Die Summe aller Dinge. Von Oliver Bottini.

Zuerst ein Wort zum Autor. Er sammelt (deutsche) Krimipreise, wie andere Leute Kastanien im Herbst. Auf dem Buch-Cover klebt ein Kleber mit der Aufschrift: "Sechsfacher Preisträger Deutscher Krimipreis!" Zwei der Krimis mit der schwer problembehafteten Figur "Louise Boni" wurden verfilmt (Melika Foroutan in der Hauptrolle) sowie auch zwei weiter Bücher von Bottini. Schreiben kann er also, der Bottini. Ohne Zweifel.

Kann ich zu seinen künftigen Fans gehören?

Im vorliegenden Buch "Die Summe aller Dinge" (Hardcover, 470 Seiten, DuMont) gehts um die gierige Finanzwelt. Das Heranschaffen von Cum-Ex und Cum-Cum-Geldern, um das Bescheissen von Finanzämtern und um das "nicht-mehr-wissen-wohin-mit-dem-Geld"-Allüren von Einzelpersonen, die sich gegenseitig aufputschen. Und um einen in Armut aufgewachsenen Syrer, der nun plötzlich ziemlich weit oben in der von Gier nicht mehr zu kontrollierenden Pyramide steht.

Es geht also um ein - für Aussenstehende - relativ unsympathisches Thema, welches zumindest Grundkenntnisse in der Finanzwelt voraussetzt. Auch wenn Bottini dazwischen immer wieder erklären lässt, wie das alles funktioniert, muss man doch mit Google lesen, um den einen oder andern Ausdruck einordnen zu können.

Warum ist das jetzt ein Krimi? Die Geschichte beginnt mit dem Beschrieb von drei Todesfällen (die Hauptfiguren in diesem Buch, welches natürlich mit unzähligen Zeitsprüngen auskommen muss, wo die "Toten" eben noch leben...). Betroffen davon - durch Heirat und Freundschaft - ist eine trauernde Polizistin, die auf der Jagd nach dem Auslöser bzw. Verursacher des Suizides ihres Mannes, das eine oder andere Abenteuer erlebt.

So konstruiert sich das Buch von Bottini. Aufgrund seiner "Danksagung" am Schluss des Buches lässt sich erahnen, dass er selbst kein Finanzexperte war und umfangreich recherchieren musste. Das ist ihm - zugegeben - sehr gut gelungen. Der Plot selber ist, vorallem zu Beginn, unsäglich kompliziert und die Zeitsprünge in der Erzählung, die den Lesenden eine Logik ermöglichen sollten, führen zu einer sehr anspruchsollen Lektüre. Mein Ritual, bevor ich ein Buch abends wieder in die Hände nehme, besteht darin, mir selbst gedanklich eine kurze Zusammenfassung des bisherigen Geschehens zu geben. Einfach, dass ich sofort wieder in die Geschichte reinkomme. Bei diesem Buch allerdings war das manchmal gar nicht möglich.

Ich bin versucht ein weiteres Buch von Bottini zu lesen. Einfach, weil er wirklich gut schreiben kann. Und einfach in der Hoffnung, dass ich auf etwas leichtete Kost stosse, als die Beschaffung von Cum-Ex-Geldern zum täglichen Gebrauch.

Das Buch kostet 28 EUR (oder in der Schweiz zwischen 30 und 40 Franken). Wer etwas tiefer gehen will als nur "Leiche - Ermitteln - Festnehmen" und zudem eine Affinität zu Milliarden-Beträgen in der deutschen Wirtschaft hat, der bekommt von mir eine Kaufempfehlung. Ich werde das Buch für CHF 5 auf meinen Bücherwagen legen und damit zum nächsten Markt fahren.

Noch fünf Tage.Von Helena Falke.

Dieses Buch ist ein Inselbuch. Das heisst, wenn ich 10 Bücher mit auf eine einsame, internetlose und verlassene Insel mitnehmen dürfte, dann wäre das eines, welches ich einpacken würde. Das Buch "Noch fünf Tage" ist schlichtweg genial.

