Die Summe aller Dinge. Von Oliver Bottini.

Zuerst ein Wort zum Autor. Er sammelt (deutsche) Krimipreise, wie andere Leute Kastanien im Herbst. Auf dem Buch-Cover klebt ein Kleber mit der Aufschrift: "Sechsfacher Preisträger Deutscher Krimipreis!" Zwei der Krimis mit der schwer problembehafteten Figur "Louise Boni" wurden verfilmt (Melika Foroutan in der Hauptrolle) sowie auch zwei weiter Bücher von Bottini. Schreiben kann er also, der Bottini. Ohne Zweifel.

Kann ich zu seinen künftigen Fans gehören?

Im vorliegenden Buch "Die Summe aller Dinge" (Hardcover, 470 Seiten, DuMont) gehts um die gierige Finanzwelt. Das Heranschaffen von Cum-Ex und Cum-Cum-Geldern, um das Bescheissen von Finanzämtern und um das "nicht-mehr-wissen-wohin-mit-dem-Geld"-Allüren von Einzelpersonen, die sich gegenseitig aufputschen. Und um einen in Armut aufgewachsenen Syrer, der nun plötzlich ziemlich weit oben in der von Gier nicht mehr zu kontrollierenden Pyramide steht.

Es geht also um ein - für Aussenstehende - relativ unsympathisches Thema, welches zumindest Grundkenntnisse in der Finanzwelt voraussetzt. Auch wenn Bottini dazwischen immer wieder erklären lässt, wie das alles funktioniert, muss man doch mit Google lesen, um den einen oder andern Ausdruck einordnen zu können.

Warum ist das jetzt ein Krimi? Die Geschichte beginnt mit dem Beschrieb von drei Todesfällen (die Hauptfiguren in diesem Buch, welches natürlich mit unzähligen Zeitsprüngen auskommen muss, wo die "Toten" eben noch leben...). Betroffen davon - durch Heirat und Freundschaft - ist eine trauernde Polizistin, die auf der Jagd nach dem Auslöser bzw. Verursacher des Suizides ihres Mannes, das eine oder andere Abenteuer erlebt.

So konstruiert sich das Buch von Bottini. Aufgrund seiner "Danksagung" am Schluss des Buches lässt sich erahnen, dass er selbst kein Finanzexperte war und umfangreich recherchieren musste. Das ist ihm - zugegeben - sehr gut gelungen. Der Plot selber ist, vorallem zu Beginn, unsäglich kompliziert und die Zeitsprünge in der Erzählung, die den Lesenden eine Logik ermöglichen sollten, führen zu einer sehr anspruchsollen Lektüre. Mein Ritual, bevor ich ein Buch abends wieder in die Hände nehme, besteht darin, mir selbst gedanklich eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens zu geben. Einfach, dass ich sofort wieder in die Geschichte reinkomme. Bei diesem Buch allerdings war das manchmal gar nicht möglich.

Ich bin versucht ein weiteres Buch von Bottini zu lesen. Einfach, weil er wirklich gut schreiben kann. Und einfach in der Hoffnung, dass ich auf etwas leichtete Kost stosse, als die Beschaffung von Cum-Ex-Geldern zum täglichen Gebrauch.

Das Buch kostet 28 EUR (oder in der Schweiz zwischen 30 und 40 Franken). Wer etwas tiefer gehen will als nur "Leiche - Ermitteln - Festnehmen" und zudem eine Affinität zu Milliarden-Beträgen in der deutschen Wirtschaft hat, der bekommt von mir eine Kaufempfehlung. Ich werde das Buch für CHF 5 auf meinen Bücherwagen legen und damit zum nächsten Markt fahren.

Noch fünf Tage.Von Helena Falke.

Dieses Buch ist ein Inselbuch. Das heisst, wenn ich 10 Bücher mit auf eine einsame, internetlose und verlassene Insel mitnehmen dürfte, dann wäre das eines, welches ich einpacken würde. Das Buch "Noch fünf Tage" ist schlichtweg genial.

