Sidekick. Von Sebastian Hotz.

Der 30-jährige Sebastian Hotz – in weiten Kreisen Deutschlands bekannt unter seinem Nom de plume beziehungsweise d’Internet «El Hotzo» - ist nicht nur Satiriker, Podcaster, Influencer und was man heutzutage sonst so auf seine extrabreite Visitenkarte schreibt, sondern auch Buchautor. Sein zweites bedient sich denn auch zu 100 Prozent bei seinem eigenen Berufserleben.  

Die Protagonisten von «Sidekick» sind der schlecht gealterte TV-Host Falk Anders auf der Zielgerade seiner langen Karriere (Ähnlichkeiten mit Thomas Gottschalk sind, wie vieles andere im Plot, wohl nicht zufällig) sowie sowie sein «Sidekick», der sich jahrelang in der Show seines Masters zum Affen machen liess. Als der Star seine vermeintlich letzte Sendung abliefert, hofft dieser «Boris» (der in Wirklichkeit Lukas Schobert heisst) auf dessen Nachfolge. Ihm wird aber in der Hoffnung auf eine Verjüngung der überalterten Anders-Fangemeinde eine junge Influencerin vorgezogen, worauf der enttäuschte Übergangene seinen Herr und Meister k.o. schlägt und im Kofferraum seines Bentleys entführt.

Aus diesem spontane Aussetzer, den der unglückliche Kidnapper am liebsten noch am selben Abend korrigiert hätte, entwickeln der TV-Sender aber eine grosse PR-Aktion, den die Marketingabteilung zu einem tagelangen «Boris entführt Anders»-Medienereignis hochhypt. Letzterer geniesst die deutschlandweite Aufmerksamkeit in der Hoffnung auf eine Rücknahme seiner Absetzung, während sein Sidekick in einen Fettnapf nach dem anderen tritt. Im Finale dieser bizarren Mediensatire fährt «Boris» auf Anweisung des Regisseurs den Bentley gegen einen Baum und stirbt dabei mehr aus Versehen, während Anders triumphal für eine weitere Staffel ins Studio zurückkehrt und für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird.  

So sehr diese skurrile Story Personen und Vorgänge im Umfeld einer TV-Anstalt auch überzeichnet: In «Sidekick» finden vor allem amüsierte Medieninsider mehr als nur einen wahren Kern. Ob eine Leserschaft ausserhalb dieses Zielpublikums damit viel anfangen kann, bezweifle ich allerdings.

Zeit der Mutigen. Von Dimitré Dinev.

Am gescheitesten begebe man sich in eine einwöchige Klausur, um die 1160 Seiten von Dimitré Dinevs im August 2025 erschienenen Wälzers «Zeit der Mutigen» konzentriert lesen zu können, rät ein Kritiker. Andernfalls begleitet man die Lektüre am besten mit Block und Bleistift, um sich Generationen, Namen, Familien und Geheimdienste merken und wieder abrufen zu können, wenn sie Hunderte von Seiten später wieder auftauchen. Chronologie ist nämlich kein Konzept dieses Epos ...

Das Opus Magnum des 58-jährigen Bulgaren, der 1990 nach Österreich flüchtete, ist ein grandioses Panorama der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere des 2. Weltkriegs und seiner Auswirkungen auf die Länder des Balkan. Die Gräuel des Stalinismus und seiner Konzentrationslager, das Schicksal der Widerstandskämpfer und der Romastämme werden an den ineinander verstrickten und verhängten Schicksalen der Angehörigen dreier Familien aus Deutschland, Österreich und Bulgarien geschildert. Zwischen den kunstvoll verflochtenen Handlungssträngen der Viergenerationenstory holt Dinev regelmässig zur philosophischen Erörterung von übergeordneten Fragen des menschlichen Daseins unter Extrembedingungen wie Unterdrückung und Verfolgung aus.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse lobt seinen Landsmann als «grossen Erzähler», womit er sicherlich recht hat. Wie Dinev Fantastisches, historische Fakten und Mythologie zu einem faszinierenden Ganzen kombiniert, ist hohe Autorenkunst. Als Leser haben mich die politischen und klassenkämpferischen Erörterungen allerdings allzu oft von der eigentlichen Handlung abgelenkt. Mehr vom Schelmenroman, der in dieser Anlage immer wieder durchschimmert, und weniger vom ideologischen Ballast hätten dem Buch gut getan.

