Die Passage nach Maskat. Von Cay Rademacher.

Gut, das ist jetzt vielleicht etwas peinlich, aber man kann ja nicht alles schon gelesen haben. Ich gebe also zu: Ein Buch von Cay Rademacher hat es bis jetzt noch nie auf meinen Nachttisch geschafft! Es kommt noch schlimmer: Ich habe den Namen Cay Rademacher eigentlich noch gar nie gelesen.

Nun also liegt das Buch "Die Passage nach Maskat" ausgelesen vor mir. Und ich muss sagen: Grossartig!

Der Kriminalroman handelt in den späten 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts und beschreibt - neben dem "Kriminalfall" - eine ausgedehnte Reise eines Ozeandampfers (unbedingt ein Bild googlen vor der Lektüre, damit das Kopfkino funktioniert...) von Marseille durch das Mittelmeer, den Suezkanal nach Maskat im Oman. Und Rademacher packt hier wirklich eine grossartige Sprache aus und beschreibt genau im richtigen, zumut- und verarbeitungsbaren Umfang, wie sich so eine Reise von hundert Jahren abgespielt haben muss: Die Trennung der Klassen auf dem Schiff, die Kleidungen, die Mahlzeiten, die Ausflüge in "Panhards" (googeln!) und vieles andere mehr. Rademacher nimmt die Lesenden mit auf das Schiff. Das ist ganz grosses Handwerk.

Die Geschichte selbst ist spannend und verrückt und somit auch am Limit der Glaubwürdigkeit - wenn man das aus heutiger Sicht betrachten würde. Vor hundert Jahren allerdings, wäre so ein "verschwundener Passagier" vielleicht schon möglich. Man lässt es sich gerne erzählen.

Also: Cay Rademacher hat schon 14 Romane veröffentlicht im DuMont-Verlag (und ich haben KEINEN gelesen, ich weiss nicht, wo ich hinblicken soll...). Man darf also ruhig annehmen, dass Monsieur Rademacher, der mit seiner Family in der Provance lebt, das Metier des Schreibens beherrscht. Ich stimme dem voll und ganz zu und kann dieses Buch emfpehlen!

Basler Gleichstand. Von Wolfgang Bortlik.

Man könnte draufkommen beim raschen Durchblättern des Buches vor dem Kauf: Wolfgang Bortliks Buch "Basler Gleichstand" kommt mit extrem wenig Dialogen aus. In diesem Buch wird seitenweise und durch ganz Kapitel eigentlich nur nachgedacht und erzählt, beschrieben und analysiert. Und sehr wenig gesprochen. Das empfinde ich persönlich als wenig spannend, wenn es denn nicht um Ereignisse geht, die spannend oder völlig neu sind. Und das ist bei dieser Geschichte nicht wirklich der Fall.

Wir bewegen uns beim "Basler Gleichstand" in der Region "Ökoterrorismus" und werden - eben durch viele dialoglose Seiten auch in die Zeit der RAF zurückgeschleudert, wenn auch kurzzeitig und nur, weil ein Pamphlet aus dieser Zeit verschwunden ist.

Die Geschichte ist schön und wäre vielleicht spannend, wenn sie ebenso zu lesen wäre. Aber man driftet allzu oft in Gedankengänge ab, die wenig vorteilhaft für das Vorankommen der Geschichte sind.

Wolfgang Bortlik, der in Riehen/BS lebende Münchner ist ein grosser Fussballfan (was man natürlich in seinem Werk merkt: Sein Protagonist und einer der "Bösen" spielen beide Fussball und erst noch zusammen...) und hat mit seinem in diesem Blog besprochenen Werk "Allzumenschliches" - Friederich Nietzsche ermittelt! (https://www.buechercheck.com/2021/02/06/allzumenschliches-friederich-nietzsche-ermittelt-von-wolfgang-bortlik/) einen grossen Erfolg gelandet und hat mir persönlich eine grosse Lesefreude gemacht. Leider stellt sich mir beim "Basler Gleichstand" nichts Derartiges ein: eine harmlose Geschichte in einem Erzählstil, den ich nur bei aussergewöhnlichen Themen richtig gut finde.

Allerdings: Bortlik schreibt viele gute Bücher. Und wenn mir persönlich der "Basler Gleichstand" jetzt nicht eingefahren ist, dann heisst das nicht viel. Ich würde ihn nicht mehr kaufen und nicht mehr lesen. Aber ein nächstes Buch von Bortlik - warum nicht?