Ich habe an dieser Stelle vor ein paar Wochen bemerkt, dass es nicht immer einfach ist, ein Buch zu schreiben und darin ausschliesslich eine Person zu begleiten (hier). Helena Falk hat genau das gemacht und zwar so spannend und gut, dass es eine Wohltat ist, diese Geschichte zu lesen, auch wenn sie eigentlich tragisch ist.

Kurzfassung: Eine Sterneköchin vergiftet mit ihrem Essen unabsichtlich eine ganze Familie und auch sich selbst. Während die Familie sofort stirbt, bleibt sie noch fünf Tage am Leben und rekonstruiert aus dem Krankenhausbett, zusamme mit ihrer Pflegerin, ihr Leben und die Geschichte des relevanten Essens um herauszufinden, wer für das Gift verantwortlich war.

Diese Anlage führt uns ins Jet-Set-Leben (die Familie war sehr wohlhabend) mit all dessen Auswüchsen, sie führt uns in die Küche eines abgehobenen Starkochs und dessen Restaurant, sie führt uns in Familiengeschichten und zu absonderlichen Nachbarn in bündnerischen Dörfern. Und immer wieder wird den Lesenden die Uhr vor Augen geführt: Jene Uhr, die den Countdown zum Tode der Protagonistin darstellt.

Helena Falke - "ist ein Pseudonym einer mehrfach ausgezeichneten deutschsprachigen Autorin" - schafft es, die LeserInnen der Hoffnung zu unterwerfen, die Köchin möge überleben. Man fühlt und hofft mit ihr und will ganz einfach, dass sie ihre Fragen beantworten kann und glücklich und zufrieden mit ihrer Tochter weiterleben darf. Ob und wie sie dann letztlich, nach 300 sehr spannenden Seiten, stirbt, bleibt nicht ganz klar. Denn wer den eigenen Abgang beschreiben kann...

Ich werde dieses Buch wohl mit etwas Schmerzen auf meinen Bücherwagen legen (denn ich plane ja nicht wirklich eine Reise auf eine Insel). Aber den Titel werde ich mir merken. Vielleicht schreibt "sie ja mal wieder ein "Helena Falke" gelegentlich mal wieder etwas. Oder sie kommt bei mir am Bücherwagen vorbei. Denn gemäss Klappentext "lebt sie in der Nähe des Dreiländerecks, wo sich Frankreich, Deutschland und die Schweiz treffen".

Das Buch kostet 20 EUR oder zwischen 20 und 30 CHF. Es ist jeden Franken oder jeden EURO wert.

Kopflos. Von Silke Amberg.

Man merkt gut, dass es zwar der erste Krimi der in Basel lebenden Autorin ist, aber nicht das erste Buch. Es gibt einige Momente im vorliegenden Buch „Kopflos“, die von guten Grundlagen zeugen. Auch die Aufmachung des Buches durch den Verlag ist sehr schön und edel. Aber leider gibt es auch einige Dinge, die – zumindest mir – leicht negativ auffallen.

Vorerst aber wieder einmal die klare Feststellung: Diese Bücherchecks geben meine persönliche Meinung wieder. Es ist den Lesenden freigestellt, eine komplett andere Sichtweise zu haben…

„Kopflos“ ist ein Kriminalroman, der sich einer jungen Kriminalkommissarin aus Basel bedient. Sie ist lesbisch. Das müsste eigentlich keine Rolle spielen, aber es wird in diesem Buch immer wieder erwähnt und greift sowohl in die Ermittlungen, wie auch ins beschriebene Privatleben der Frau hinein. Es werden sogar anderthalb erotische Stellen im Buch mitgeliefert…

Die Autorin wählt eine unglaublich schwierige Erzählform: Die Leser:innen bleiben vom ersten bis zur letzten Seite an Carmens – so heisst die Frau – Seite. Das vereinfacht einerseits das Lesen, denn man wird nur wenig abgelenkt. Allerdings: Die Gedanken des Täters (oder der Täterin) werden in einer andern Schrift, bruchstückweise, dazwischen gefügt. Das merkt man allerdings erst später und führt anfangs zu einer eher verwirrenden Abfolge von Erzählungen.