Ich habe an dieser Stelle vor ein paar Wochen bemerkt, dass es nicht immer einfach ist, ein Buch zu schreiben und darin ausschliesslich eine Person zu begleiten (hier). Helena Falk hat genau das gemacht und zwar so spannend und gut, dass es eine Wohltat ist, diese Geschichte zu lesen, auch wenn sie eigentlich tragisch ist.

Kurzfassung: Eine Sterneköchin vergiftet mit ihrem Essen unabsichtlich eine ganze Familie und auch sich selbst. Während die Familie sofort stirbt, bleibt sie noch fünf Tage am Leben und rekonstruiert aus dem Krankenhausbett, zusamme mit ihrer Pflegerin, ihr Leben und die Geschichte des relevanten Essens um herauszufinden, wer für das Gift verantwortlich war.

Diese Anlage führt uns ins Jet-Set-Leben (die Familie war sehr wohlhabend) mit all dessen Auswüchsen, sie führt uns in die Küche eines abgehobenen Starkochs und dessen Restaurant, sie führt uns in Familiengeschichten und zu absonderlichen Nachbarn in bündnerischen Dörfern. Und immer wieder wird den Lesenden die Uhr vor Augen geführt: Jene Uhr, die den Countdown zum Tode der Protagonistin darstellt.

Helena Falke - "ist ein Pseudonym einer mehrfach ausgezeichneten deutschsprachigen Autorin" - schafft es, die LeserInnen der Hoffnung zu unterwerfen, die Köchin möge überleben. Man fühlt und hofft mit ihr und will ganz einfach, dass sie ihre Fragen beantworten kann und glücklich und zufrieden mit ihrer Tochter weiterleben darf. Ob und wie sie dann letztlich, nach 300 sehr spannenden Seiten, stirbt, bleibt nicht ganz klar. Denn wer den eigenen Abgang beschreiben kann...

Ich werde dieses Buch wohl mit etwas Schmerzen auf meinen Bücherwagen legen (denn ich plane ja nicht wirklich eine Reise auf eine Insel). Aber den Titel werde ich mir merken. Vielleicht schreibt "sie ja mal wieder ein "Helena Falke" gelegentlich mal wieder etwas. Oder sie kommt bei mir am Bücherwagen vorbei. Denn gemäss Klappentext "lebt sie in der Nähe des Dreiländerecks, wo sich Frankreich, Deutschland und die Schweiz treffen".

Das Buch kostet 20 EUR oder zwischen 20 und 30 CHF. Es ist jeden Franken oder jeden EURO wert.

Kopflos. Von Silke Amberg.

Man merkt gut, dass es zwar der erste Krimi der in Basel lebenden Autorin ist, aber nicht das erste Buch. Es gibt einige Momente im vorliegenden Buch „Kopflos“, die von guten Grundlagen zeugen. Auch die Aufmachung des Buches durch den Verlag ist sehr schön und edel. Aber leider gibt es auch einige Dinge, die – zumindest mir – leicht negativ auffallen.

Vorerst aber wieder einmal die klare Feststellung: Diese Bücherchecks geben meine persönliche Meinung wieder. Es ist den Lesenden freigestellt, eine komplett andere Sichtweise zu haben…

„Kopflos“ ist ein Kriminalroman, der sich einer jungen Kriminalkommissarin aus Basel bedient. Sie ist lesbisch. Das müsste eigentlich keine Rolle spielen, aber es wird in diesem Buch immer wieder erwähnt und greift sowohl in die Ermittlungen, wie auch ins beschriebene Privatleben der Frau hinein. Es werden sogar anderthalb erotische Stellen im Buch mitgeliefert…

Die Autorin wählt eine unglaublich schwierige Erzählform: Die Leser:innen bleiben vom ersten bis zur letzten Seite an Carmens – so heisst die Frau – Seite. Das vereinfacht einerseits das Lesen, denn man wird nur wenig abgelenkt. Allerdings: Die Gedanken des Täters (oder der Täterin) werden in einer andern Schrift, bruchstückweise, dazwischen gefügt. Das merkt man allerdings erst später und führt anfangs zu einer eher verwirrenden Abfolge von Erzählungen.

