Broder. Von Dörte Hansen.
Im Hitzesommer 2026 haben «Coolcations» - Ferien im kühlen Norden – weiter an Popularität gewonnen. Das Momentum ist damit auf der Seite von Dörte Hansen und ihren Romanen, die in fiktiven Landschaften an der Nord- und Ostsee spielen und sich aktuell wie geschnitten Brot verkaufen. «Zur See» haben wir in diesem Blog schon besprochen https://www.buechercheck.com/2023/01/09/zur-see-von-doerte-hansen/; nun hat die 62-jährige deutsche Journalistin und Schriftstellerin mit «Broder» ein weiteres Stimmungsbild aus Norddeutschland nachgereicht.
Die Geschichte dreht sich um die Bauernfamilie Bahnsen und ihren Hof in Friesland. Weil der Titelheld Broder das Licht der Welt ein paar Minuten nach seinem Zwillingsbruder Henning erblickt hat, übernimmt letzterer nach dem Anciennitätsprinzip den Betrieb der Eltern und baut ihn unter dem kritisch-resignierten Blick des Vaters zu einem hochmodernen Milch- und Mastbetrieb aus. Broder verlässt derweil das Elternhaus und studiert Tiermedizin. Vom Heimweh getrieben, kehrt er nach ein paar Jahren in die Heimat und damit als Veterinär auch immer wieder auf den elterlichen Hof zurück, dessen wachsende Probleme und letztlich den Suizid seines verzweifelten Zwillingsbruders aus der Nähe mitverfolgen muss.
«Traurige Figuren auf traurigen Bauernhöfen» seien mittlerweile der Markenkern von Hansens Romanen, ist das knackige Fazit des Rezensenten der ZEIT, der sich wundert, weshalb diese Verkaufsrekorde aufstellen. Es mag damit zu tun haben, dass sich dieses schriftstellerische Ausnahmetalent nicht nur topo- und geografisch das richtige Thema ausgewählt hat, sondern sich auch in allen behandelten Bereichen bis hin zur Viehzucht bis zur Perfektion auszukennen scheint. So gefällt mir denn eigentlich alles an diesem Buch: Die Story, die Charakterisierung der Zwillingsbrüder und ihrer Familienmitglieder und der Dorfgemeinschaft und die lakonische Präzision der Beschreibung des schwierig gewordenen Bauernlebens und der rauen Landschaft. Sie ruft im Leser den Wunsch wach, selber wieder einmal Husum, Sylt, Norderney, Langeoog, Bodrum, Amrum oder Usedom zu besuchen.
Sprechen wir über Eulen ... . Von David Sedaris.
Eine originelle Modestrecke des ZEIT-Magazins mit David Sedaris rief mir kürzlich wieder einmal den begnadeten Humoristen, Essayisten und Radiomann in Erinnerung. Dem 70-jährigen US-Bürger, der heute mit seinem Mann Hugh in England lebt, verdanke ich seit seinem Welterfolg «Nackt» so viele Momente der Erheiterung, dass ich mir umgehend sein jüngstes Buch auf den e-Reader lud.
«Sprechen wir über Eulen und Diabetes» ist eine Kolumnensammlung, in denen uns der Meister der homoerotisch gefärbten und ADHS-getriebenen Selbstbetrachtung in unterhaltsamen short storys vor allem an seinem Alltag in England teilhaben lässt. Von den lustvollen Differenzen mit seinem Wohn- und Lebenspartner über seine abseitigen Zwänge rund um den Schrittzähler bis zu den grotesken Auswüchsen seines Müllsammelticks bringt der begnadete Spötter alles aufs Tapet, was ein komisches Licht in erster Linie auf ihn selber wirft.