Viele Seiten sparen können hätte Dinev mit dem Verzicht auf die Sexszenen, mit denen er die Handlung bis zum Überdruss ausgarniert. Streckenweise räumt er dem Sexualtrieb und den dazu nötigen Organen auf jeder dritten Seite prominenten Raum ein. «Würdelos und klebrig» hat das Kritiker Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung völlig zu Recht genannt. Unter obigen Vorzeichen: Leseempfehlung mit Vorbehalt.

Die Lebensentscheidung. Von Robert Menasse.

Offenbar hat Robert Menasse mit dem «EU-Roman» ein neues literarisches Genre geschaffen. Das habe ich nicht gewusst, bis ich mir das neueste Buch des 72-jährigen österreichischen Schriftstellers herunterlud.

Hauptperson dieser «Lebensentscheidung» ist der EU-Beamte Franz Fiala. Der Beamte im Landwirtschaftsministerium der Europäischen Union ist von seinem Bürokratenjob dermassen frustriert, dass er sich frühzeitig pensionieren lässt. Fortan pendelt er zwischen seiner 89-jährigen Mutter in Wien, um die er sich in fast freudianischer Abhängigkeit kümmert, und seiner Brüsseler Freundin Nathalie, die kein Interesse zeigt, ihrem Freund nach Österreich zu folgen. Das mühsame Reisen zwischen Wien und der EU-Hauptstadt geht also weiter, und es wird nicht weniger mühsam, weil der Job nicht mehr ruft.

Zu allem Frust über diese allseits unbefriedigende Situation erhält Fiala aus heiterem Himmel eine Krebsdiagnose. Von diesem Moment an richtet er alles Tun und Lassen darauf aus, seine betagte Mama zu überleben. Dieser Entschluss ist die titelgebende Lebensentscheidung, und als Leser verfolgen wir mit einer gewissen Atemlosigkeit, wie der zunehmend Angeschlagene diesem Ziel alles unterordnet. Er verheimlicht seiner Mutter Kündigung und Krankheit und gibt sich der Illusion hin, die alte Frau merke nichts von seinem wahren Zustand. Was natürlich nicht der Fall ist, und als Franz dann wirklich vor ihr das Leben aushaucht, tut er das ironischweise in ihren Armen.

Nicht nur weil die Hauptperson Franz heisst, mutet den Leser die Geschichte teilweise kafkaesk an. Die Desillusion über Arbeit und Wirkung der EU-Kommission steht zwischen fast allen Zeilen und obwohl er explizit nirgends formuliert wird, liegt der Schluss doch nahe, dass der nutzlose Kampf gegen Pestizide in der Landwirtschaft bei einem EU-Funktionär letztlich Krebs verursacht. Der österreichische Fatalismus, mit dem Menasse die Story unterlegt und der streckenweise auch den landestypischen «Schmäh» nicht auslässe, macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Wenn auch einem nachdenklich stimmenden.  

Die Reise ans Ende der Geschichte. Von Kristof Magnusson.

So verschmitzt wie einen der 50-jährige deutsch-isländische Schriftsteller Kristof Magnusson aus seinem Wikipedia-Eintrag anstrahlt, so vergnügt wird man bei der Lektüre seines Romans «Die Reise ans Ende der Geschichte». Den Titel kann man auf viele Arten lesen. Thematisiert wird das Ende des Kalten Kriegs, der Sowjetunion auch, der Fall der Berliner Mauer. Wie auch immer: Die Zeiten sind schlecht für ehemalige Doppelagenten zwischen Ost und West.

Einer davon ist ein gewisser Dieter Germeshausen, und der möchte ein letztes grosses Ding drehen, bevor ihm die Spionagefelle endgültig davonschwimmen. Es geht um einen dubiosen Helikopterdeal, mit dem er sich endgültig sanieren und dann untertauchen will. Als Helfer bei diesem Deal wirbt er auf einem Gartenfest der russischen Botschaft den jungen Deutschen Jakob Reiser an, der aktuell wegen seiner Gedichte und der dafür erhaltenen Preise als angesagter Promi auf solchen Empfängen herumgereicht wird. Die Dritte in diesem eigenartigen Team ist eine daueralkoholisierte Diplomatengattin, die noch ganz andere Fäden zu ziehen vermag als der frustrierte Exspion sich vorzustellen vermag, weshalb sie unter anderem auch in seinem Bett landet.