Die Hyänen. Von Lee Child.

«Die Hyänen» ist ein weiteres Buch in der Jack Reacher-Reihe von Lee Child. Jack Reacher, der ehemalige Militärpolizist ist ein Mann der wenigen Worte. Er arbeitet und handelt hoch analytisch und spricht «faadegrad». Keine unnötigen LeserInnen-Belehrungen. Sondern klare und deutliche Ansagen.

Er wird als «Hühne» bezeichnet und die Fans streiten sich, ob der kleine Tom Cruise der richtige Film-Reacher war (Nun spielt Alan Ritchson den Reacher und trifft die Gunst der Fans…). Am Anfang eines Abenteuers – auch im vorliegenden – kommt Reacher von irgendwoher mit dem Bus und steigt dann in einer zufälligen Stadt in Amerika aus, wo er dann halt sofort in ein Verbrechen gerät. Im Durchschnitt benötigt er ca. 400 Romanseiten, bis er die Stadt wieder verlässt. Im Bus. Zurück lässt er ein paar tote Bösewichte, oft auch eine Liebelei und ein paar gerächte oder rehabilitierte Gutbürger.

Das ist auch bei «Die Hyänen» so. Reacher mischt zwei rivalisierende Gruppen in einer Stadt auf und begibt sich, zusammen mit einer temporären Komplizin in allerlei Gefahren und Gemetzel. Alles um einem alten Mann und seiner Frau die Kredithaie (oder eben die Hyänen) vom Hals zu halten.

Für meinen Geschmack produziert Reacher (oder Lee Child) in diesem Buch ein paar Tote zuviel. Es wird gemetzelt und erschossen, als gäbe es kein Morgen mehr. Anonsten ist das Buch ein typischer «Jack Reacher»-Plot. Man kann sich darauf verlassen: Reacher gewinnt immer. Und er wird am Ende des Buches in einen Bus steigen und so lange umehr reisen (ohne Gepäck, das nötigste kauft er sich immer unterwegs…), bis Lee Child für ihn ein neues Abenteuer hat. Dann steigt er wieder aus.

Fazit: Wer Spannung, Action, einen gewissen Witz und einen sehr schönen und schnörkellosen Schreibstil ohne Geschwurbel und Lehrstunden mag, vorgetragen von einem Protagonisten, dem man ohne Zögern in den dunklen Wald folgen würde – der darf sich ruhig mit Jack Reacher einlassen. 

Tödliche Schuld. Von Nicci French

Ein Buch, ein Krimi bei dessen Lektüre man eigentlich fast nicht stillsitzen kann. Nichts für die Gutenacht-Lesung. Eher etwas zum Aufpeitschen vor einem Laufmarathon oder so (nicht dass ich hier Erfahrung hätte, aber es ist mir grad nicht besseres eingefallen!). Und warum? Weil es ein Thriller ist, dessen Geschichte man eben einfach ausgeliefert ist.

Wir Lesenden wissen: Die Protagonistin hat NICHTS falsch gemacht, hat NIEMANDEN umgebracht und ist eigentlich völlig unverschuldet in eine fürchterliche Situation geraten. Und dann glaubt ihr kein Mensch, alles was sie macht wird gegen sie verwendet und nichts was sie unternimmt, klärt ihre Situation auf. Im Gegenteil: Alles wird schlimmer, mit jeder Seite und mit jedem Kapitel. Und die LeserInnenschaft - oder zumindest ich - verzweiflet fast ob den Entscheidungen, welche die Protagonistin in der Geschichte trifft. Denn man weiss: Sie führen direkt in die nächste Situation!

Nun also, das braucht etwas Nerven, dieses Buch. Und ganz ehrlich finde ich, man kann es dann auch übertreiben mit den Zufällen und den Aktionen, die einen Menschen in die Unglaubwürdigkeit führen.

Speziell zu erwähnen ist, dass die Dramaturgie dieses Buches auf die Hauptfigur fokussiert ist. Es werden also keine Ermittler-Stars hergezüchtet (obwohl die betreffende Kriminalbeamtin Leila Fox durchaus Potential für eine Serienheldin hätte). Sondern es dreht sich alles um die Hauptperson im Buch und wir begleiten diese von der schönen Bilderbuchgegenwart in die Vergangenheit, wo nicht alle so reibungslos gelaufen ist.