Diese pausenlose Begleitung der Protagonistin allerdings führt dazu, dass die Leser:innenschaft jeden Abend mit ihr nach Hause geht und jeden Morgen mit ihr aufsteht. Das heisst, wir begleiten die Kommissarin in all ihren Gedanken, in ihren Selbstzweifeln, bei ihren Frustattacken und bei ihrer grenzenlosen Enttäuschung und dem Schmerz der eben zerbrochenen Liebschaft sowie, als wäre das nicht schon genug, ihre Schuldgefühle am Tod ihrer Schwester. Es gibt eine Stelle im Buch, wo wir weit über 10 Seiten mitverfolgen (müssen), wie sich die Frau zu Hause in Selbstmitleid buhlt, obwohl wahrscheinlich die ganze Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft einen absurd brutalen Mörder jagt. Und es führt weiter dazu, dass auf jeder Seite mindestens 5, wenn nicht 10 Fragen auftauchen, die sich die Kommissarin stellt (und vorerst keine Antwort darauf hat). Das nimmt der Geschichte jegliche Spannung und verleitet zum Überlesen einiger Abschnitte, wo wir ansonsten wieder mit der Protagonistin in ihren Liebeskummer und in ihre traumatische Vergangenheit tauchen müssen. Aber dafür wissen wir, was die Frau isst und was sie nach dem Aufstehen am Morgen tut.

Dazu kommt noch der Schreibstil der Autorin. Der ist an sich nicht zu bemängeln, und ist eine freie Entscheidung der Autorin, ist aber mit den oft kurzen Sätzen eher gewöhnungsbedürftig.

Der Plot an sich ist sehr ungewöhnlich. Selbst in der Region Basel lebend kann ich mir nicht vorstellen, dass solche Morde, die als „Kunstwerke“ daher kommen, passieren können und vor allem so lange nicht öffentlich werden. Im Zeitalter von Instagramm etc. und dann noch an einer Universität mit all den Social-Media-Student:innen ist das eher etwas ungewöhnlich.

Ich habe grossen Respekt vor Autor:innen, die sich an einen Krimi wagen. Und dann noch an einen Lokal-Krimi, der oft eher als Reiseführer mit Leiche, als an einen spannenden Kriminalfall erinnert. Das ist Silke Amberg gut gelungen. Die „Ausflüge“ in Basel sind nicht aufdringlich und auch für Aussenstehende erträglich. Und ich bin sicher, dass der zweite Krimi, der sicher schon als Datei im Computer existiert, eine Weiterentwicklung sein kann. Man darf gespannt sein.

Tödliches Verderben. Von Karin Slaughter.

An sich ist der Name "Karin Slaughter" fast schon eine Garantie für einen guten Krimi oder gar einen Thriller. Dazu kommt der rote Kleber von SPIEGEL: "Bestseller-Autorin" und die Dicke des Hardcoverbuches von über 550 Seiten. Also das richtige für ein paar Spätsommer-Abende mit Jacke und Zigarre im Garten.

Der Klappentext hätte mich eigentlich vorwarnen sollen. Immer wenn es um "Lügen und Schweigen" geht, wenn es "Verstrickungen" gibt und am Schluss auch die Ermittelnden zur Zielscheibe werden sollen, ist das ein Zeichen für eine eher anspruchsvolle Lektüre.

Und tatsächlich. Es beginnt mit einer Beerdigung ihrer Mutter, bevor die Protagonistin mit ihrer Schwester zu einem Tatort im selben Dorf gerufen wird. Und dann beginnt eine wahrhaftige Odyssee, wo sich die beiden Frauen zwar gegenseitig misstrauen und bekämpfen, aber dennoch versuchen das Verbrechen zu enträtseln. Es gibt viele - sehr viele Verdächtige die permanent wieder wechseln. Die eine der beiden Frauen (Polizistin im Dorf) kämpft gegen ihre Vergangenheit. Ihre Schwester (pensionierte FBI-Agentin) gegen ihre Alkoholsucht und ein unglaubliches Geheimniss aus ihrer Vergangenheit, die sie vornehmlich weit weg in einer andern Stadt verbracht hat.