Diese pausenlose Begleitung der Protagonistin allerdings führt dazu, dass die Leser:innenschaft jeden Abend mit ihr nach Hause geht und jeden Morgen mit ihr aufsteht. Das heisst, wir begleiten die Kommissarin in all ihren Gedanken, in ihren Selbstzweifeln, bei ihren Frustattacken und bei ihrer grenzenlosen Enttäuschung und dem Schmerz der eben zerbrochenen Liebschaft sowie, als wäre das nicht schon genug, ihre Schuldgefühle am Tod ihrer Schwester. Es gibt eine Stelle im Buch, wo wir weit über 10 Seiten mitverfolgen (müssen), wie sich die Frau zu Hause in Selbstmitleid buhlt, obwohl wahrscheinlich die ganze Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft einen absurd brutalen Mörder jagt. Und es führt weiter dazu, dass auf jeder Seite mindestens 5, wenn nicht 10 Fragen auftauchen, die sich die Kommissarin stellt (und vorerst keine Antwort darauf hat). Das nimmt der Geschichte jegliche Spannung und verleitet zum Überlesen einiger Abschnitte, wo wir ansonsten wieder mit der Protagonistin in ihren Liebeskummer und in ihre traumatische Vergangenheit tauchen müssen. Aber dafür wissen wir, was die Frau isst und was sie nach dem Aufstehen am Morgen tut.

Dazu kommt noch der Schreibstil der Autorin. Der ist an sich nicht zu bemängeln, und ist eine freie Entscheidung der Autorin, ist aber mit den oft kurzen Sätzen eher gewöhnungsbedürftig.

Der Plot an sich ist sehr ungewöhnlich. Selbst in der Region Basel lebend kann ich mir nicht vorstellen, dass solche Morde, die als „Kunstwerke“ daher kommen, passieren können und vor allem so lange nicht öffentlich werden. Im Zeitalter von Instagramm etc. und dann noch an einer Universität mit all den Social-Media-Student:innen ist das eher etwas ungewöhnlich.

Ich habe grossen Respekt vor Autor:innen, die sich an einen Krimi wagen. Und dann noch an einen Lokal-Krimi, der oft eher als Reiseführer mit Leiche, als an einen spannenden Kriminalfall erinnert. Das ist Silke Amberg gut gelungen. Die „Ausflüge“ in Basel sind nicht aufdringlich und auch für Aussenstehende erträglich. Und ich bin sicher, dass der zweite Krimi, der sicher schon als Datei im Computer existiert, eine Weiterentwicklung sein kann. Man darf gespannt sein.

Tatort Hafen: Der Tote von Lagerhaus F. Von Kästner und Kästner.

Dieses Buch, dieser Krimi ist sehr speziell.

Da ist einerseits das Autorenduo: Das Ehepaar Kästner. Angélique ist Psychologin in Hamburg und schreibt seit 2010 Kriminalromane. Ihr Ehemann Andreas arbeitete als Hauptkommissar bei der Wasserschutzpolizei im Hamburger Hafen. Daher auch die zweite Spezialität: Die bisher erschienenen Bücher spielen im Hamburger Hafen. So auch das vorliegende Werk: "Der Tote von Lagerhaus F".

Die Story dreht sich um einen Leichenfund, was bei einem Kriminalroman nicht wirklich ausserordentlich erscheint. Die Leiche wird - natürlich - im Hamburger Hafen gefunden. Und: das grosse, jährliche Volksfest, der Hafengeburtstag, inkl. einer fulminanten Schiffstaufe, steht bevor!