Aber, das Buch ist spannend und abwechselnd und ich habe den Kauf nicht bereut. Es ist ein Thriller und kein Ponyhof-Roman und wenn man das berücksichtigt, dann wird es auch nicht zum Fehlkauf. Handwerklich ist es sicherlich gut gemacht. "Nicci French" ist keine Newcomer-Autorin sondern es ist ein Ehepaar, welches schon seit zwei Jahrzehnten die Welt mit Thrillern beglückt (z.B. die Serie um die Ermittlerin Frieda Klein). Also Profis, denen man vertrauen kann.

Und der Rhein fliesst weiter abwärts. Von Felix Bornhauser.

Da ist er wieder: Hauptkommisar Schmeitzky von der Basler Kriminalpolizei ermittelt wieder aktiv im Spiegelhof. Noch im letzten Buch war er Insasse in der Psychiaterischen Universätsklinik und deshalb hatte man etwas Mühe, die vielen Geschichten zu verfolgen, die Schmeitzky aus der PUK nach aussen transportierte. Jetzt ist er wieder hinter seinem Schreibtisch und liest das Horoskop in 20Minuten, bevor er zum Tatort gerufen wird.

Felix Bornhauser, der authentische Schriftsteller aus Basel, der seine Schmeitzky-Bücher wohl auch als Abarbeitung seiner Jugenderlebnisse benützt. Und er zeigt seine Liebe zu Basel. Gottlob verwendet er reale Begebenheiten, Gebäude und Orte in der Stadt (und nennt sie auch beim Namen): Wir bewegen uns in seinem neuesten Roman "Und der Rhein fliesst weiter abwärts..." im Hotel Drei Könige, im Spiegelhof, in der Bar Rouge, im Schoofegg, beim Fischmarktbrunnen - was immer Bornhauser beschreibt, ist real und authentisch. Das macht Spass.

Auch die Dramaturgie stimmt bei seinem neuesten Werk. Nach 8 Seiten Lektüre liegt ein Mensch erschossen im Trois Rois und Covid ist ausgebrochen (hier verwendet Bornhauser einen Fantasienamen...). Von dem Moment an wird die Geschichte aufgerollt und viele Figuren reihen sich in den Plot. Finanzjognleure, Profiteure der Pandemie, Auftragskiller - alles da. Aber die Übersicht bleibt und das ist bemerkenswert.

Der Schock kommt zum Schluss: Schmeitzky rückt wieder in die UPK ein!

Das Buch ist spannend und für alle Basel-Liebhaber:innen ein Geschenktipp für den Weihnachtsbaum! Schmeitzky ist lesenwert.

Ein notwendiger Tod. Von Anne Holt.

Ich bin schon lange auf der Suche nach der Erklärung, warum "Skandinavien-Krimis" ein meist sicherer Wert in Sachen Spannung, Dramaturgie und Qualität sind. Vielleicht lässt es sich anhand des vorliegenden Buches von Anne Holt erklären?

  1. Anne Holt war nowegische Justizministerin und damit eine, die über die Welt des Verbrechens Bescheid weiss.
  2. In den Büchern von Anne Holt ist es meistens kalt. Das erzeugt schomal eine Grundgänsehaut. Am liebsten liest man ein Holt-Buch vermutlich unter einer Decke. Auch im Sommer.
  3. In einem Buch von Anne Holt gibts normalerweise keine Geschichte. Sondern mehrere. Sie passen am Anfang nicht zusammen. Aber sie kommen sich Seite um Seite näher und plötzlich knallts und dann erst weiss man eigentlich so richtig, wie alles zusammenhängt. Das erzeugt Spannung.
  4. Anne Holt schreibt in einer schönen, verständlichen Sprache - oder zumindest ist die deutsche Übersetzung von Gabriele Haefs, die seit 25 Jahren nichts anderes macht als Holt und Konsorten zu übersetzen, von höchster Qualität.
  5. Anne Holt künstelt nicht. Sie schreibt "faadegrad" und ihre Handlung(en) sind gut verständlich und wenig verwirrend. Es könnte alles so geschehen sein. Sie schreibt zwar im "Dank" es sei alles Fiktion. Glauben tut man ihr das nicht. Vorallem weil sie es nicht unterlässt darauf hinzuweisen, wo sie die Inspiration her hat...

