Vielleicht ist die Liebe so. Von Katja Früh.

Mehr als einmal schon musste ich einen Büchercheck mit dem Hinweis garnieren, dass der Autor oder die Autorin zwar Kolumnen kann, am Roman aber gescheitert ist. Auf die erfolgreiche Schweizer Drehbuchautorin und «Magazin»-Kolumnistin Katja Früh trifft dies in keiner Weise zu, im Gegenteil. Ihrem Erstling «Vielleicht ist die Liebe so» merkt man an, dass hier jemand sein Hand- resp. Schreibwerk von der Pike auf gelernt hat. Und nun hat sich die Allrounderin als reife Ü70-erin noch den verbreiteten Journalistentraum vom eigenen Buch erfüllt.  

Disclaimer: Ich kenne Katja Früh persönlich und um die Jahrtausendwende haben wir parallel Drehbücher fürs Fernsehen verfasst, sie für «Lüthi & Blanc), ich für «Café Bâle». Deshalb bin ich einerseits befangen und weiss andererseits, dass ihr Plot viele autobiografische Elemente enthält. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Mutter, die ihre Tochter eines Tages mit dem Entscheid konfrontiert, mithilfe einer Sterbehilfeorganisation selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu wollen. Obwohl das Verhältnis der beiden zueinander ein Leben lang problematisch war, versucht die Tochter sie von diesem Vorhaben abzuhalten. Aber die eigensinnige Mama setzt ihre Vorbereitungen unbeirrt fort und organisiert unbeirrbar auch Details wie die belegten Brötchen für den Sterbebegleiter.

Früh schildert die Irrungen und Wirrungen, in welche das mütterliche Vorhaben diese Anja stürzen, mit lakonischer Komik. «Der Termin» überschattet wochenlang ihren Alltag, und ihr übertragene Aufgaben wie das Einschläfern des mütterlichen Hundes bereiten ihr schlaflose Nächte. Hilfe sucht sie bei ihrem Partner, der sie zwar längst verlassen hat und mit seinen eigenen «Chnörzen» als kleingehaltener Drehbuchschreiber fürs Schweizer Fernsehen (viel Autobiografisches auch hier!) genug zu tun hat sowie den Freunden und Gästen der Bar, in der sie arbeitet. Wie sie trotz deren Unterstützung auf dem Weg zu Mutters schliesslich vollendetem Abgang von einer Panne ins nächste Fettnäpfchen stolpert, ist beste und kurzweilige Unterhaltung. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Neu York. Von Francis Spufford.

Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Checks im November 2025 hat New York mit Zohran Mamdani gerade einen neuen Bürgermeister gewählt und der überraschende Wahlausgang rückte die Megapolis wieder einmal in den Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit. Da ist der Gedanke reizvoll, die Uhr zurückzudrehen in eine Zeit, als «The Big Apple» noch eine verschlafene Kleinstadt war – vor ein paar Jahren von den Briten erobert, aber immer noch sehr holländisch. In diesem Jahr 1746 sprechen die Einwohner jedenfalls Englisch noch mit schwerem niederländischen Akzent, und der Broadway hiess noch immer «De Breede Weg» ...

Hier nun steigt eines garstigen Regentags ein Brite namens Smith aus einem aus London kommenden Schiff. Der junge Mann trägt den Wechsel einer Londoner Bank über eine sehr grosse Summe bei sich und findet so rasch Zugang zur guten Gesellschaft, die über die Herkunft und Absichten des Neuankömmlings lange Zeit rätselt und dennoch im Ungewissen bleibt. Die Bekanntheit des Fremden hat aber auch negative Seiten. Eines Nachts wird er überfallen und ausgeraubt und landet, bar jeglicher Mittel, vorübergehend im Gefängnis. Des erlittenen Ungemachs nicht genug, wird auch noch seine Affäre mit der Gattin eines ranghohen Offiziers publik und der gehörnte Ehemann und zudem beste Freund des Verführers seiner Frau fordert ihn zum Duell.