Emmy (die zur Wahl stehende Nachfolgerin ihres verstorbenen Vaters, der Dorf-Sheriff war, ja, es ist nicht einfach...) muss sich gegen Polizeikollegen, Dorfbewohnerinnen und die eigene Familie durchsetzen (natürlich ist der Sohn auch Polizist und ihr unterstellt....). Dann baut Karin Slaughter viel Drama in die Geschichte, denn die junge Tochter des Opfers überlebt schwer verletzt und wird von ihren Freundinnen einerseits geschützt und auch verraten.

Die versprochenen "Verschwörungen" reichen Jahrzehnte lang zurück und plötzlich kann man niemandem mehr trauen. Dazu kommt das Trauma der eben verstorbenen Mutter und demente Zeugen.

Bref: Die Autorin packt sehr sehr viel in ihren Thriller. Die Spannung ist daher nicht permanent hoch, wohl aber die Herausforderung, den Überblick zu behalten. Lee Child meint dazu: "Slaughter steht für Leidenschaft, Intensität und tiefe Menschlichkeit". Da hat er recht.

Wenn Sie also bereit sind für viele Seiten Geschichte - ohne viel Blut, ausser am Anfang - dann ist das ein Buch für Sie. Es kostet 24 EUR oder 35 Franken.

Nummer 138. Von Gavin Bell.

Gerne mal wieder einen einfachen, gut verständlichen Thriller? Mit einer Prise Politik, aber wirklich nur oberflächlich? Mit viel Spannung und einem wirklich – auf den ersten Blick – einfachen Plot? Von einem Autor, der zwar schon ein paar Bücher verfasst hat, aber wahrscheinlich noch nicht so bekannt ist, dass man schon vor dem Buch weiss, wie es ausgeht?

Dann empfehle ich der Lesenden uneingeschränkt das Buch von Gavin Bell: Nr. 138. In der englischen Originalfassung etwas weniger kryptisch: 138 Main Street. In deutscher Sprache etwa: Hauptstrasse 138 (was etwas weniger exotisch klänge…).

Das Buch ist wirklich einfach zu verstehen. Die Geschichte spielt in den USA.  Da kommen Menschen zu Tode, die an einer bestimmten Adresse wohnen (Sie habens erraten: An der Main Street 138) irgendwo im Lande. Das gibt eine Auswahl von über siebentausend Möglichkeiten. Und da die ermittelnden Polizistinnen und Polizisten ja nicht das Buch mit dem Titel „138 Main Street“ vor sich haben, vergeht eine Weile, bis man den Zusammenhang zwischen den Verbrechen – nämlich die Adresse – erkennt. Und es vergehen weit über 400 Seiten in diesem Buch, bis das Rätsel gelöst und das Motiv bekannt ist. Während den knapp 500 Seiten im ganzen Buch erhalten wir kleine, gute Geschichten serviert: Ein Polizistin, die als Landei in die Taskforce für diesen Fall berufen wird, eine Polizeichefin, die leicht überfordert ist, ein pragmatischer Super-Ermittler, der dann plötzlich im Spital liegt etc.

Obwohl der Autor immer mal wieder ein Kapitel einfliessen lässt, welches einem annehmen lässt, man beobachte den Täter, bleibt das Buch wirklich spannend und die Lesenden erhalten einen Einblick in die Arbeit der Ermittler und Ermittlerinnen von lokalen Polizeien und dem FBI und plötzlich bekommt man ein etwas mulmiges Gefühl beim Lesen: Hoffentlich bringt hier der Autor keine Trittbrettfahrer auf die Idee…

Das Motiv für diese Taten ist keinesfalls auf der  Hand liegend und überrascht zum Schluss des Buches.