Die Irrungen und Wirrungen, die sich aus dem Planen und Treiben dieser drei Protagonisten zwangsläufig ergeben, werden gespiegelt an der Zeitenwende anfangs der 1990-er, in welcher sich in Europa vieles ändert und alles möglich zu sein scheint. Magnusson legt die Handlung als Schelmenroman an und treibt sie so flott voran, dass manchmal nicht einmal seine handelnden Figuren auf Anhieb begreifen, was ihnen gerade widerfährt und weshalb. Der Leser bleibt sowieso aussen vor, wird aber vom Autor so witzig mitgenommen, dass er keinen Moment daran denkt, sich aus der skurrilen Reise- und Tätergemeinschaft auszuklinken.

So bleibt der bis zum Schluss bei der Sache und erlebt mit, wie der vermeintliche Loser Germeshausen plötzlich auf der Gewinnerseite steht, während der Societystar Jakob im Knast landet. Da dies aber nicht der definitive Schluss ist, kann es an dieser Stelle auch verraten  werden. Ich habe mich sehr amüsiert an dieser deutsch-isländischen Fingerübung!

Der Junge im Taxi. Sylvain Prudhomme.

Es ist im Trend: Viele deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller arbeiten zur Zeit die Vergangenheit ihrer Vorfahren in Nazideutschland und im 2. Weltkrieg sowie der späteren DDR in Büchern auf. Auf denselben Zeitraum fokussiert auch der 47-jährige französische Schriftsteller Sylvain Prudhomme, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen. In «Der Junge im Taxi» geht es um einen jungen Franzosen, der sich in Süddeutschland auf die Suche nach einem «Kriegsopfer» der anderen Art macht.  

An der Beerdigung seines Grossvaters irgendwo in Frankreichs Midi hört Simon zum ersten Mal, dass der Verstorbene als Soldat im 2. Weltkrieg in Deutschland einen Sohn gezeugt und den bei seiner Mutter zurückgelassen habe. Gegen den Willen seiner Familie, insbesondere den erbitterten Widerstand seiner Grossmutter, beschliesst Simon, den unehelichen Onkel aufzuspüren und fördert dabei auch lange verdrängte Familiengeheimnisse zutage. Der Roman greift auf, was in unzähligen französischen und deutschen Familien bis heute ein Tabuthema geblieben ist, nämlich das Schicksal von Zehntausenden so genannter Besatzungskinder.

Irgendwo am Bodensee spürt Simon dann tatsächlich den verlorenen und verdrängten Sohn auf und stellt fest, dass dieser sein Leben unter schwierigen Bedingungen führen musste. Um seine psychischen Wunden zu bewältigen und seinem Dasein einen Sinn zu geben, hat er sich in die Welt des Reisens und der Taxis geflüchtet, was dem Roman seinen Titel gegeben hat. Auf ein Happy End verzichtet Prudhomme, lässt aber dennoch Simons Suche und deren Ergebnis in ein versöhnliches Ende münden.

Wer sich auf einen oft schamhaft verschwiegenen Nebeneffekt des deutsch-französischen Kriegs einlässt, wird mit einem klug geschriebenen und süffig zu lesenden Roman belohnt. Leseempfehlung!

Eine andere Geschichte. Von Charles Lewinsky.

Wer hätte das gedacht, nach all den Lobeshymnen, die ich als Lewinsky-Fan in diesem Blog schon auf das Schweizer Multitalent gesungen habe? Doch tatsächlich spedierte ich das neue Buch des brillanten Vielschreibers nach dem Lesen ohne Umwege in die «NZZ am Sonntag»-Rubrik «Bücher, die Sie sich sparen können». Wie nur konnte es soweit kommen?

Lewinsky widmet den Roman «Eine andere Geschichte» dem real existiert habenden deutschen Produzenten von Hollywoodfilmen Curtis Melnitz. Dieser wurde 1879 als Sohn jüdischer Eltern in Leipzig geboren und musste in den 1930er Jahren vor den Nazis in die USA fliehen. Dort finden wir ihn im Jahr 1959 als medikamentensüchtigen 80-Jährigen auf der Couch eines amerikanischen Psychiaters, dem er als Gegenleistung für das wöchentliche Schlaftablettenrezept sein Leben erzählt.  