Was nun folgt ist die dritte Spezialität des Buches: Eine wirklich rasante Geschichte, wo sich Ermittlungen zum Leichenfund und der Hafengeburtstag einen Höhepunkt nach dem andern liefern. Der Chef der Ermittler ist gleichzeitig auch der Kapitän der Hafenpolizei und hat natürlich alle Hände voll zu tun. Die Geschichte ist gespickt mit - nehmen wir mal an authentischer - Interna der WSP an einem Hafengeburtstags-Fest. Es werden Funksprüche der WSP-Schiffe aufgeschrieben und Einsätze beschrieben. Die Lesenden aus Hamburg werden viele Dinge des Hafenfestes erkennen: Das Einlaufen der Schiffe, das Schlepperballett, die Auslaufparade, das Feuerwerk. Und mittendrin: Eine Ermittlung in einem Mordfall, welche dann natürlich noch auf ein Kreuzfahrtschiff erweitert wird.

Man kommt bei diesem Buch kaum zum Atmen, so rasant und temporeich ist das geschrieben. Und trotzdem: Die Nebenschauplätze sind klar sturkturiert, man ist als Leser immer bei der Geschichte dabei.

Ein sehr erfrischendes Buch! Ich werde wohl noch das eine oder andere der vorhergehenden Ausgaben dazu kaufen. Das Softcover kostet 13 EUR oder zwischen 16 und 20 Franken.

Tödliches Verderben. Von Karin Slaughter.

An sich ist der Name "Karin Slaughter" fast schon eine Garantie für einen guten Krimi oder gar einen Thriller. Dazu kommt der rote Kleber von SPIEGEL: "Bestseller-Autorin" und die Dicke des Hardcoverbuches von über 550 Seiten. Also das richtige für ein paar Spätsommer-Abende mit Jacke und Zigarre im Garten.

Der Klappentext hätte mich eigentlich vorwarnen sollen. Immer wenn es um "Lügen und Schweigen" geht, wenn es "Verstrickungen" gibt und am Schluss auch die Ermittelnden zur Zielscheibe werden sollen, ist das ein Zeichen für eine eher anspruchsvolle Lektüre.

Und tatsächlich. Es beginnt mit einer Beerdigung ihrer Mutter, bevor die Protagonistin mit ihrer Schwester zu einem Tatort im selben Dorf gerufen wird. Und dann beginnt eine wahrhaftige Odyssee, wo sich die beiden Frauen zwar gegenseitig misstrauen und bekämpfen, aber dennoch versuchen das Verbrechen zu enträtseln. Es gibt viele - sehr viele Verdächtige die permanent wieder wechseln. Die eine der beiden Frauen (Polizistin im Dorf) kämpft gegen ihre Vergangenheit. Ihre Schwester (pensionierte FBI-Agentin) gegen ihre Alkoholsucht und ein unglaubliches Geheimniss aus ihrer Vergangenheit, die sie vornehmlich weit weg in einer andern Stadt verbracht hat.

Emmy (die zur Wahl stehende Nachfolgerin ihres verstorbenen Vaters, der Dorf-Sheriff war, ja, es ist nicht einfach...) muss sich gegen Polizeikollegen, Dorfbewohnerinnen und die eigene Familie durchsetzen (natürlich ist der Sohn auch Polizist und ihr unterstellt....). Dann baut Karin Slaughter viel Drama in die Geschichte, denn die junge Tochter des Opfers überlebt schwer verletzt und wird von ihren Freundinnen einerseits geschützt und auch verraten.

Die versprochenen "Verschwörungen" reichen Jahrzehnte lang zurück und plötzlich kann man niemandem mehr trauen. Dazu kommt das Trauma der eben verstorbenen Mutter und demente Zeugen.

Bref: Die Autorin packt sehr sehr viel in ihren Thriller. Die Spannung ist daher nicht permanent hoch, wohl aber die Herausforderung, den Überblick zu behalten. Lee Child meint dazu: "Slaughter steht für Leidenschaft, Intensität und tiefe Menschlichkeit". Da hat er recht.