Diese Liste ist längst nicht abschliessend. Und ich werde noch viele Skandinavien-Thriller lesen müssen, bis ich eine Antwort erhalten werde.

Aber versuchen Sie mal eine "Holt". Ihre Protagonistin (die halt nicht immer die Hauptrolle spielt), ist Selma Falck. Das vorliegende Buch ist ihr zweiter Fall. Der dritte kommt im Herbst 2023 und ich freue mich jetzt schon drauf...

Die Abfindung. Von Yves Ravey

Vor mir liegt ein handliches, kleines Büchlein mit knapp 110 Seiten, einem unverfänglichen, aber spannenden Cover und es erinnert mich ein bisschen an das Büchlein, aus welchem unser damaliger Franzi-Lehrer lustige Geschichten auf Französisch vorgelesen hat.

Der Titel «Die Abfindung» ist ebenfalls noch kein klarer Hinweis auf den Inhalt. Es wird nicht um die Theorien der Muotathaler Wetterschmöcker gehen – soviel ist klar. Aber auf einen Thriller weist der Titel auch nicht hin. Der Name des Autors – Yves Ravey – auch nicht. Dafür bin ich persönlich zu wenig literarisch unterwegs.

Das erste Kapitel hat 12 Zeilen. Das zweite 20. Beim dritten Kapitel muss man schon 3 Seiten umwerfen … aber dann geht’s los. Ravey führt die Lesenden in eine Lebensgeschichte eines Zeitgenossen ein, der zuerst etwas Pech mit seinem Geschäft hat, danach mit seiner Frau, dann mit dem Gesetz und am Schluss glaubt niemand mehr daran, dass dieser Mann irgendwie wieder aus dieser Geschichte rauskommt. Und das kommt ja dann auch erst im ALLERLETZTEN SATZ des Büchleins aus.

Der Plot ist sehr simpel, gut verständlich und ohne grossen Nebengeschichten. Alle «Nebenstränge» der Geschichte  haben mit dem Protagonisten zu tun und bleiben so ziemlich übersichtlich und erlauben dem Autor seinen besonderen Schreibstil anzuwenden. Dazu folgendes: Zum etwas gewöhnungsbedürftigen Schreibstil dieses «Romans», welcher von der fanzösischen Finanzzeitung " L Echo" als «perfekten Thriller»bezeichnet wird: Der Protagonist erzählt uns Lesenden die Geschichte. Also benützt er den ICH-Erzählstil und deshalb können auch keine grossen Nebengeschichten erzählt werden. Zudem benützt er dann auch keine offensichtlichen, direkten Reden. Und so liest sich das Ganze, als würde uns die Geschichte erzählt werden und das ist eigentlich sehr spannend.

Ich will ein Fazit ziehen: «Die Abfindung» ist ein hochwertiges, kleines Romänchen, oder auch ein Thrillerchen, welches man auf eine Zugfahrt (nicht über 2 Stunden) oder auf einen innereuropäischen Flug mitnehmen kann (wobei beides sehr viel länger dauern kann als die Lektüre dieses Buches). Ich war froh, eine solch leichte, sehr gut geschriebene und spannende Lektüre auf dem Nachttisch zu haben.

Der Holländer. Von Mathijs Deen

Eines vorweg (und verstehen Sie das als Warnung oder Information): Wer dieses Buch "Der Holländer" lesen will, der muss sich mit Watt-Wanderungen, Ebbe und Flut, holländischen und norddeutschen Lebensarten und der wilden Natur der deutschen bzw. holländischen Gebiete der Nordseeinseln auskennen oder bereit sein, in ebendiese Welten einzutauchen. Sonst droht ein Kulturschock... Aber eigentlich sollte das ja kein Problem sein - sondern eher spannend (ich selbst bin mit einer Holländerin verheiratet und habe einen Geschäftskollegen aus der nordeutschen Region. Mein Kulturschock war also nicht sehr gross).

Nun: die Protagonisten sind alte, knorrige Männer die Spass daran haben, durchs Meer zu waten, wenn das Wasser nicht da ist. Das ist einerseits gefährlich und andererseits grenzwertig angenehm. Es erschliesst sich wohl erst, wenn man da wohnt oder er schon mal gemacht hat.