Sedaris versteht es wie kein zweiter, jeder noch so schrägen Situation noch einen zusätzlichen Spin ins Absurde zu geben. Sein Markenzeichen - skurrile Bilder und phantasievolle Vergleiche -, die uns schon in seinem früheren Schaffen zuverlässig zum Schmunzeln gebracht haben, pflegt er im Spätwerk wenn möglich noch ausgeprägter. So verbucht er auf 288 Buchseiten mehr Lacher als eine durchschnittliche Schweizer Late Night-TV-Show in vier Jahren.
Die Kehrseite dieser hohen Pointendichte ist allerdings eine gewisse Ermüdung der Humor- und Lachmuskeln. Man müsste die Willensstärke haben, das Bändchen nach zwei, drei Geschichten mal wieder zur Seite zu legen. Aber dann blättert man halt doch nochmals um, die nächste Episode beginnt mit einem kryptischen Titel und einem typisch Sedarisch’schen Satz – und bämm! schüttelt es einen schon wieder vor Lachen.
Aber dass das Werk dieses begnadeten Autor Suchtpotenzial birgt, ist ja für Kenner nichts Neues. Viel Vergnügen!
Freunde von früher. Von Micha Lewinsky.
Im ersten Buch von Micha Lewinsky, das ich in diesem Blog rezensiert habe (https://www.buechercheck.com/2024/08/02/sobald-wir-angekommen-sind-von-micha-lewinsky/) attestierte ich dem Sohn von Charles mit der Volksweisheit «Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm» das komische Talent seines Vaters. Das neue Buch des Juniors bestätigt meinen damaligen Eindruck; ich habe mich köstlich amüsiert.
In «Freunde von früher» geht es um eine Gruppe von Zürcherinnen und Zürchern, die sich in den 1980er-Jahren als junge wilde Linke eine Wohnung teilten. Jahrzehnte später lebt einer der damaligen WG-Genossen mit seiner Familie immer noch dort und erfährt, dass das ganze Haus verkauft werden soll. Weshalb, sagt er sich, es nicht mit den ehemaligen Mitbewohnenden erwerben und das Alter wieder - wie damals die Jugendjahre - zusammen unter dem gleichen Dach verbringen?
Der Initiant trommelt also die einstigen WG-Mitglieder zusammen und evaluiert mit ihnen Möglichkeiten und Bedingungen einer solchen Wiederaufnahme des Zusammenlebens unter allseits veränderten Vorzeichen. Aus der Sicht des Ich-Erzählers Belà, einem erfolglosen Dokumentarfilmer und zwischenzeitigen Primarlehrer und seiner jungen Freundin Kaja folgen wir der Entwicklung dieser Diskussion unter den in die Jahre gekommenen Gschpänli. Sie dreht sich nicht mehr um Opernhauskrawall und Platzspitz, sondern um Hypothekarsätze, Darlehen und wer warum welche Wohnung erhalten soll. Spätestens als es darum geht, wer von den Neokapitalisten den übrigen Hausbewohnern die Leerkündigung überbringen muss, steigt Belà aus und arrangiert sich mit dem Gedanken, mit der unerwartet schwanger gewordenen Partnerin eine bürgerliche Einkind-Familie in der alten und nun plötzlich nicht mehr zu kleinen Wohnung zu gründen.
Man muss sich in den Details der Jugendunruhen von damals und der Zürcher Wohnungsnot von heute nicht im Detail auskennen, um die Situationskomik der Übungsanlage vollumfänglich geniessen zu können. Warme Leseempfehlung!
Das Ende ist nur ein Anfang. Von T. C. Boyle.
Kurzgeschichten! Dafür bin ich, wie die Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, zur Abwechslung immer wieder zu haben. Der 78-jährige US-Schriftsteller T. C. Boyle hat bislang mehrere Sammlungen davon veröffentlicht; «Das Ende ist nur ein Anfang» ist nun – je nach Zählweise – die Nr. 8.