Das Buch „Nummer 138“ vom britischen Autor Gavin Bell hat mir Freude gemacht: Die absurde, aber mögliche Anlage der Geschichte und die draus resultierende Spannung, well done! Es kostet in DE 13 €. In der Schweiz ist es tatsächlich schon für CHF 12.70 beim Versandhandel erhältlich.

Vermisst - Der Fall Lucas. Von Christine Brand

Kennen Sie Christine Brand, die aus dem Emmental stammende Gerichtsreporterin und Krimiautorin? Wenn nicht, dann lohnt sich vielleicht die Visionierung des True-Crime-Dok-Films „Der Fall M.“ von SRF, datiert vom April 2026. Da wird Brand als Expertin gezeigt. Sie beschreibt, wie sie die Gerichtsverhandlungen erlebt hat und man merkt sofort, dass die Frau eine fundierte Ahnung von Gerichtsfällen und Verbrechen hat.

So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass ihre Kriminalromane – aus der Reihe „Vermisst“ – ziemlich authentisch daher kommen und sich wenig reisserisch oder abstrus präsentieren.

Im vorliegenden Fall „Vermisst – Der Fall Lucas“ spielt „Malou“, die Ex-Kommissarin aus Bern, natürlich wieder die Hauptrolle. Wie schon in den vorherigen (und auch in diesem Blog beschriebenen) Geschichten, ist sie eine sehr sympathische junge Frau, die einem mit ihren unkonventionellen und manchmal auch sehr unvernünftigen Ermittlungsaktionen nerven kann. Sie fährt seit jeher eine alte und unzuverlässige Vespa, die (Achtung Spoiler…) in diesem Band – endlich – den Geist aufgibt. Ihre Lebensumstände (inkl. die des bei ihr lebenden Leguans) werden nochmals beschrieben, sodass man sofort in die Geschichte einsteigen kann. Als Nebenstrang läuft die Suche von Malou nach ihren leiblichen Eltern, die auch in diesem Buch weitergeht (und wiederum nicht abgeschlossen wird).

Christine Brand schreibt für ein „normales Publikum“, also auch für Menschen, die „mal einen Krimi probieren möchten“. Es gibt – klar – schon ein paar Leichen. Aber Brand versteht es gut, diese in einem verträglichen Stil zu präsentieren.

Die Geschichte ist interessant, der Fall ist spannend und eigentlich hat man bis weit ins letzte Drittel das Gefühl, dass der Fall klar ist. Man ahnt zwar, dass dem nicht so ist, aber man ist als Leser oder Leserin doch überrascht, welche Lösung bei diesem Plot am Ende präsentiert wird.

Die Spezialitäten an diesem Buch ähneln der vorhergehenden in der „Vermisst“-Serie. Man kann erstens die Übersicht behalten, auch wenn die Autorin Zeitsprünge macht und zwischen den Kapiteln in jeweils andere Umgebungen wechselt. Also ein lesefreundliches Buch. Zweitens: Der Umfang. Wer lieber kleinere und übersichtlichere Bücher hat, muss sich wappnen: Auch dieser Band hat über 500 Seiten. Aber sie sind nicht „alibigefüllt“, sondern bewegen sich im Rahmen der Geschichte. Und drittens: Christine Brand macht nicht einfach am Schluss des Buches eine „Danksagung“ an all jene, die sie im Schreibprozess unterstützt haben. Nein, sie vermittelt auch ihre Gedanken zum Buch. Über fünf Seiten „Dank und Gedanken“, unterzeichnet am Schluss mit „Herzlich, Christine Brand“ zeigen das gute Verhältnis zwischen Autorin und Lesenden.

Hoffentlich gibt’s noch ein bisschen mehr von Malou und ihrer neuen Vespa. Das Buch kostet in der Buchhandlung als Paperback ca. 27 Franken. Im Online-Versand (Amazon.de) rund 10 Franken weniger.   

Revenge. Von Camilla Läckberg.

Die in Fällbacka geborene schwedische Krimiautorin war nach ihrem Studium eine Betriebswissenschaftlerin. Dann wurde sie schwanger und beschloss, ein Buch zu schreiben. Seitdem sind knapp 20 Bücher von ihr erschienen (plus eine Anzahl Kinder- und Kochbücher) und heute lebt sie davon.