Doch ehe es zum Äussersten kommt, nimmt das Schicksal des mysteriösen Fremden eine weitere erstaunliche Wendung. Seine wahre Identität wird offengelegt, seine gesellschaftliche Rehabilitation lässt nicht auf sich warten und als Schlusspointe des wunderbaren Romans erschliesst sich auch der edle Zweck und die lautere Absicht von Smiths Mission in Neu-York, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Wer gerne süffig erzählte historische Stoffe mit einem Hauch Gesellschaftskritik und etwas Krimi-Appeal liest, sollte sich diesen Rückblick auf «Neu York» nicht entgehen lassen.

Wenn die Sonne untergeht. Von Florian Illies.

Zum Thomas-Mann-Jahr 2025 ist eine Flut von Publikationen erschienen; eine der heiteren Sorte über die Familie des «Buddenbrooks»-Autors hat Florian Illies beigesteuert. Der deutsche Historiker und Schriftsteller («1913») erzählt in «Wenn die Sonne untergeht» den Anfang der Exilgeschichte der Familie Mann im Schicksalsjahr 1933.

Eigentlich wollten Mann und seine Frau Katia damals Deutschland lediglich zu einer längeren Vortragsreise verlassen und dann in Arosa drei Wochen Ferien machen. Während dieser Zeit spitzte sich die Situation in Hitlerdeutschland jedoch derart zu, dass das Paar nicht mehr in die Heimat zurückkehren konnte. In der ersten Station seines Exils landete es schliesslich mit den beiden jüngsten Kindern in Südfrankreich, wo im Verlauf des Sommers auch die älteren Klaus, Erika, Golo und Monika auf ihren eigenen Fluchtrouten gelegentlich vorbeikommen. Zusammen mit anderen vor der Naziherrschaft geflüchteten deutschen Kulturschaffenden von Arnold Zweig bis Lion Feuchtwanger verbringt so eine deutsche Exilantencommunity in Sanary-sur-Mer einen in jeder Hinsicht heissen Sommer. Alle gehen mit dem Verlust der Heimat und dem gewohnten Lebens- und Kulturkreis anders um, und fast alle vertrauen ihre Gefühle einem Tagebuch an.

Illies hat offensichtlich Einblick in diese teilweise höchst intimen Quellen gehabt. Diese Informationen führt der Autor in einer süffigen Mischung von Tatsachenbericht und Roman in der spannenden und über weite Strecken amüsanten Schilderung einer Sommeridylle mit der dystopischen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa zusammen. Dabei liegt der Fokus auf den Notizen des durch die Vertreibung zutiefst getroffenen Dichterfürsten und dessen problematischer Beziehung zu fast allen seinen Kindern in dieser existentiellen Situation. Wer sich auch nur am Rand für die damalige Befindlichkeit des heute Gefeierten und dessen Gang ins Exil interessiert, sollte dieses Buch geniessen. Ich habe auf angenehm leichtfüssige und unterhaltende Weise viel über die Familie Mann und andere exilierte deutsche Kulturgrössen (auch Bert Brecht kam vorbei ...) erfahren. Warme Leseempfehlung!

Die Holländerinnen. Von Dorothee Elmiger.

Wenn ich diesen Check ins Netz stelle, ist der Schweizer Buchpreis 2025 noch nicht vergeben. Nominiert dafür ist unter anderen die vierzigjährige Dorothee Elmiger aus ursprünglich Wetzikon ZH, die heuer schon das deutsche Preispendant von Frankfurt mit nach Hause genommen hat. Obwohl an solchen Höhenflügen oft das Geschmäckle eines Hypes in Kritikerkreisen haftet, habe ich «Die Holländerinnen» gekauft und gelesen. Und war schon nach ein paar Seiten überzeugt, dass die deutsche Jury richtig entschieden hat und auch die Schweizer wohl nicht um eine Prämierung herumkommen.