Boyles Geschichten greifen keine Wohlfühlthemen auf. Sie leuchten ausnahmslos eher düstere Winkel der menschlichen Existenz in der aktuellen dystopischen Epoche der Menschheitsgeschichte aus. Eine junge Frau interpretiert das Verständis von «zu Hause» neu. Ein Drehbuchautor wird zum Opfer seiner eigenen Phantasien. Eine alleinerziehende Mutter verteidigt Schmetterlinge an der texikanisch-mexikanischen Grenze. Es gibt eine Waffe aus dem 3D-Drucker, Schnee im Juli und einen Wespenstich mit dramatischen Folgen. Boyle leuchtet das aus, was die Rezensentin der Neuen Zürcher Zeitung «die vielfältigen Bereiche der menschlichen Existenz» nennt. Es geht um menschenfressende Tiger, eine Pianistin, die mit Edward Elgar zu kämpfen hat, und das Jahr 2036, in welchem Grönland nicht mehr zu Dänemark, sondern gemäss dem Wunsch des aktuellen POTUS zu den USA gehört.
Jede Episode zäumt die Realität am Schwanz auf, und dies in der Boyle eigenen lakonischen und den düsteren Inhalten zum Trotz leichtfüssigen Sprache, die in der Übersetzung von Dirk van Gunsteren sehr authentisch herüberkommt. Jede eröffnet eine neue und trotzdem unangenehm vertraute Welt; in jeder muss man sich neu zurechtfinden. Boyle bietet Anschauungen, keine Erklärungen. Trotzdem sind die zwölf Storys unterhaltsam und ihr Ende nur selten vorhersehbar.
Vorhersehbar hingegen ist das Vergnügen, das den Short-Story-Fans unter der Büchercheck-Leserschaft hier bereitet wird. Vorbehaltlose Leseempfehlung!
Szenenwechsel. Von Alain Claude Sulzer.
Theatergeschichten lese ich fürs Leben gern. Schon als Jugendlicher habe ich die Memoiren des schauspielernden Autors respektive schreibenden Schauspielers Curt Goetz alias «Peterhans von Binningen» (1888 – 1960) teil mehrmals verschlungen. Die süffigen Bühnenschnurren und der Klatsch rund um die Grossen der damaligen Szene hatten es mir als regelmässigem Theatergänger angetan.
Nicht nur deswegen habe ich ohne Zögern zum neuen Buch von Alain Claude Sulzer gegriffen. Wie schon andernorts in diesem Blog festgehalten, (https://www.buechercheck.com/2026/03/25/postskriptum-von-alain-claude-sulzer/; https://www.buechercheck.com/2022/11/05/doppelleben-von-alain-claude-sulzer/), halte ich – unabhängig vom Thema - grosse Stücke auf die Romane des 73-jährigen Basler Schriftstellers. Umso gespannter war ich auf den Blick hinter den Theatervorhang und das dazugehörige Personal, den er uns in «Szenenwechsel» gewährt.
Die Story beginnt mit dem Tod des 80-jährigen Simon Muthesius, einem berühmten Regisseur, ehemaligen Intendanten und Zeitgenossen von deutschen Schauspielgiganten wie Peter Zadek, Claus Peymann und Peter Stein. Sein Sohn organisiert nun ebenso pflichtbewusst wie widerwillig die Trauerfeier, zu welcher von Muthesius' Ex-Frau über diverse ehemalige Geliebte bis hin zur iranischen Putzfrau, der er zum Aufstieg in die Maske verholfen hat, ganz unterschiedliche Bezugspersonen aus dem Leben des Verstorbenen anreisen.
Die Erinnerungen, Motive und Gedankengänge dieser ehemaligen Mitstreiterinnen und Mitstreiter des Verstorbenen giesst Sulzer in kleinteilige Porträts. Nicht zuletzt wohl dank der Tatsache, dass der Autor seit vielen Jahren mit einem Schauspieler zusammenlebt, gelingt ihm ein wunderbar runder, authentischer und unterhaltender Roman, den ich nicht nur Freundinnen und Freunden des Theaters wärmstens zur Lektüre empfehle.
Der andere Arthur. Von Liz Moore.