So einfach geht das!

Camilla hat  ihre Bücherkarriere mit der teilweise biografisch angehauchten Protagonistin Erica Falck begonnen. Beide stammen aus Fällbacka (SE), beide sind Schriftstellerinnen und ziehen Kinder gross. Die elf Erica Falck-Krimis wurden alles Bestseller (und teilweise auch Filmvorlagen), da der Schreibstil und die ganze Erzählkunst von Läckberg eine Art „skandinavisches Gütesiegel“ trägt.

Danach beschäftigte sich Läckberg mit der „Rache“ – insbesondere mit der Rache von Frauen. Die Geschichten in dieser Reihe sind genial konstruiert und es würde mich nicht wundern, wenn die eine oder andere Leserin … aber das ist reine Spekulation.

Das bisher neueste Buch in der „Rache-Reihe“ heisst dann auch: Revenge  (Rache) und handelt von einer supererfolgreichen, Unternehmerin, die sich eine Sisterhood aufbaut, aber trotzdem durch die Umstände des Lebens plötzlich im Gefängnis landet. Ihr Leben hinter Gittern, ihre Pläne zur Rache an ihrem Vater (den sie hinter dem Gefängnisaufenthalt vermutet), die Durchführung dieser Pläne und ein furioses Finale sind der Inhalt dieses Buches.

Keine grossen Blutorgien. Keine irrwitzigen Plots über Verbrechen oder Schicksale. Eine einfache, gut geschriebene Geschichte, wo sich die Sympathie der Lesenden deutlich einer „Kriminellen“ zuwendet. Man wünscht sich,  dass die Rache glückt.

Das Buch ist sehr lesefreundlich geschrieben (oder dann halt auch sehr gut übersetzt). Ich bin sicher, dass sich dieses Buch nicht lange auf meinem Bücheranhänger hält und schon beim nächsten oder übernächsten Marktauftritt im September für wenig Geld weg geht. Wer sich das Buch ungebraucht leisten will, der zahlt un die 25 Franken. Auf dem Bücherwagen vom „Bücherchecker“ sind es max. 10 Franken…

Mordsmusik. Von Florian Blumer.

Wir haben es hier mit einem Basler Lokalkrimi zu tun. Geschrieben von einem Professor im Fach Wirtschaftskommunikation Deutsch. Ein Basler durch und durch, der in dieser seine Schul- und Unizeit erlebt hat und auch  hier in Basel gewohnt hat. Nun hat er seinen ersten Kriminalroman  - der „erste Fall für Kommissar Stalder“ – geschrieben.

Seine Marketing- und Verkaufsbemühungen für seinen Erstling sind bemerkenswert. Es wird eine Crowd-Funding-Aktion gestartet und in einem kleinen Filmchen wird erklärt, weshalb dieses Buch unbedingt erscheinen muss.  Als Belohnung für die Spende kann man sich den Autor nach Hause bestellen, wo er aus dem Buch vorlesen wird. Offenbar zieht das: Das Zahlungsziel wird locker übertroffen.

Zum Buch: Es gibt in diesem Buch zwei Geschichten. Die eine ist der Plot um den Mord an einem international bekannten Werbetexter aus Basel. Es wird erzählt, wie Kommissar Stalder, als frisch gebackener Vater aus dem Vaterschaftsurlaub geholt wird und sich mit einer neuen Assistentin um die Aufklärung des Falles kümmern muss. Er schafft es schliesslich und beeindruckt Chef, Kollegen und Assistentin gleichermassen.