Elmiger nimmt uns auf 160 kompakten Seiten mit auf eine beschwerliche Expedition in den panamaischen Dschungel. Ein Regisseur mit exzentrischem Charisma (Ähnlichkeiten mit Christoph Schlingensief, Werner Herzog und Milo Rau sind sicherlich nicht zufällig)  macht sich mit einer Handvoll ihm ergebener Theatermenschen auf die Spuren der titelgebenden Holländerinnen. Die beiden Frauen sind – verbürgtermassen; der Fall ist dokumentiert - 2014 beim Wandern in diesem Gebiet verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Das einzige Orientierungsmittel auf der Suche nach ihnen sind rätselhafte Nachtbilder auf einem gefundenen Smartphone, mit dem das Trüppchen nun in zunehmend misslichen Wetterverhältnissen durch den Urwald irrt.

Eine Expedition unter solch - auch meteorologisch - widrigen Umständen schweisst Teilnehmer zusammen oder bringt sie auseinander. Elmiger nützt diese Binsenwahrheit für «Binnengeschichten», in denen sie packend die Beziehungen und Interaktionen zwischen den Gefolgsleuten schildert. Dabei verzichtet sie gänzlich auf die Dramatik, die dem geschilderten Geschehen angemessen wäre. Diesen lakonischen Stil führt sie mit einem interessanten Konstrukt herbei. Das ganze Buch gibt nämlich in indirekter Rede und im Stil eines Protokolls den Vortrag einer mitgereisten Schriftstellerin vor grossem Publikum wider. Einfacher Kniff, grossartige Wirkung, so grossartig wie das ganze Werk. Für einmal eine Buchpreisnomination, die mich voll überzeugt hat. Vorbehaltlose Leseempfehlung!

No Way Home. Von T.C. Boyle.

Die Literaturkritik ist mit dem neuen Roman des 77-jährigen US-Schriftstellers T.C. Boyle wenig gnädig umgesprungen. Nach den ersten fünfzig Seiten, urteilte einer ihrer Titanen, wisse man alles über Plot und Charaktere; die restlichen 330 könne man sich sparen.

Tatsächlich ahnt man schon am Anfang, worauf die Dreiecksbeziehung zwischen einem gestressten Assistenzarzt aus Los Angeles, dessen übergriffiger weiblicher Zufallsbekanntschaft und deren eifersüchtigem Ex-Mann hinausläuft. Single Terry, der nach dem Tod seiner Mutter in ein Wüstenkaff in Nevada fährt, um sich um deren Haushalt und Hund zu kümmern, gabelt dort in einer Bar die attraktive Bethany auf, die soeben von ihrem Ex-Mann Jesse aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen worden ist. Aus dem kurzzeitigen Asyl, das der Sturzverliebte seiner Verführerin nach gerade mal einer Nacht im Haus der Mama anbietet, wird ein Dauerzustand. Die Frau zieht nicht nur nicht mehr aus, sondern vermietet eigenmächtig ein Zimmer an eine ebenfalls gestrandete Freundin und empfängt, während der Hausbesitzer in L. A. Extraschichten in der Notfallstation schiebt, ihren früheren Gatten und seine zweifelhaften Freunde zu drogengeschwängerten Partys mit anschliessendem Nachtlager für alle.

Terry, dem dieses Treiben dank einer intriganten Nachbarin nicht verborgen bleibt, muss dann regelmässig vier Stunden Autofahrt hinter sich bringen, um vor Ort zum Rechten zu sehen. Jedes Mal will er die Hausbesetzerin rauschschmeissen, doch jedes Mal bringt die Sirene den angeblich einzig Geliebten im Bett wieder auf andere Gedanken. Parallel dazu wird dieser von Jesse, der seine Frau um jeden Preis zurückgewinnen will, in einen Krieg «Mann gegen Mann» verwickelt, der auch vor massiven Körperverletzungen mit Hund, Fäusten, Motorrad und Auto nicht zurückschreckt. Die Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung findet «viel Rost in dieser Routine; es fehlt das Aussergewöhnlich in der völlig humorbefreiten Konstellation».

Trotz dieser Einschränkung und der totalen Überraschungsfreiheit des Plots habe ich den Roman fertig gelesen, und das nicht einmal ungern. Denn die schnoddrig-lakonische Sprache (und ihrer Übersetzung ins Deutsche), welcher sich die drei Hauptfiguren auch in den unerfreulichsten Situationen bedienen, hat mir doch manches Lächeln abgenötigt.