Ich frage mich, weshalb es manchmal so lange dauert, bis ein Roman in deutscher Übersetzung auf den Markt kommt. Im Fall von «Heft» der 43-jährigen US-Schriftstellerin Liz Moore, der 2012 im Original erschienen war, dauerte es nicht weniger als 14 Jahre, bis das Buch diesen Frühling unter dem Titel «Der andere Arthur» in den Buchhandlungen des DACH-Raums auflag.
Die Story dreht sich um zwei Männer gleichen Vornamens, deren Lebensläufe und -umstände unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Ältere ist ein emeritierter Literaturprofessor, der wegen seiner Leibesfülle das Haus kaum mehr verlässt und den Kontakt mit der Aussenwelt über Lieferdienste und - als Ausnahme und entsprechend widerwillig - eine Putzhilfe hält. Der Jüngere ist ein begabter Basketballspieler namens Kel, der - vaterlos - mit seiner alkoholkranken Mutter zusammenlebt. Diese Charlene war einst Studentin bei Arthur 1 und mit diesem so eng liiert, dass bis zum Schluss des Buchs offen bleibt, ob aus der Verbindung möglicherweise Arthur 2 entstanden ist.
Als Kel sein Herzenswunsch nach einem Sportstudium versagt wird, gerät er in eine Lebenskrise. Angesichts der Verzweiflung ihres Sohns nimmt Charlene nach jahrzehntelanger Funkstille wieder Kontakt mit ihrem professoralen Freund auf. In einem Brief bittet sie ihn um Hilfe, die der einsame Sonderling nach einigem Zögern auch gewährt. Arthur I und II treffen sich schliesslich und die Geschichte schliesst mit der Hoffnung, dass diese Begegnung sowohl dem einsamen alten wie auch dem jungen verzweifelten Arthur einen Weg aus der Isolation zeigen könnte.
Moore lässt die beiden Protagonisten abwechselnd als Ich-Erzähler auftreten und legt ihnen kurze, prägnante Sätze in den Mund. Dadurch liest sich ihr Text so, als würde sie zwei unterschiedliche Zielgruppen ansprechen. «Eine quecksilbrige, flirrende, fast halluzinierende Erzählung» sei der Autorin gelungen, lobt der Kritiker der Süddeutschen Zeitung. Das ist ein Urteil, dem ich mich gerne anschliesse. Die Story von zwei einsamen Menschen und ihrem Umgang mit dem Alleinsein und schliesslich miteinander hat mir gefallen. Warme Leseempfehlung!
Tatort Hafen: Der Tote von Lagerhaus F. Von Kästner und Kästner.
Dieses Buch, dieser Krimi ist sehr speziell.
Da ist einerseits das Autorenduo: Das Ehepaar Kästner. Angélique ist Psychologin in Hamburg und schreibt seit 2010 Kriminalromane. Ihr Ehemann Andreas arbeitete als Hauptkommissar bei der Wasserschutzpolizei im Hamburger Hafen. Daher auch die zweite Spezialität: Die bisher erschienenen Bücher spielen im Hamburger Hafen. So auch das vorliegende Werk: "Der Tote von Lagerhaus F".
Die Story dreht sich um einen Leichenfund, was bei einem Kriminalroman nicht wirklich ausserordentlich erscheint. Die Leiche wird - natürlich - im Hamburger Hafen gefunden. Und: das grosse, jährliche Volksfest, der Hafengeburtstag, inkl. einer fulminanten Schiffstaufe, steht bevor!
