» (2022) legt der frühere Cafétier der Basler Offenen Kirche Elisabethen nun einen Roman vor. In «Jonasch möchte sich erinnern» erzählt er die Geschichte eines Tenors, der sich nach einer glanzlosen Statistenkarriere am städtischen Theater zur Ruhe setzt und auf Rat seines Psychotherapeuten mit der Niederschrift seiner Memoiren beginnt. Trotz seiner Hinwendung zu einem Zierfisch namens Caruso, den Heimsuchungen seiner putzsüchtigen Schwester Benedetta, den drängenden Avancen der lokalen Salonprostituierten Venussa und der Turbulenzen, die dieses Personal verursacht, bringt er das Werk auf seiner alten Hermes Baby erfolgreich zu Ende.

Der titelgebende Jonasch ist ein köstlicher Charakter. Ein wenig erinnert er an Forrest Gump, den Tom Hanks im gleichnamigen Streifen so treffend dargestellt hat. Ein Aussenseiter, der von seinem Umfeld als eher beschränkter Tollpatsch wahrgenommen wird, von einem Fettnapf zum anderen torkelt und diesen in traumwandlerischer Sicherheit am Schluss trotzdem knapp verfehlt. Eine Art umgekehrter Hans im Glück, der mit Nichts in die Geschichte startet und als Ehemann einer frisch gewählten Bürgermeisterin sowie Autor einer gefeierten Autobiographie daraus hervorgeht.

A propos Bürgermeister: In einer Parallelhandlung macht Keiser noch einen Ausflug in die Kommunalpolitik. Das Städtchen Schweinwall, wo die Story spielt, wählt einen neuen Stadtrat, und die «Besenpartei» kämpft mit den «Freien Kulturpessimisten», der «Partei für kompromisslose Hygiene» und anderen, ebenso schrägen Gruppierungen um den Einzug in die Kommunalregierung. Es sind diese Abschnitte, in denen der begnadete Fabulierer alle satirischen Register ziehen kann, die er in seinen frühen Werken schon angedeutet und in den letzten Jahren in der Kolumne «Thailand, mon Amour» im Magazin «Der Farang» in seiner Wahlheimat Thailand zur Perfektion entwickelt hat. Es sind denn auch diese süffisanten Kapriolen («Venussa wurde mit einer  einzigen Gegenstimme gewählt, weil der Stimmenzähler den Gummibaum für den Vertreter der Opposition hielt»), die Keiser-Fans ein übers andere Mal die Lachtränen in die Augen treiben.

Sputnik Sweetheart. Von Haruki Murakami

von Roger Thiriet

Wenn man sich wie ich ein paar Mal in der Lektüre vergriffen hat, hilft garantiert ein Buch des japanischen Schriftstellers Haruki Murakami. Seine Geschichten sind ein sicherer Wert, auch die älteren wie etwa «Sputnik Sweetheart» aus dem Jahr 1999. Sie beginnt wie die meisten Murakamis in der totalen Normalität, in welcher ein Tokyoter Lehrer die Möchtegernschriftstellerin Sumire heftig begehrt. Diese sieht ihn als besten Freund, hält ihn aber sexuell auf Distanz. Dafür wird die Möchtegern-Schriftstellerin von einer – körperlich ebenfalls unerwiderte – «amour fou» zur asiatischen Unternehmerin Miu befallen und umkreist sie fortan als Sekretärin wie 1957 der russische Satellit Sputnik die Erde. Alles normal also.