Für Polina. Von Takis Würger.

Von der griechischen Sage bis zum Ärzteroman unserer Tage hat die Literatur über die Jahrhunderte manches eingängige Cliché entwickelt und gepflegt. Der 40-jährige deutsche Journalist und Autor Takis Würger schöpft in seiner Novelle «Für Polina» grosszügig aus diesem umfassenden Katalog.

Da wären: Der Ferienquickie einer jungen Frau mit einem völlig Unbekannten und das dabei gezeugte Kind, das von der unangepassten Mutter ohne Nachricht an den Vater allein aufgezogen wird. Die enge Verbundheit des heranwachsenden Autisten mit der im gleichen Haushalt lebenden Tochter einer Freundin seiner Mama. Die beiderseitige Liebe, die aus diesem geschwisterlichen Verhältnis entsteht, aber aus Scheu und Hemmung bis zum Schluss der Story nicht gestanden wird. Das Wunderkind auf dem Klavier, das auf grosser Welttournee Erfolge feiert, aber dabei nichts anderes im Sinn hat, als die Geliebte wieder zu finden. Die Kasteiung des jungen Mannes als Klavierträger, samt dazugehörigem Bratkartoffelverhältnis, mit dem der Ausnahmekönner die ungelebte Liebe zu seiner Jugendfreundin sublimiert. Die Melodie, die er für sie komponiert und die Fügung, dass diese Klänge dank eines millionenfach geteilten Videos die Liebenden wieder zusammenführt. Der Schmerz, nachdem die mittlerweile verheiratete Mutter eines Kindes nach einer leidenschaftlichen Liebesnacht wieder zu ihrer Familie zurückkehrt. Und der Schluss, für den der frustrierte Weltklassepianist seine Tournee abbricht und in die baufällige Villa Kunterbunt seiner Kindertage zurückkehrt, wo er mit der mittlerweile alt gewordenen Ersatzvaterfigur auf die Heimkehr seiner grossen Liebe wartet.

Voilà die Geschichte von Hannes Prager und Polina. Alles drin, was die Literatur an Clichés hergibt. Trotz den vielen «déjà lus» bin ich gerne drangeblieben an diesem sympathischen Märchen, was «Für Polina» natürlich ist. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Der stille Freund. Von Ferdinand von Schirach.

Den 61-jährigen Deutschen Ferdinand von Schirach kennen Büchercheckleser als gelernten Juristen und dank seiner langjährigen Praxis als Strafrechtler auch Schriftsteller mit einer bemerkenswerten Begabung für Analysen von Straftaten und Straftätern.

https://www.buechercheck.com/2022/12/30/nachmittage-von-ferdinand-sirach/

https://www.buechercheck.com/2020/12/13/der-fall-collini-von-ferdinand-v-schirach/

In seinem Erzählband «Der stille Freund» erweist sich der erfolgreiche Krimiautor jedoch als Intellektueller, der sich in vierzehn Texten von einer neuen, philosophischen Seite zeigt. In der Sammlung finden sich prägnante Kurzporträt von Figuren wie Adolf Loos, Egon Friedell und Marcel Proust, Abhandlungen über Fake News und die sozialen Medien, die unsere Zeit und Gesellschaft so nachhaltig prägen.

Nicht immer funktioniert ja so ein Rollenwandel, wie ihn uns von Schirach zumutet. Zur Genüge bekannt sind Fälle von Erfolgsautoren, die eines Tages die Erwartungen ihres Publikums nicht mehr erfüllen wollen, etwas anderes ausprobieren und damit scheitern. Ich persönlich bin dem Bestsellerverfasser und ehemaligen Strafverteidiger auf seinem neuen Weg gerne gefolgt. Als Fan von Kurzgeschichten stecke ich auch die eine oder andere in meinen Leseraugen weniger gelungene gerne weg, wenn mich die nächste wieder in ihren Bann zieht.  

