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Über Menschen von Juli Zeh

Nicht immer lohnt sich das Warten auf einen neuen Roman einer Lieblingsautorin.

von Roger Thiriet

Nachdem mich ich ihre Romane «Neujahr» und «Unterleuten» verschlungen hatte und mich auch des letzteren TV-Verfilmung vollauf begeistert hatte, war es keine Frage, dass ich das neueste Opus der deutschen Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh downloaden würde, umso mehr als die offensichtliche Parallelität der Titel Hoffnung auf eine Fortsetzung des Hochgenusses weckte. Leider wurde ich enttäuscht.

Wie in «Unterleuten» siedelt Zeh die Handlung wieder in einem deutschen Dorf an, und wieder dreht sich diese um stadtmüde «Besserwessis», die den Weg «retour à la nature» in der Provinz suchen. Und sich dann wundern, wenn die Einheimischen nicht so sind und sich nicht so verhalten, wie sie das von ihnen erwartet haben. Doch während Zeh Alteingessessene und Zugezogene in «Unterleuten» psychologisch treffend charakterisierte und die entstehenden Missverständnisse, Reibungen, Konflikte und deren Eskalation in beklemmender Dramatik tiefenscharf beschrieben hat, bleibt die Kopie seltsam flach in Personal und Plot.

Die Geschichte der frisch entlassenen Werbetexterin Dora, die der Grosstadt und der Beziehung entflieht und in einem Kaff irgendwo in der Brandenburger Pampa ihre Mitte finden will, ist eine Ansammlung von Klischees, die zum Setting passen wie die Faust aufs Auge. Wie wahrscheinlich ist denn, dass sich eine intellektuelle Emanze ihres Kalibers vom rassistischen Dorfnazi mit totschlägerischer Vergangenheit erst vergrämen lässt, ihm kurz darauf aber den Lead bei der Hausrenovation anvertraut, dann dessen halbwüchsige Tochter quasi adoptiert und schliesslich von jetzt auf gleich mit ihm im Bett landet?

Der Verdacht drängt sich auf, dass hier ein Verlag seiner Starautorin so lange mit der Bitte um einen neuen Beststeller in den Ohren gelegen hat, bis diese entnervt in die Tasten griff und eine Blaupause des «Unterleuten»-Erfolgs herunternudelte. Einen Punkt kann man ihr allenfalls geben:  Sie lässt ihre Geschichte im Covid-Sommer 2020 spielen und hat damit meines Wissens als erste in einem belletristischen Werk die Pandemie und die damit verbundenen Begleiterscheinungen thematisiert. 

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