Als „zweite Geschichte“ bezeichne ich das, was bei vielen Lokalkrimis erkennbar ist: Der Drang der Autoren, den Leserinnen und Lesern viel eigenes Wissen oder Beobachtungen zu vermitteln. So lesen wir diverse Lieder von Patent Ochsner.  Oder wir spazieren mit dem Kommissar durch die Stadt inkl. Angabe der Route und lernen nebenbei, dass es auf dem Leonardkirchplatz neben dem Brunnen eine Sonnenuhr steht, die gerade drei Uhr anzeigt (was nebenbei gesagt, gar nicht möglich ist, vorallem nicht im Mai…). Oder es wird beschrieben, wie sich zwei Frauen und ein Mann vor dem Erziehungsdepartements-Gebäude unterhalten. Dann erfahren wir gleich noch, wie der Kommissar (bzw. wohl der Autor) mit 16 Jahren konfirmiert worden ist und wie sich dazumal der Einzug in die Kirche gestaltet hat. Oft sind solche Nebenthemen hilfreich oder humorvoll oder dienen zur Auflockerung der Geschichte. Allzuviele davon sind aber Ablenkungen, die auch mal als „too much“ erscheinen, weil sie die Geschichte weder voran bringen noch Tempo verleihen.

Im „Nachwort“ erklärt der Autor die eine oder andere Abweichung und führt aus, weshalb sie notwendig ist.

Der „Erstling“ von Autor Florian Blumer mit seinem Kommissar Stalder reiht sich stilistisch hinter die Kommissär Ferrari-Bücher desselben Verlages ein und es würde mich nicht wundern, wenn die beiden sich demnächst über den Weg laufen.

Falls Sie nicht am Crowdfunding mitgemacht haben und sich mit einer Geschichte wohlfühlen, die sich während des ESC in Basel ereignet hat (im Buch ist es, aus juristischen Gründen,  der WSC…), dann kaufen Sie sich das Buch. Je nach Shop für 15 bis 22 Franken. Das ist ein angemessener Preis.

Bredouille. Von Martin Walker.

Wenn Sie genug haben vom Unbill des Alltags oder wenn Sie mal wieder schwelgen und vom Auswandern träumen wollen, dann greifen Sie zu einem der bisher achtzehn erschienenen Bände über "Bruno, Chef de Police" von Martin Walker. Sie werden sofort ein tiefenentspanntes Gefühl spüren. Auch wenn es ein Kriminalroman ist. Und auch wenn es - ab und zu - eine Leiche gibt (in diesem Band ist es eine Suizid-Leiche, deren Tod vor dem Beginn des Buches eingetreten ist, also keine Angst vor brutalen Szenen). Im äussersten Fall gibts eine Prügelei oder vielleicht - alle paar Bände mal - einen Schusswechsel. Und Bruno wird dann auch mal angeschossen. Aber irgendwie hat man immer das Gefühl, das muss so sein.

Ich hatte das Vergnügen den Autor Martin Walker persönlich zu erleben (an einer Lesung in Liestal/BL!). Er ist eigentlich ein Schotte, lebend in Washington, spricht aber gutes Deutsch und lebt sicherlich die Hälfte des Jahres im Périgord, wo sein Held Bruno lebt und arbeitet. Ein hoch sympathischer, bodenständiger Mensch, der am Schluss der Lesung und des Interviews ohne Verstärker und Mikrophon dem Publikum noch ein französisches Lied (aus dem Périgord) acapella vorgetragen hat.

Warum sind diese Bücher so entspannend? Nun, wie gesagt, der Plot des Krimis ist da und Walker erzählt ihn auch gut und mit etwas Spannung. Aber der allergrösste Teil des Buches befasst sich mit dem Leben von Bruno, der als Dorfpolizist den kleinen Kindergartenkinder über die Strasse hilft, der jeden Morgen mit seinem Hund joggt, der seine Hühner füttert und die Trüffel aus seinem Garten klaubt, der den Markt von St-Denis beaufsichtigt, den multikulturellen Rugby- und Tennisnachwuchs im Tal trainiert, der leidenschaftlich gerne und unglaublich einfach und gut kocht und diese Kunst fast jeden Abend bei einer andern - meist weiblichen - Gesellschaft anwendet. Ein Abendessen kann schon gerne mal zwei oder drei Seiten lang beschrieben werden: Von der Zubereitung der Omelette bis hin zur Produktion des Schnapses für den Digestif. Alles wird minutiös dargelegt. Zwischendurch wird dann noch - je nachdem wer zu Tisch sitzt - auch noch der Kriminalfall besprochen. Die Tischgäste sind Bewohner und Bewohnerinnen des Périgord, alle - ausser die Bösen - liebenswert und richtig französisch. Und: Natürlich gibt es längst mehrere Kochbücher mit all diesen Rezepten ("Brunos Kochbuch" und "Brunos Gartenkochbuch" - weil alles in seinem Garten wächst....), geschrieben von Julia Watson, der Gemahlin von Walker. Sie ist verantworlich dafür, dass in jedem Krimi von Bruno viel gekocht, gegesssen und genossen wird.

