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Die Interviewerin von Evelyn Braun

Dies ist ein Büchercheck von einem Gast-Checker: Roger Thiriet! Wollen Sie auch mitchecken? Dann melden Sie sich!

Bücher von Basler Autorinnen und Autoren fasse ich im Zweifelsfall mit spitzen Fingern an, vor allem wenn es sich um Kriminalromane handelt. Seit sich dank den Bezahlverlagen jeder und jede den Traum vom eigenen Buch selber finanzieren kann, schiessen ja die Morde am Morgestraich und die Kommissare vom Claraplatz aus dem Boden wie Pilze im Herbst. Gemeinsam ist den meisten dieser langatmigen und unlektorierten «Whodunnits» der betrübliche Mangel an Raffinesse, Dramaturgie und Wortschatz sowie die weitgehende Ignoranz orthographischer und grammatikalischer Grundregeln.  

Mit entsprechender Vorsicht und vor allem auf Empfehlung aus dem Umfeld der Verfasserin näherte ich  mich also kürzlich dem Roman «Die Interviewerin» der Basler Journalistin und – ja! -  Schriftstellerin Evelyn Braun. Und siehe da: An einem trüben Donnerstagnachmittag angegangen, war der handliche 300-Seiter schon am selben Abend weggelesen. Braun schildert eine vergnügliche Beziehungskiste, in welcher das Schicksal eine  Gesellschaftsjournalistin und einen Psychiatrieprofessor aus der Stadt am Rheinknie für ein Interview respektive eine medizinische Tagung ins selbe Münchner Nobelhotel verschlägt, wo sie und ähnlich schrullig gezeichnete Personen sich allerlei zwischenmenschlichen Katastrophen stellen müssen. Gute Unterhaltung, ohne Tiefgang, dafür sehr amüsant!

Von den erwähnten einheimischen Möchtegern-Literaten setzt sich Evelyn Braun in allen Punkten ab – mit Ausnahme des lokalen Kolorits und dem entsprechend vertrauten Personal, dessen Ähnlichkeit mit Lebenden oder Toten im Abspann ausdrücklich nicht ausgeschlossen wird. Ihre Professionalität beweist sie schon mit den variierenden Erzählperspektiven, die für Abwechslung und Spannung sorgen. Und Gleiches bewirkt auch die gekonnte Wahl unterschiedlicher Stilebenen, auf denen sich lakonische Hauptsätze mit barock ausufernden Satzgebilden abwechseln. Bei letzteren muss man als Leser schon mal fast eine Buchseite lang dranbleiben, bis einem der nächste Punkt eine Verschnaufpause vergönnt.

Erfreuliches Fazit: Belletristik baslerischer Provenienz entspringt also nicht nur den Tastaturen dilettierender Amateure. Dass am Dreiländereck immer wieder auch Profis wie Evelyn Braun am Werk sind, zeigt nicht zuletzt die Tatsache, dass der renommierte, auf Bücher von und über Frauen spezialisierte «Xanthippe»-Verlag von Yvonne-Denise Köchli das Opus ins Programm genommen hat.

(Gast-Bücherchecker: Roger Thiriet)

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