Nach der Formel «1 Sitzung = 1 Kapitel» lässt Lewinsky den gealterten Showlöwen in seine Vergangenheit als Jude in Deutschland und in Hollywood zurückblicken. Dabei tarnt dieser seine Traumatisierung mit einem kaltschnäuzigen Zynismus. Der Text ist ein Monolog; der Psychiater kommt selber nicht zu Wort respektive nur in den Antworten zum Zug, deren ihn sein schnoddriger Patient für würdig erachtet. Oft geschieht das nicht, denn vieles ist dann eben «eine andere Geschichte» ...

Dieser Sarkasmus lässt den Leser die Persönlichkeit und den Charakter dieses Melnitz nicht wirklich fassen. «Wie genau diese ätzende Verbitterung von seiner Seele Besitz ergriff, arbeitet das Buch zu wenig heraus: Curtis Melnitz bleibt bis zum Schluss rätselhaft und ein Fremder ... » urteilt der Kritiker von Radio SRF. Und fragt sich: «Warum soll ich dem Leben dieses Typen über 400 Buchseiten folgen?». Gute Frage, denn diese «andere Geschichte» ist definitiv nicht Charles Lewinskys bester Roman.

Die Entflammten. Von Simone Meier.

Die 55-jährige Schweizerin Simone Meier ist nicht nur Buchautorin, sondern hauptberuflich Journalistin mit einer langen und ausgezeichneten Vergangenheit bei der WochenZeitung, dem Tagesanzeiger sowie seit dessen Start anno 2024 und bis heute Gesellschafts- und Kulturredaktorin beim Onlineportal Watson. Seit der Jahrtausendwende hat sie aber auch immer Bücher geschrieben und ist unter anderem mit «Fleisch», «Kuss» und «Reiz» in den Top mindestens Twenty der Sellerlisten gelandet.  

In ihrem neuesten Werk schreibt Meier zwei Familiengeschichten im Zeichen der Kunst. Die eine spielt um 1900 und stellt die junge Jo van Gogh-Bonger ins Zentrum, die soeben ihren Mann an die Syphilis verloren hat. Er war der Bruder von Vincent van Gogh, der sich kurz vorher erschossen hatte. Der jungen Frau bleiben neben Kind aus der Ehe mit Theo Hunderte von unverkauften Bildern ihres zu Lebzeiten völlig unbekannten Schwagers. Sie beschliesst, Vincent damit weltberühmt zu machen, was ihr bekanntlich gelungen ist.

Der zweite Handlungsstrang dreht sich in der Gegenwart um die Kunsthistorikerin Gina und ihren Vater. Dieser ist Schriftsteller und jagt erfolglos und zunehmend frustriert dem «One hit wonder» seines Erstlingsromans nach. An seiner Seite stösst Gina auf Jo van Goghs Geschichte und verfolgt zunehmend fasziniert das Schicksal der tatkräftigen Witwe und deren Wirken in einer Welt voller Kunst und Visionen. Wem beim Stichwort van Gogh nur «Abgeschnittenes Ohr» einfällt, taucht so mit Gina ein in die vielschichtige Familiensaga eines zu Lebzeiten verkannten und kranken Künstlers.

Der spannende Stoff hätte gut und gern als trockene theoretische Abhandlung daherkommen können, hat Simone Meier doch unter anderem auch Kunstgeschichte studiert. Dass er Stoff leicht und luftig verarbeitet wurde und sich entsprechend liest, ist das Verdienst der Autorin. Sie beherrscht nicht nur die Materie aus dem ff., sondern dank ihrem Brotberuf auch den Boulevard und seine Gesetze. So bildet die Lektüre der «Entflammten» also weiter und macht gleichzeitig viel Vergnügen

Postskriptum. Von Alain Claude Sulzer.