Wenn Sie also bereit sind für viele Seiten Geschichte - ohne viel Blut, ausser am Anfang - dann ist das ein Buch für Sie. Es kostet 24 EUR oder 35 Franken.

Nummer 138. Von Gavin Bell.

Gerne mal wieder einen einfachen, gut verständlichen Thriller? Mit einer Prise Politik, aber wirklich nur oberflächlich? Mit viel Spannung und einem wirklich – auf den ersten Blick – einfachen Plot? Von einem Autor, der zwar schon ein paar Bücher verfasst hat, aber wahrscheinlich noch nicht so bekannt ist, dass man schon vor dem Buch weiss, wie es ausgeht?

Dann empfehle ich der Lesenden uneingeschränkt das Buch von Gavin Bell: Nr. 138. In der englischen Originalfassung etwas weniger kryptisch: 138 Main Street. In deutscher Sprache etwa: Hauptstrasse 138 (was etwas weniger exotisch klänge…).

Das Buch ist wirklich einfach zu verstehen. Die Geschichte spielt in den USA.  Da kommen Menschen zu Tode, die an einer bestimmten Adresse wohnen (Sie habens erraten: An der Main Street 138) irgendwo im Lande. Das gibt eine Auswahl von über siebentausend Möglichkeiten. Und da die ermittelnden Polizistinnen und Polizisten ja nicht das Buch mit dem Titel „138 Main Street“ vor sich haben, vergeht eine Weile, bis man den Zusammenhang zwischen den Verbrechen – nämlich die Adresse – erkennt. Und es vergehen weit über 400 Seiten in diesem Buch, bis das Rätsel gelöst und das Motiv bekannt ist. Während den knapp 500 Seiten im ganzen Buch erhalten wir kleine, gute Geschichten serviert: Ein Polizistin, die als Landei in die Taskforce für diesen Fall berufen wird, eine Polizeichefin, die leicht überfordert ist, ein pragmatischer Super-Ermittler, der dann plötzlich im Spital liegt etc.

Obwohl der Autor immer mal wieder ein Kapitel einfliessen lässt, welches einem annehmen lässt, man beobachte den Täter, bleibt das Buch wirklich spannend und die Lesenden erhalten einen Einblick in die Arbeit der Ermittler und Ermittlerinnen von lokalen Polizeien und dem FBI und plötzlich bekommt man ein etwas mulmiges Gefühl beim Lesen: Hoffentlich bringt hier der Autor keine Trittbrettfahrer auf die Idee…

Das Motiv für diese Taten ist keinesfalls auf der  Hand liegend und überrascht zum Schluss des Buches.

Das Buch „Nummer 138“ vom britischen Autor Gavin Bell hat mir Freude gemacht: Die absurde, aber mögliche Anlage der Geschichte und die draus resultierende Spannung, well done! Es kostet in DE 13 €. In der Schweiz ist es tatsächlich schon für CHF 12.70 beim Versandhandel erhältlich.

Vermisst - Der Fall Lucas. Von Christine Brand

Kennen Sie Christine Brand, die aus dem Emmental stammende Gerichtsreporterin und Krimiautorin? Wenn nicht, dann lohnt sich vielleicht die Visionierung des True-Crime-Dok-Films „Der Fall M.“ von SRF, datiert vom April 2026. Da wird Brand als Expertin gezeigt. Sie beschreibt, wie sie die Gerichtsverhandlungen erlebt hat und man merkt sofort, dass die Frau eine fundierte Ahnung von Gerichtsfällen und Verbrechen hat.

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass ihre Kriminalromane – aus der Reihe „Vermisst“ – ziemlich authentisch daher kommen und sich wenig reisserisch oder abstrus präsentieren.