Auch auf dem neuen Feld gelingt von Schirach im Übrigen, was ihn für mich und seine grosse Fangemeinde so lesenwert macht: Die schlichte, sachliche Sprache und der lakonische Stil, der jeglichem Überschwang und aller Dramatik abhold ist. So habe ich auch diese Essaysammlung mit Genuss gelesen.

Mit Blick aufs Meer. Von Elizabeth Strout.

Eigentlich hätte ich sie schon lange entdecken können, ja müssen. Erst meine Marotte, als Ferienlektüre thematisch passende Titel auszuwählen, liess mich vor einem Urlaub am Ozean Elizabeth Strouts «Mit Blick aufs Meer» herunterladen. Dabei hat die heute  69-jährige Amerikanerin dieses Buch schon 2007 geschrieben und dafür zu Recht den Pulitzerpreis erhalten.

«Mit Blick aufs Meer» heisst in der englischen Originalfassung schlicht «Olive Kitteridge», und um die in Crosby im US-Staat Maine lebende pensionierte Mathematiklehrerin dieses Namens dreht sich der preisgekrönte Roman, der in Wirklichkeit eine Abfolge von Kurzgeschichten ist. Jede dreht sich um ein anderes Einzel- oder Familienschicksal der Menschen in einem Kleinstädtchen, wo jeder jeden und Olive alle kennt, weil sie zu ihr in die Schule gegangen sind. So taucht die alte Dame mit dem Äusseren und dem Auftreten eines Reibeisens, aber einer lebensbejahenden Grundeinstellung und einem grundgütigen Herzen in jeder Story auf. Und auch die anderen Figuren stehen nicht nur im Mittelpunkt der ihnen gewidmeten Episode, sondern tauchen immer wieder in anderen Geschichten auf. Wer Armistead Maupins «Stadtgeschichten» aus San Franzisco  gelesen hat, erkennt hier ein ähnliches Staffettenlaufmuster.

Ich habe in meinen Checks auch schon erwähnt, dass ich mich in Zeiten milder Verzweiflung über die hochgehypten und oft ärmlichen schriftstellerischen Gehversuche junger Europäer:innen der US-Literatur zuwende und praktisch nie enttäuscht werde. Strout pflegt eine perfekt unspektakuläre, mit einem leisen Humor unterlegte und von Lebensweisheit geprägte Schreibe, die zudem von Sabine Roth kongenial übersetzt worden ist. Ich habe «Mit Blick aufs Meer» an zwei Strandnachmittagen durchgehabt und war am Ende überglücklich ob der Entdeckung, dass die in jeder Hinsicht umwerfende Protagonistin und ihr Leben eine Fortsetzung gefunden haben: «Olive, again» (2019) trägt den deutschen Titel «Die langen Abende». Dringende Kaufempfehlung!

Fazit: Sowas Feines, so gut geschrieben und so hervorragend übersetzt ist mir schon lange nicht mehr auf den e-book-Reader gekommen.

Am Fliessband. Von Upton Sinclair.

Der US-Journalist und Schriftsteller Upton Sinclair starb 1968, und den Roman «Am Fliessband» publizierte er 1937. Und 1943 gewann er den Pulitzerpreis. Doch verlegen musste er seine Bücher selber, weil der «Muckracker» (Enthüllungsjournalist) amerikanischen Politikern und Geschäftsleuten zeit seines Lebens ein Dorn im Auge war. Er stellte sich nämlich kompromisslos auf die Seite der Arbeiterschaft und ihrer Rechte. Angesichts der aktuellen Wirtschaftskrisen und Massenentlassungen ist «The Flivver King» (Originaltitel) von einer Aktualität, die den Berliner März-Verlag 2025 zur Herausgabe einer neuen Übersetzung von Jörg Schröder veranlasst hat.