Jetzt kommt also einer dieser drei Wattwanderer ums Leben und dann entfesselt sich eine Geschichte über den deutsch/niederländischen Grenzkonflikt im Wattenmeer bei der Emsmündung (welcher dann auch tatsächlich besteht). Eine holländischen Polizistin die, kurz vor ihrer Rente die Leiche findet, muss nun noch gegen ihre deutschen Kollegen antreten. Dass diesem deutsch/holländischen Gekabbel ausgerechnet ein deutscher Polizist, aber aufgewachsen in ebendieser holländischen Gegend, zugeteilt wird, grenzt etwas an konstruierten Kitsch.

Wir lesen uns also durch die Techniken der Wattwanderung, durch die Meisterprüfung aller Wattwanderer (den Marsch nach Borkum), durch Eifersuchtsdramen und Grenzkonflikte. Wir trinken Kaffee und essen Kuchen mit den Holländern und Tee mit den Norddeutschen und fahren Kutter und Patroullienboote.

Das Buch ist kurzweilig und voller Informationen. Der Kommissar - sinnigerweise "Der Holländer" genannt - ermittelt kompliziert und ist eine Mischung zwischen Colombo, Marten S. Sneider und Philippe Maloney. Spannung kommt nicht so richtig auf, aber man muss ja auch nicht bei jedem Buch eine Adrenalin-Vergiftung haben.

Kaufen oder nicht? Ich finde: Leihen Sie es sich mal aus oder clicken Sie Leseproben im Internet an. Unbedingt drei Stunden anstehen für die nächste Ausgabe, würde ich jetzt eher nicht.

Lebenslust. Von Philipp Probst

Noch bevor ich das Buch gelesen habe, hatte ich die Möglichkeit einer Lesung bzw. einer Buchtaufe mit dem Autoren Philip Probst beizuwohnen. Und der arme Kerl tat mir im Nachhinein richtig leid...

Erstens hat er zugegeben, nervös zu sein. Er hatte ja auch allen Grund dazu: In der vollgestopften Buchhandlung sassen ihm ungefähr 200 Menschen gegenüber um zu hören, was der Probst zu sagen hatte. Zweitens war es schon sehr spannend zu erfahren, mit welchen Themen sich der Autor nach den so erfolgreichen Vorgänger-Bänden der "Reporterin Selma"-Geschichte auseinander zu setzen hat: Soll die Protagonistin im nächsten Band schwanger werden oder nicht (bedenkt man die Konsequenzen, dann eher nicht)? Soll der leibliche Vater aus Schweden in Basel heimisch werden? Wie entwickelt sich Selmas Chef Haberer weiter (nachdem er in Band 4 zur Hochform aufgelaufen ist - muss das weiter gehen oder soll man ihn wieder etwas zurücksetzen)? Wie soll das Gendern in den Büchern weitergehen (Probst hatte zugegeben, mit "Mensch über Bord" schon an seine Grenzen gekommen zu sein...)? Und: Wird in Band 5 das endlich ein von Probst so "geliebtes" Kistenvelo vorkommen?

Jedenfalls hat das Leben von Selma, der Protagonisin von Probsts Romanen, ungeheuer Fahrt aufgenommen. Man merkt es, wenn man unseren Büchercheck vom ersten Band liest (https://www.buechercheck.com/2021/01/29/alpsegen-die-reporterin-am-lauenensee-von-philipp-probst/). Da war alles noch etwas harmlos und die Spannung hielt sich in Grenzen (das Buch lief dann auch unter "Roman" - und keinenfalls unter Krimi). Im vorliegenden Fall gibts Drohnenüberwachung, Beschattungen, Explosionen, Beinah-Tod Erfahrungen im Feuer und im Rhein, Verfolgungsjagden mit dem Auto (gut gelungen, Herr Autor) und solche mit Booten auf dem See und Schwimmszenen in wilden Wellen und haufenweise Esoterik im Appenzellerland. Aber all dies in einer überschaubaren und gut verdaulichen Menge. Probsts Mantra: "Die Lesenden dürfen sich nie langweilen" setzt er brilliant um und manch ein "Grosser" (oder eine "Grosse") könnte sich davon eine Scheibe abschneiden. Die Selma-Romane mutieren langsam in Richtung "Krimi" oder gar "Thriller" (bei uns im Blog hat das Buch die Kategorie geändert...) und ich bin sehr gespannt, wie Probst das in Band 5 (Spielort Basel und Tessin) übertreffen kann.