Im vorliegenden Fall „Vermisst – Der Fall Lucas“ spielt „Malou“, die Ex-Kommissarin aus Bern, natürlich wieder die Hauptrolle. Wie schon in den vorherigen (und auch in diesem Blog beschriebenen) Geschichten, ist sie eine sehr sympathische junge Frau, die einem mit ihren unkonventionellen und manchmal auch sehr unvernünftigen Ermittlungsaktionen nerven kann. Sie fährt seit jeher eine alte und unzuverlässige Vespa, die (Achtung Spoiler…) in diesem Band – endlich – den Geist aufgibt. Ihre Lebensumstände (inkl. die des bei ihr lebenden Leguans) werden nochmals beschrieben, sodass man sofort in die Geschichte einsteigen kann. Als Nebenstrang läuft die Suche von Malou nach ihren leiblichen Eltern, die auch in diesem Buch weitergeht (und wiederum nicht abgeschlossen wird).

Christine Brand schreibt für ein „normales Publikum“, also auch für Menschen, die „mal einen Krimi probieren möchten“. Es gibt – klar – schon ein paar Leichen. Aber Brand versteht es gut, diese in einem verträglichen Stil zu präsentieren.

Die Geschichte ist interessant, der Fall ist spannend und eigentlich hat man bis weit ins letzte Drittel das Gefühl, dass der Fall klar ist. Man ahnt zwar, dass dem nicht so ist, aber man ist als Leser oder Leserin doch überrascht, welche Lösung bei diesem Plot am Ende präsentiert wird.

Die Spezialitäten an diesem Buch ähneln der vorhergehenden in der „Vermisst“-Serie. Man kann erstens die Übersicht behalten, auch wenn die Autorin Zeitsprünge macht und zwischen den Kapiteln in jeweils andere Umgebungen wechselt. Also ein lesefreundliches Buch. Zweitens: Der Umfang. Wer lieber kleinere und übersichtlichere Bücher hat, muss sich wappnen: Auch dieser Band hat über 500 Seiten. Aber sie sind nicht „alibigefüllt“, sondern bewegen sich im Rahmen der Geschichte. Und drittens: Christine Brand macht nicht einfach am Schluss des Buches eine „Danksagung“ an all jene, die sie im Schreibprozess unterstützt haben. Nein, sie vermittelt auch ihre Gedanken zum Buch. Über fünf Seiten „Dank und Gedanken“, unterzeichnet am Schluss mit „Herzlich, Christine Brand“ zeigen das gute Verhältnis zwischen Autorin und Lesenden.

Hoffentlich gibt’s noch ein bisschen mehr von Malou und ihrer neuen Vespa. Das Buch kostet in der Buchhandlung als Paperback ca. 27 Franken. Im Online-Versand (Amazon.de) rund 10 Franken weniger.   

Mensch töte dich nicht! Von Philip Gurt.

Philipp Gurt sei - so der Klappentext - der erfolgreichste Schweizer Krimi-Autor. Seine Bücher mit den, je nach Serie der Bücher wechselnden ProgagonistInnen Landjäger Caminada, Corina Costa oder Giulia de Medici, stehen jeweils nach deren Erscheinen sofort auf Platz 1 der Schweizer Bestseller Liste. Deshalb tragen die Bücher auch den Kleber "Nr. 1 - Bestseller-Autor" und verleiten zum Kauf. Wenn man "Gurt-Fan" ist, dann ist das keine Frage. Und Neulinge lassen sich durch die professionellen Klappentexte vom Verlag Kampa gerne locken. Jede der Serien wird - ebenfalls gemäss dem überbordenden Kappentext - fortgesetzt. Philipp Gurt sitzt also in seinem Graubünden und ist eine veritbale "Schreibmaschine".

Und ja, seine Bücher sind wirklich nicht schlecht. Wer so viel Fans und KäuferInnen hat, der kanns.

Und hier wieder einmal der Hinweis: Dieser Blog widerspiegelt im Wesentlichen meine Meinung (oder die von meinem Co-Checker Roger). Grundsätzlich gehts hier nicht um Inhalte der Bücher, sondern darum, wie ein Buch daherkommt, welche Gefühle beim Lesen aufkommen könnten und ob es empfehlenswert ist, das Buch zu kaufen.