Ihr gemeinsamer Weg führt die beiden Frauen dann aber auf eine gottverlassene und von jedem öffentlichen Verkehr abgeschnittene griechische Insel, wo Sumire nach einer heftigen Sex-Attacke auf die verblüffte Miu buchstäblich spurlos verschwindet und weder von der Polizei auch vom eilends eingeflogenen Erzähler aufgespürt wird. Und spätestens dann kippt die Story ins typisch murakamisch Übersinnliche, als ihm Miu von einem Erlebnis erzählt, das sie einst aus der Umlaufbahn geworfen hat. Mehr als dass der Schauplatz dieses Horrortrips in der Schweiz liegt und ein Riesenrad eine Rolle spielt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Seit damals fühlt sich Miu aber nur noch als Klon ihrer selbst, und es ist typisch für den Meister des Mysteriösen, dass er dem Leser weder für ihre Persönlichkeitsveränderung noch für Sumires rätselhaftes Verschwinden auch nur den Ansatz einer Erklärung anbietet.

Trotzdem folgt man der Handlung atemlos bis ans Ende, weil man wider besseres Wissen respektive den bisher gemachten Erfahrungen mit Murakami bis zur letzten Seite hofft, dass die unerklärlichen Vorgänge und Vorfälle doch irgendwie noch eine Erklärung finden. Die Erwartung bleibt erneut unerfüllt, und trotzdem lässt einen die Hängepartie alles andere als frustriert zurück. Murakami at his best!

Eine Frage der Chemie. Von Bonnie Garmus.

Manchmal hat man ja die schwermütigen Nabelschauen, in denen sich zeitgenössische Romanci*ères der alten Literaturwelt gerne ergehen, etwas über. Wenn es bei mir wieder so weit ist, greife ich zu einem Buch «made in USA». Dort  bietet bekanntlich jede Provinz-Uni Lehrgänge in «Creative Writing» an, in denen Profis Möchtegern-Autoren die Grundlagen des Schreibwerks beibringen. Wie man eine Geschichte erzählt, einen Charakter zeichnet – solche Sachen halt. Und das merkt man der amerikanischen Literatur einfach an.   

Zum Beispiel dem aktuellen Bestseller der Kalifornierin Bonnie Garmus , die lange Zeit in Seattle gearbeitet hat und heute mit ihrer Familie in London lebt. Mit «Eine Frage der Chemie» hat sie das geschrieben, was meine renommierte Checker-Kollegin Elke Heidenreich zu Recht einen «Granatenroman» genannt hat. Auf höchst unterhaltsame, aber nie oberflächliche Art wird die Story der hochbegabten Chemikerin Elizabeth Zott erzählt, die in den 1950er Jahren von männlichen Kollegen wie selbstverständlich von Wissenschaft und Forschung ausgeschlossen wird und sich – Happy Ending! - schliesslich doch durchsetzt.

In der Zwischenzeit verdient sie den Lebensunterhalt für sich und ihre uneheliche (!) Tochter mit einer TV-Kochsendung, die sie aber höchst erfolgreich zu einer Fortbildungsveranstaltung in Chemie und einem Selbstermächtigungskurs für ihre Zuschauerinnen ausbaut. Die Autorin widmet ihrer (fiktiven) Figur einen feministischen Roman, tarnt aber ihre Message so geschickt hinter der grossartigen Hauptdarstellerin und mit höchst originellen Handlungssträngen, dass man als alter weisser Mann erst darüber hinwegliest, welch trüber Spiegel den Artgenossen von damals (und leider oftmals noch von heute) vorgehalten wird.

Nach fast 500 Seiten heitersten Lesevergnügen entgleist die Auflösung der rätselhaften Zott’schen Familiengeschichte dann zwar in ein veritables Rosamunde Pilcher-Finale. Aber in den «Creative Writing»-Kursen lernt man eben auch, dass süffiger Kitsch saurem Moralin in jedem Fall vorzuziehen ist. Eine Frage der Chemie, halt. Und ein Tipp für ruhige Pfingsttage!