Naja, es gibt noch Hunderte von Erzählsträngen, die der Autor angehen kann. Man wird sie gerne lesen. Denn - ich wiederhole mich - die Geschichten sind alle sehr authentisch, hervorragend recherchiert und fadegrad erzählt. Während Probst in seinen Kolumnen etwas herumeiern kann (da eine Kolumne eben nur ein Thema verwertet und trotzdem 2000 Zeichen gefüllt werden müssen), sind seine Romane unglaublich klar und jede Seite bringt die Story weiter.

Ich wiederhole mich zum zweiten Mal: Ich bin ein Fan von Selma. Und freue mich jedesmal wenn am Ende des Buches ein kristallklarer Cliffhanger steht, der die Lesenden beinahe zwingt, sich auf die Mailingliste des Verlages zu setzen, um ja den Start des fünften Bandes nicht zu verpassen. Und würde das nicht genügen, lauten die letzten Worte des Buches ... "FORTSETZUNG FOLGT"!

Möderische Hitze. Von Daniel Izquierdo-Hänni.

Vielleicht hätte ich das Buch gar nicht gekauft. Ein neuer Autor, ein weiterer neuer Anti-Kommissar, eine neue Spielgegend – so what?

Aber ich habe es gekauft. Warum? Ich gebe es an dieser Stelle gerne zu: Ich habe  mit dem Autoren schon einmal ein Bier getrunken. In Basel. Als der noch gar nichts von seinen Krimi-Plänen wusste. Deshalb dachte ich: Kauf ich mal. Ich muss es ja nicht besprechen, wenn es ein Reinfall wird.

Ich habe es aber sehr gerne in meinen Blog aufgenommen.

Izquierdo ist eigentlich ein Basler, der aber seit bald 20 Jahren mit seiner spanischen Frau in Valencia lebt und dort die eine oder andere Geschäftsidee verwirklicht hat. Und nun also wagt er sich ans Bücherschreiben. Mit einem Krimi. Das ist schon mal respektabel.

Die Geschichte seines Erstlingswerk ist einfach, übersichtlich und hat ein paar spannende Momente. Ein veritabler Pageturner ist es nicht, aber ein handwerklich gut gemachtes Buch mit allen Aspekten, die man halt immer wieder gerne in einem Kriminalroman liest: Ein wenig Familiendrame, ein bisschen Erotik, ein bisschen Gewalt, ein bisschen Schlauheit und die eine oder andere Spur, die die Lesenden auf eine falsche Fährte lockt.  Die Geschichte also: Gut gemacht.

Müsste man etwas kritisieren – und da schrecke ich nicht zurück, auch wenn es dann kein weiteres Bier gibt – dann das: Daniel Izquierdo hat Reiseführer geschrieben. Und das merkt man. Leider etwas zu sehr… Würde man alle Beschreibungen von Gebäuden, alle Referenzen auf die spanische Geschichte oder alle Beschreibungen von spanischen Ess- und Kulturtraditionen aus diesem Buch entfernen, dann bliebe wahrscheinlich ein Heft im Umfang eines Jerry-Cotton-Romans übrig… Ich persönlich mag Spanien und habe viele der Beschreibungen erkannt. Aber die Menge davon ist störend. In meinen Augen. – ABER: Es hat auch eine positive Seite! Die Authentzität in diesem Buch ist sehr hoch. Der spanische Protagonist benimmt sich wie ein Spanier. Die spanische Frau in der Geschichte benimmt sich wie eine Spanierin und die Beschreibungen von spanischen Familienessen ist grossartig und man bekommt Lust, sich dazu zu setzen. Wenn es jetzt dem Autor gelingt, beim nächsten Band das Gleichgewicht zwischen überflüssigem und geschichtsrelevanten Fakten zu finden, dann liegt hier ein schönes und tolles Erstlingswerk vor.

Daniel Izquierdo-Hänni hat – mit seinem Taxifahrer Alapont – eine Chance verdient. Die «Mörderische Hitze» ist in meinen persönlichen Top 10 der Regionalkrimis. Auch wenn es der bisher einzige aus Valencia ist, den ich kenne…