Die Summe aller Dinge. Von Oliver Bottini.
Zuerst ein Wort zum Autor. Er sammelt (deutsche) Krimipreise, wie andere Leute Kastanien im Herbst. Auf dem Buch-Cover klebt ein Kleber mit der Aufschrift: "Sechsfacher Preisträger Deutscher Krimipreis!" Zwei der Krimis mit der schwer problembehafteten Figur "Louise Boni" wurden verfilmt (Melika Foroutan in der Hauptrolle) sowie auch zwei weiter Bücher von Bottini. Schreiben kann er also, der Bottini. Ohne Zweifel.
Kann ich zu seinen künftigen Fans gehören?
Im vorliegenden Buch "Die Summe aller Dinge" (Hardcover, 470 Seiten, DuMont) gehts um die gierige Finanzwelt. Das Heranschaffen von Cum-Ex und Cum-Cum-Geldern, um das Bescheissen von Finanzämtern und um das "nicht-mehr-wissen-wohin-mit-dem-Geld"-Allüren von Einzelpersonen, die sich gegenseitig aufputschen. Und um einen in Armut aufgewachsenen Syrer, der nun plötzlich ziemlich weit oben in der von Gier nicht mehr zu kontrollierenden Pyramide steht.
Es geht also um ein - für Aussenstehende - relativ unsympathisches Thema, welches zumindest Grundkenntnisse in der Finanzwelt voraussetzt. Auch wenn Bottini dazwischen immer wieder erklären lässt, wie das alles funktioniert, muss man doch mit Google lesen, um den einen oder andern Ausdruck einordnen zu können.
Warum ist das jetzt ein Krimi? Die Geschichte beginnt mit dem Beschrieb von drei Todesfällen (die Hauptfiguren in diesem Buch, welches natürlich mit unzähligen Zeitsprüngen auskommen muss, wo die "Toten" eben noch leben...). Betroffen davon - durch Heirat und Freundschaft - ist eine trauernde Polizistin, die auf der Jagd nach dem Auslöser bzw. Verursacher des Suizides ihres Mannes, das eine oder andere Abenteuer erlebt.
So konstruiert sich das Buch von Bottini. Aufgrund seiner "Danksagung" am Schluss des Buches lässt sich erahnen, dass er selbst kein Finanzexperte war und umfangreich recherchieren musste. Das ist ihm - zugegeben - sehr gut gelungen. Der Plot selber ist, vorallem zu Beginn, unsäglich kompliziert und die Zeitsprünge in der Erzählung, die den Lesenden eine Logik ermöglichen sollten, führen zu einer sehr anspruchsollen Lektüre. Mein Ritual, bevor ich ein Buch abends wieder in die Hände nehme, besteht darin, mir selbst gedanklich eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens zu geben. Einfach, dass ich sofort wieder in die Geschichte reinkomme. Bei diesem Buch allerdings war das manchmal gar nicht möglich.
Ich bin versucht ein weiteres Buch von Bottini zu lesen. Einfach, weil er wirklich gut schreiben kann. Und einfach in der Hoffnung, dass ich auf etwas leichtete Kost stosse, als die Beschaffung von Cum-Ex-Geldern zum täglichen Gebrauch.
Das Buch kostet 28 EUR (oder in der Schweiz zwischen 30 und 40 Franken). Wer etwas tiefer gehen will als nur "Leiche - Ermitteln - Festnehmen" und zudem eine Affinität zu Milliarden-Beträgen in der deutschen Wirtschaft hat, der bekommt von mir eine Kaufempfehlung. Ich werde das Buch für CHF 5 auf meinen Bücherwagen legen und damit zum nächsten Markt fahren.