Sinclair stellt dem Aufstieg des Automobil-Pioniers Henry Ford vom hartnäckigen Tüftler zum zeitweise reichsten Mann der Welt und einflussreichsten Wirtschaftsführer der Vereinigten Staaten das Leben und die Karriere des Ford-Arbeiters Abner Shutt gegenüber. Dieser hatte dem jungen Erfinder noch seine erste «Karre» schieben helfen und avancierte später zum Vorarbeiter. Auf dem Höhepunkt der Produktion, als das Modell T millionenfach vom Fliessband lief und nach dem berühmten Bonmot seines Erfinders «in jeder Farbe» ausgeliefert wurde, «vorausgesetzt, sie ist schwarz», ist er stolzes Mitglied der Ford-Familie und bewundert seinen Boss, obwohl dieser längst in anderen Sphären schwebt.

Die grosse Enttäuschung erlebt Ford-Fan Shutt in den Jahren der grossen Wirtschaftskrise Mitte des 20. Jahrhunderts, als der Autokönig die Absatzbaisse mit immer unmenschlicheren Arbeitsbedingungen auffängt und schliesslich Zehntausende von Mitarbeitern ohne soziale Abfederung entlässt. Auch sein Weggefährte der ersten Stunde muss einen bescheidenen Wohlstand mit dem Elend der Arbeitslosigkeit in der Depression tauschen.

Der Erzählstil von Sinclair ist erkennbar der eines Journalisten. Kurze Sätze, wenig Emotionen, ganz bei den Facts. Die gute Übersetzung trägt dazu bei, dass ich das Buch mehr oder weniger in einem Zug gelesen habe. «Am Fliessband» hat keinen Staub angesetzt, und eine wichtige Lektion amerikanischer Wirtschaftsgeschichte ist inbegriffen.  

Sörensen macht Urlaub. Von Sven Stricker.

Sörensen ist ein aus Hamburg strafversetzter Kriminalkommisar der eine leichte Macke hat. In Holland würde man das „een klap van de molen“ (einen Schlag von der Windmühle) nenne. Nebst seinem langsamen und fast phlegmatischen Gebaren, leidet er unter einer Angststörung, die ihm immer mal wieder heimsucht und in die Bredoullie bringt.

Jetzt will der Kommissar endlich mal Urlaub machen (von „wollen“ keine Spur, er wird dazu verdonnert) und beschliesst, mit seinem alten Passat in ein österreichisches Hotel in den Bergen zu reisen. Aber nicht ohne vorher dem Ruf seiner Exfrau nach zu kommen, sie und die gemeinsame Tochter in Hamburg zu besuchen. Von seinem Dienstort in Kattenbüll (Nordfriesland) ist das auf dem Weg nach Österreich keine grosse Sache.

Und selbstverständlich läuft er dort direkt in einen Kriminalfall, den er noch rasch widerwillig lösen muss, bevor sein ungeliebter Urlaub in Österreich beginnen kann.

Das ungefähr ist der Plot des neuen Sörensen-Abenteuers. Wenn man die Verfilmung mit Bjarne Mädel gesehen hat, ergibt sich ein klares und verständliches Bild von Sörensen und das Buch wird zum Vergnügen. Der Film-Sörensen ziert dann auch das Cover.

Natürlich gibt es Angst, Schrecken und Leichen in der Geschichte (die zum Teil in Kattenbüll stattfinden, jetzt, wo der Chef im Urlaub ist). Aber sie werden so herrlich humorvoll beschrieben, dass die Lektüre ein Vergnügen ist. Mich persönlich nervt es zwar schon nach einigen Zeilen zu wissen, dass Sörensen (der übrigens kein Vorname hat), sein Ziel in Österreich niemals erreichen wird. Aber das ist sehr subjektives Gemecker.

Der Kriminalroman eignet sich, wenn man grad einen Skandinavien-Thriller hinter sich hat und etwas leichtere Kost vertragen kann. So richtig viel nachdenken muss man nicht. Es reicht, wenn man die Gedanken von Sörensen nachvollziehen kann und das gelingt ohne Weiteres.

Sörensens Urlaubsversuch ist die fünfte Geschichte in der Reihe. Und noch immer freue ich mich, wenn es ein neues Buch mit dem schrulligen Kommissar gibt. Das Paperback kostet um die 15 EUR/CHF und hat über 560 Seiten. Das ist ein grossartiges Preis-Leistungsverhältnis, vor allem weil es 560 lesenswerte, unterhaltsame Seiten sind.