Erschütterung. Von Percival Everett

von Roger Thiriet

Der Ich-Erzähler Zach Wells ist ein alternder, im Beruf und der Ehe desillusionierter Archäologie-Professor, der seinen drögen privaten und akademischen Alltag unter der Sonne Kaliforniens mit zynischem Desinteresse angeht. Das einzige, was der «Man of Colour» liebt und wofür er echtes Interesse und emotionales Engagement zeigt, ist seine mittlerweile 12jährige Tochter. Als das Kind vor seinen und seiner Frau Augen in wenigen Jahren an einer seltenen Krankheit buchstäblich zerfällt und im Pflegeheim stirbt, eskaliert seine Unzufriedenheit mit dem Leben zu einer veritablen Krise.

In der Folge lenkt sich der verzweifelnde Vater mit der verbissenenen Verfolgung einer rätselhaften Spur ab, auf die ihn geheimnisvolle Botschaften in einer auf e-bay bestellten Jacke geführt haben. Er verfolgt den Hilferuf bis an die mexikanische Grenze, wo er einem mafiösen Mädchenhändler-Ring auf die Spur kommt: Skrupellose Verbrecher entführen in Mexico Frauen und zwingen sie zur illegalen Arbeit in ihrem dubiosen Versandzentrum hinter der mexikanisch-amerikanischen Grenze zwingt.

Nicht nur die zweigleisig angelegte Story – Zach rettet fremde Frauen, weil er der eigenen Tochter nicht helfen kann – hat mir gefallen; auch der Erzählstil des Autors hat es mir angetan. Bei aller Grundunzufriedenheit der Hauptfigur und der Tragik des Geschehens in beiden Handlungsfeldern lässt Sprachkünstler Everett immer wieder einen lakonischen, schalkhaften US-Humor aufblitzen, der die Lektüre zum ungetrübten Vergnügen macht.  

Ich bin in diesem Check nicht auf nähere Details der Handlung eingegangen. Eine Besprechung dieses Romans in der Basler Zeitung vom 27. April 2022 weist nämlich darauf hin, dass es von diesem Roman drei Versionen gibt, die sich in einzelnen Sätzen, aber auch in wichtigen Handlungsepisoden unterscheiden. «Mal plant der Held etwas nur, mal führt er es aus, mal wird er dabei gestört. Auch der Schluss unterscheidet sich deutlich.» Aha. Mal was anderes!

Alissa kauft ihren Tod. Von Ljudmila Ulitzkaya

von Roger Thiriet

Man will ja in diesen kriegerischen Tage vielleicht mal wieder den Tiefgründen der russischen Seele nachspüren und dazu nicht gleich zu einem der «Fünf Elefanten»* greifen. In einem solchen Fall empfehle ich den Erzählband der in diesem Jahr nach Berlin emigrierten Moskauer Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaya. Russische Seele und Literatur in kleinen, aber hochkarätigen Portionen!

Die Moskauer Schriftstellerin, die erst kürzlich nach Berlin ausgewandert ist, erzählt Alltagsgeschichten, die alltäglich beginnen, aber dann bald unerwartete Wendungen nehmen und neue Perspektiven eröffnen. Eine Frau verpuppt sich und wird zum Schmetterling. Eine junge Moskauerin wird mit einem Iraker verkuppelt und findet ihr Glück im englischen Exil. Eine Aserbaidschanerin und eine Armenierin überwinden in einer langjährigen Liebesbeziehung die Feindschaft ihrer Völker.

Die Sammlung von Kurz- und Kürzestgeschichten ist in drei Zyklen geordnet und bietet sowohl Poesie und Prosa. Grosse Dramen und Kleinstbeobachtungen wechseln sich ab, es bestechen die alltagsnahen Stoffe und der prägnante Stil der bald achtzigjährigen Autorin. Immer wieder sind mir bei dieser Lektüre übrigens die Kurzgeschichten von Haruki Mirakami in den Sinn gekommen. Wie bei ihm nehmen auch bei Ulitzkaja ganz gewöhnliche, banale Alltagssituationen unerwartet bizarre Wendungen und enden dann - scheinbar pointenlos – in einem abrupten Schluss.  

* Metapher der Übersetzerin Swetlana Geier für die fünf grossen Romane von Fjodor Michailowitsch Dostojewski.