Meiner Meinung nach, verliert sich der Autor im vorliegenden Werk sehr oft in Details und Beschreibungen, die helfen, fast 400 Seiten eines Taschenbuches zu füllen, aber für die Geschichte nicht von grosser Relevanz sind. Natürlich ist es von Vorteil, wenn man die Hauptperson Giulia de Medici kennt. Sie wird einem vorgestellt mit Herkunft und Lebensstil (wie in andern Büchern der Serie zuvor auch). Aber es ist für die Geschichte wenig hilfreich, wenn sie fast acht Seiten benötigt, um sich in ihrer Umgebung oberhalb Churs aus dem Geissenstall einen Auftrag zum Begutachten eines Tatorts entgegen zu nehmen und sich dann zum Auto zu bewegen. Vor dem Anruf dürfen wir miterleben, wie sie sieht Chur entdeckt: "Die dunklen Tannen ruhen im Tal, bewacht von einem Kranz Berge... Einzig im Taleinschnitt, gen Westen wölbte sich, einem hauchgoldenen Dom gleich, der Widerschein der ländlich geprägten Hauptstadt Chur schimmernd aus der Tiefe in die Dunkelheit empor..."

Welch eine wundervolle Sprache. Man wähnt sich tatsächlich in den bündnerischen Bergen. Allerdings bringt es den Plot der Geschichte kaum weiter. Aber ich bin sicher, diese Bildersprache ist das, was Gurts Bücher so gewaltig macht. Meiner Meinung nach (Bedeutung: siehe oben), kommt dieser Heimatslang etwas allzuviel vor.

Aber das Buch ist - wenn auch nicht so rasant geschrieben - sehr spannend und die Geschichte ist nicht voraussehbar. Die Hauptdarstellerin arbeitet mit einer "look-a-like"-Kolleing in Nordfriesland zusammen, so dass sich zwei ähnliche Charakteren treffen, was der ganzen Geschichte einen liebevollen und sympathischen Twist gibt.

Wenn Sie sich also für einen "Gurt-Krimi" ins Feriengepäck entscheiden, dann ist das sicherlich nicht falsch. Das recht umfangreiche Buch kostet im Taschenbuch-Format knapp 27 Franken. In Deutschland - online oder in der Buchhandlung - kostet das Buch kanpp 20 Franken.

Revenge. Von Camilla Läckberg.

Die in Fällbacka geborene schwedische Krimiautorin war nach ihrem Studium eine Betriebswissenschaftlerin. Dann wurde sie schwanger und beschloss, ein Buch zu schreiben. Seitdem sind knapp 20 Bücher von ihr erschienen (plus eine Anzahl Kinder- und Kochbücher) und heute lebt sie davon.

So einfach geht das!

Camilla hat  ihre Bücherkarriere mit der teilweise biografisch angehauchten Protagonistin Erica Falck begonnen. Beide stammen aus Fällbacka (SE), beide sind Schriftstellerinnen und ziehen Kinder gross. Die elf Erica Falck-Krimis wurden alles Bestseller (und teilweise auch Filmvorlagen), da der Schreibstil und die ganze Erzählkunst von Läckberg eine Art „skandinavisches Gütesiegel“ trägt.

Danach beschäftigte sich Läckberg mit der „Rache“ – insbesondere mit der Rache von Frauen. Die Geschichten in dieser Reihe sind genial konstruiert und es würde mich nicht wundern, wenn die eine oder andere Leserin … aber das ist reine Spekulation.

Das bisher neueste Buch in der „Rache-Reihe“ heisst dann auch: Revenge  (Rache) und handelt von einer supererfolgreichen, Unternehmerin, die sich eine Sisterhood aufbaut, aber trotzdem durch die Umstände des Lebens plötzlich im Gefängnis landet. Ihr Leben hinter Gittern, ihre Pläne zur Rache an ihrem Vater (den sie hinter dem Gefängnisaufenthalt vermutet), die Durchführung dieser Pläne und ein furioses Finale sind der Inhalt dieses Buches.