Natürlich nimmt uns Bruno - durch seine Ausritte - mit in die wunderschöne Gegend um Saint-Denis (welches fiktiv ist, aber Walkers Wohnort in Frankreich ziemlich nahe kommt) und lehrt uns nebenbei auch noch alles über den lokalen Wein.

Bref: Keine Zeile in diesem Buch ist verschwendet. Man bekommt so viel Informationen über diese liebliche Gegend, dass man sich wirklich beim Gedanken ertappen kann, ob man wohl mal ein Wochenende in die Gegend reisen soll. Da kann geholfen werden: Selbstverständlich gibt es einen Reiseführer: "Brunos Périgrod" von Martin Walker!

Gönnen Sie sich ruhig mal einen "Bruno"! In diesem Falle 370 kleine Diogenes-Seiten Wohlfühlen im Pérogord, angereichert mit einem Kriminalfall.

Der Feind in meiner Nähe. Von David Baldacci.

Nach der Lektüre von ein paar eher durchzogenen Büchern,  gelüstete es mich mal wieder,  einen rasanten Thriller zu lesen. Vielleicht einer, der noch etwas politisch angewürzt oder mit einer Prise Spionagenluft angereichert ist. So griff ich dann im Bücherladen-Regal zur Abteilung „B“ wie „Baldacci“ und griff nach dem Buch „Der Feind der Feinde“. Baldacci kann Thriller und er kann auch grosse Themen wie Spionage oder Kalter Krieg.

Und Baldacci enttäuschte meine Erwartungen nicht. Das dritte Buch der Reihe um Travis Devine ist in der vorliegenden Hardcover-Ausgabe vom Verlag Lübbe ein 500seitiges Lesevergnügen mit viel Spannung und Action. Natürlich auch vielen Leichen und Explosionen – aber wenn man das halt mal sucht und will, dann passt das.

Eines ist mir – als eigentlich harmoniebedürftiger Leser – sofort aufgefallen: Neben den Feindbildern, das sind meist böse Menschen die sterben müssen und auch werden, gibt es in dieser Geschichte auch eine kleine Anzahl „böse Menschen“, die viel Gefühl zeigen und die auch mal vergeben oder die Seiten wechseln können und zwar, weil sie plötzlich über andere Informationen verfügen. Oder weil sie nachdenken. Oder weil sie gar nicht so sind, wie wir als Lesende dies interpretiert haben. Das fand ich schon sehr spannend und es verleiht dem Plot eine Vielseitigkeit.

Travis Devine – ein Ex-Army-Ranger – sollte eigentlich ein strenger, zielstrebiger Agent einer amerikanischen Rechtsbehörde sein. Zu Beginn ist er das auch und wird sofort (schon auf dem Klappentext) mit dem Tode bedroht. Seine Aufgabe aber bringt ihn in die unmittelbare Nähe eines dreizehnjährigen, ungezogenen Mädchens. Und der Autor Baldacci zeigt, wie Devine von dieser Aufgabe «gefangen» genommen wird. Herrlich zu lesen.

Das Buch ist – wenn man solche Art Polit-Thriller mag – sehr rasant, spannend und gut und übersichtlich erzählt. Kaufempfehlung: Ja. Man muss den Baldacci-Style aber mögen. Die Vorkenntnisse von Band 1 und 2 der Travis Devine-Reihe ist nicht nötig.