Was nun folgt ist die dritte Spezialität des Buches: Eine wirklich rasante Geschichte, wo sich Ermittlungen zum Leichenfund und der Hafengeburtstag einen Höhepunkt nach dem andern liefern. Der Chef der Ermittler ist gleichzeitig auch der Kapitän der Hafenpolizei und hat natürlich alle Hände voll zu tun. Die Geschichte ist gespickt mit - nehmen wir mal an authentischer - Interna der WSP an einem Hafengeburtstags-Fest. Es werden Funksprüche der WSP-Schiffe aufgeschrieben und Einsätze beschrieben. Die Lesenden aus Hamburg werden viele Dinge des Hafenfestes erkennen: Das Einlaufen der Schiffe, das Schlepperballett, die Auslaufparade, das Feuerwerk. Und mittendrin: Eine Ermittlung in einem Mordfall, welche dann natürlich noch auf ein Kreuzfahrtschiff erweitert wird.
Man kommt bei diesem Buch kaum zum Atmen, so rasant und temporeich ist das geschrieben. Und trotzdem: Die Nebenschauplätze sind klar sturkturiert, man ist als Leser immer bei der Geschichte dabei.
Ein sehr erfrischendes Buch! Ich werde wohl noch das eine oder andere der vorhergehenden Ausgaben dazu kaufen. Das Softcover kostet 13 EUR oder zwischen 16 und 20 Franken.
Verlorene Schäfchen. Von Madeline Cash.
Die dysfunktionale amerikanische Durchschnittsfamilie ist ja weiss Gott keine besonders originelle und erst recht keine neue Romanvorlage. Der 36-jährigen kalifornischen Autorin Madeline Cash gelingt in ihrem Debut «Verlorene Schäfchen» jedoch eine lesenswerte Variante einer ziemlich kaputten Familiengemeinschaft. Sie erzählt die Geschichte mit scharfem Auge für Komik sowie viel Tempo und Witz. Zur genüsslichen Lektüre im DACH-Raum trägt die gelungene Übersetzung von Sophie Zeitz bei.
Lustig und lesenswert machen das Buch weniger die nicht durchgehend überzeugenden Handlungsstränge und die seltsame Schlusspointe mit einem kinderbluttrinkenden Milliardär, sondern die Situationskomik und vor allem das Personal, dessen Charaktere die Autorin mit einem scharfen Sinn für Satire zeichnet. Die Mutter, die einseitig ihre Ehe als offen deklariert und entsprechend unverfroren mit einem Bekannten der Familie fremdgeht. Der depressive Vater, der deswegen in seinem Van schläft und als Therapie bei einer christlichen Gruppierung namens «Die verlorenen Schäfchen» andockt, wo er erneut in einer destruktiven Beziehung landet. Und last not least die drei pubertierenden Töchter, jede für sich ein amüsantes Klischee der US-Jugend und ihren Spleens.
«Selbst Leser ohne Humor dürften hier lachen», schreibt Pia Wieners in ihrer Rezension des in den USA gehypten Romans zu Recht, denn «so trocken und eigenwillig ist der Witz der Autorin». Sicherlich kein gewichtiges Werk, aber wem es um Erheiterung und Erinnerungen an die «Simpsons» und ähnliche Familienkomödien ist, sieht sich mit dieser leichten Sommerlektüre bestens bedient.
Alleinruhelage. Von Eva Menasse.
Wir lesen einen Roman, der auf den ersten Blick an die Landromanzengeschichten einer Juli Zeh https://www.buechercheck.com/2021/05/02/ueber-menschen-von-juli-zeh/ oder Doris Knecht https://www.buechercheck.com/2023/09/22/eine-vollstaendige-liste-aller-dinge-die-ich-vergessen-habe-von-doris-knecht/ erinnert. Die Erzählerin in «Alleinruhelage» zieht allerdings nicht wie deren Figuren von der Stadt aufs Land in ein nur vermeintliches Paradies und scheitert an den rauen Bedingungen vor Ort. Sie will einfach nach einer schmerzhaften Scheidung mithilfe zweier polnischer Handwerks-Allrounder das Ferienhaus der zerbrochenen Familie an einem Baggersee in der DDR wieder auf Vordermann bringen.