Keine grossen Blutorgien. Keine irrwitzigen Plots über Verbrechen oder Schicksale. Eine einfache, gut geschriebene Geschichte, wo sich die Sympathie der Lesenden deutlich einer „Kriminellen“ zuwendet. Man wünscht sich,  dass die Rache glückt.

Das Buch ist sehr lesefreundlich geschrieben (oder dann halt auch sehr gut übersetzt). Ich bin sicher, dass sich dieses Buch nicht lange auf meinem Bücheranhänger hält und schon beim nächsten oder übernächsten Marktauftritt im September für wenig Geld weg geht. Wer sich das Buch ungebraucht leisten will, der zahlt un die 25 Franken. Auf dem Bücherwagen vom „Bücherchecker“ sind es max. 10 Franken…

Der Kurator / Die Witwe. Von M.W. Craven.

Für das Buch "Die Witwe" habe ich drei Tage benötigt. In den "Ferien". Bei der Schweinehitze in Holland, wo man - ausser sich im nahen Wasser aufzuhalten - nichts anderes machen konnte, als einfach dazusitzen und zu lesen. Allerdings hätte ich auch nicht viel länger benötigt, wenn es geschneit hätte.

Fans vom Autor Craven werden nun denken: "Endlich, hat er den Craven entdeckt" (Ihr hättet mir das ja auch mailen können). Aber in der Tat: Die Bücher - wenigstens die obigen beiden - von M.W. Craven sind eine ganz spezielle Liga.

Craven bedient sich zweier ProtagonistInnen: Poe (Übername) und Tilly (auch Übername), deren Charakter er fein und präzis beschreibt. Natürlich haben beide ihre Macken, sind aber ein unglaublich effizientes und erfolgreiches Ermittlerpaar.

Was dazu führt, dass die Plots von Craven wirklich sehr intensiv sind und die eine oder andere Kurve nehmen müssen. Der Plot zur "Witwe" z.B. entstand in jahrelanger (!) Planung und mit etlichen Entwürfen. Das Thema - welches man zu Beginn des Buches nicht einmal erahnen kann - ist noch nicht so oft behandelt worden und fasziniert, obwohl es kriminell ist (ich spoilere nicht...).

Aber: M.W. Craven schafft es, seine Bücher trotz dieser verwinkelten Plots, absolut lesbar zu machen. Ein Beispiel: Fast bei jedem der (nicht übermässig langen) Kapitel gibt am Ende einen "Mini-Cliffhanger", der dazu führt, dass man sofort das nächste Kapitel anhängt. Z.B. "Sag mir, was Du gefunden hast, Tilly". Sie sagte es ihm. Und als sie geendet hatte, knurrte Poe: "Ich bring ihn um, verdammte Scheisse". (Schluss).

Das schöne kommt aber jetzt: Man muss dann nicht ein eingeschobenes Kapitel, welches die Story an einem andern Ort und mit anderen Personen weitertreibt. Sondern schon auf der nächsten Seite, beim nächsten Kapitel, weiss man, worüber "Poe" sich so aufregt. Und das nenne ich "lesefreundlich".

Zudem versteht es Craven, einen sehr feinen, aber herrlichen Humor in seine Bücher zu bringen. Auf meinem Bücheranhänger (siehe Frontseite www.buechercheck.com) gibts eine Abteilung "Krimis mit Humor". Auch wegen des von Craven eher unterhaltenden Schreibstils würde ich das Buch da trotzdem nicht hinstellen. Es gehört tatsächlich in die Rubrik "Weltklasse Krimis ...".

Liebe Craven-Fans. Ich beneide Sie, dass Sie diesen Autor schon früher entdeckt haben. Ich selbst bin erst jetzt auf ihn gestossen und bin begeistert.

Das Taschenbuch kostet ca. 25.00 Franken in der Schweiz. Auf meinem Bücheranhänger wird es wohl für 5 oder 10 Franken zu haben sein.