Die meisterhaft erzählte Geschichte oszilliert zwischen verschiedenen Handlungssträngen. In der Gegenwart des wieder vereinten Deutschlands macht die Zuzügerin lieb- und weniger liebsame Erfahrungen (siehe Zeh und Knecht) mit den meist abweisenden Schrebergärtnern – in Analogie zum französischen Erfolgsfilm «die Schti’s» genannt - in der Nachbarschaft. Immer wieder blendet sie aber zurück in die Vergangenheit – in ihre eigene als Kind in einem konfliktreichen Elternhaus mit der wunderlichen Beziehung zu Onkel Walter und Tante Hüpfi, aber auch die ihrer Kinder im Paradies im waldumstellten Badesee.
Die Österreicherin Menasse befasst sich auf einer weiteren Ebene mit der wechselvollen und nicht selten problematischen Vergangenheit Deutschlands in den 1940er-Jahren einerseits und nach der Wiedervereinigung von 1989 anderseits. Hier verlässt «Alleinruhelage» definitiv die Niederungen eines mit Alltagssorgen parfumierten Daseins in der nostalgiebefrachteten Sommerfrische und benennt schonungslos die Probleme, unter welchen die ex-DDR und ihre ehemaligen Bewohner im neuen Miteinander von Ossis und Wessi zu leiden haben.
Die 56-jährige ehemalige Journalistin Menasse hat in ihren bisherigen Werken bewiesen, dass sie eine routinierte Erzählerin gut recherchierter Plots ist. Dass sie dabei mit dem typisch wienerischen Schmäh-Humor nicht geizt, macht dieses Buch zu einer durchaus vergnüglichen Lektüre.
Das Karussell. Von Hans-Ulrich Treichel.
Viel passiert nicht in diesem kleinen Roman des 74-jährigen deutschen Schriftstellers und Germanisten Hans-Ulrich Treichel. Und bevor das titelgebende Karussell sich dreht, vergehen vier Jahrzehnte Jahre im Leben des Protagonisten Bernhard, die im Buch unbehandelt verstreichen. Doch der Reihe nach.
Am Ende seiner beruflichen Laufbahn als Hochschullehrer an einer deutschen Universität erinnert sich der von seiner Frau verlassene 70-Jährige an die zwei Jahre, die er unmittelbar nach dem Studienabschluss als Lektor an der Universität in Salerno unterrichtet hatte. Dabei freundete er sich mit seinem Studenten Alfredo an, dessen Vater ein Strandbad am Meer betrieb. Bei seinen Besuchen dort zeigte ihm sein Freund ein in einem Schuppen eingelagertes Karussell mit Familiengeschichte und er verliebte sich in die lebenslustige Arianna. Weder aus dem Karussellbau noch aus der Affäre wurde etwas; und Bernhards Engagement im Süden ging zu Ende.
Nach vier Jahrzehnten lockeren Briefkontakts mit Alfredo, der auf den Abschluss seines Studiums verzichtet und die Badeanstalt seines mittlerweile verstorbenen Vaters übernommen hat, entschliesst sich der gelangweilte Neurentner nun zu einem Besuch in Salerno. Einerseits hat ihm sein Freund angedeutet, dass das Karussell nunmehr installiert und seiner Bestimmung zugeführt worden sei; anderseits hofft der alte Mann heimlich auf ein Wiedersehen mit der einst verehrten Arianna.
Treichel schildert die Rückkehr Bernhards an die Stätte der Erinnerungen und Sehnsüchte als das, was die meisten solcher Erfahrungen auslösen: Melancholische Desillusionierung. Das Karussell steht zwar, geht aber gleich bei den ersten Versuchen kaputt, und Arianna hat natürlich längst geheiratet und eine grosse Familie. Bernhard kehrt in beiden Fällen unverrichteter Dinge und mit enttäuschten Erwartungen nach Hause zurück.
Die Geschichte – eher eine Novelle als ein Roman – liest sich leicht und locker. Dass ein Germanist sie geschrieben hat, merkt man. Und das ist als Kompliment gemeint.