Eine Leidenschaft des Checkers: Einen Roman dort lesen, wo er spielt oder geschrieben wurde. In «Postskriptum» ist beides der Fall. Nicht nur ist sein Autor Alain Claude Sulzer häufiger Gast im Hotel «Waldhaus» in Sils Maria und hat grosse Teile des Romans im dortigen Zimmer 224 zu Papier gebracht; er lässt auch lange Passagen der Handlung im Engadiner Fünfsterne-Hotel spielen.

Die Geschichte dreht sich um den deutschen Schauspieler Lionel Kupfer und beginnt mit dem Unfalltod dessen grösseren Bruders, als beide noch Kinder waren. Seine Karriere, während der er immer wieder im «Waldhaus» Ferien macht, steht immer im Schatten dieses Verlusts, erreicht aber trotzdem einen Höhepunkt in den 1930-er Jahren. Bei einem Aufenthalt in Sils, wo er sich auf seine nächste grosse Rolle vorbereitet, kommt es zu einem homoerotischen Intermezzo mit einem Bewunderer, dem jungen Postbeamten Walter von der dortigen PTT-Filiale. Er ist es auch, der dem Idol die Nachricht überbringt, dass der Vertrag für dessen nächsten Film wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis aufgelöst worden sei.

In der Folge wandert Kupfer wie viele Kunst- und Kulturschaffenden seiner Zeit in die USA aus, wo ihm aber der Erfolg in seinem Metier verwehrt bleibt. Noch einmal kehrt er nach Europa und ins Engadin zurück, als ihm der italienische Starregisseur Visconti eine Rolle in einem Film anbietet. Kupfer soll sich selbst als erfolglosen, stellen- und rollensuchenden Künstler spielen. Was er tut, nur um später im Kino feststellen zu müssen, dass sein kurzer Auftritt der Schere des Maestro zum Opfer gefallen war.

Sulzer erzählt die Geschichte in der Manier des grossen Professionals. Er zeichnet sowohl die grossen zeitgeschichtlichen Zusammenhänge wie auch die persönlichen Lieb- und Leidenschaften der Protagonisten in seinem unverwechselbaren, zurückhaltenden Stil einer beobachtenden, kaum kommentierenden Aussensicht. Wer  «Ein perfekter Kellner» und «Doppelleben» https://www.buechercheck.com/2022/11/05/doppelleben-von-alain-claude-sulzer geliebt hat, wird dieses «Postskriptum» verschlingen. Auch wenn er dabei nicht in der Halle des «Waldhaus» sitzt ...

Können Sie mich sehen? Von Martin Suter.

«Never change a winning team» sagen die Briten, und auf dieses Erfolgsrezept setzt seit vielen Jahren auch der Schweizer Martin Suter in seinem literarischen Schaffen. Der ehemalige Starwerber schreibt «seit Jahren dasselbe Buch», wie es ein ungnädiger Kritiker kürzlich formuliert hat, nämlich süffige kleine Gesellschafts- («Small World») und Kriminalgeschichten («Allmen»).   Und nun rezykliert er auch das Kolumnenformat, das die Mutation des ehemaligen Starwerbers (Stalder & Suter) zum Schriftsteller massgeblich befördert hat. In seinem neuen Buch erleben seine Leserinnen und Leser die Auferstehung der Kultkolumne «Business Class – Geschichten aus der Welt des Managements», die Suter von 1992 – 2004 für die «Weltwoche» verfasst hat.

Und nichts anderes als Streiflichter auf die Geschäftswelt und deren Protagonisten sind auch die Short Stories, die der heute 78-Jährige mit Wohnsitzen in Zürich und Marrakesch unter dem Titel «Können Sie mich sehen?» zusammengefasst hat. Die Geschichten verstehen nicht nur Angehörige von mittleren und oberen Unternehmenskadern, denn Suters Rezept ist dasselbe wie früher: Er glossiert menschliche und allzu menschliche Anwandlungen, die auch Nadelstreifenträger und ihre weiblichen Pendants nicht verschonen. Sie werden von einem intimen Kenner der Businesswelt liebevoll aufs Korn genommen, mit Sinn fürs Detail beschrieben, mit feiner Ironie und einer Portion Sarkasmus gewürzt schmückt und schliesslich von einer – oft überraschenden – Pointe gekrönt.

Suter, sagen viele, ist Geschmackssache. Es ist meiner Ansicht nach aber ein guter Geschmack, der seine Bücher prägt wie auch diese Short Stories mit jener Art von diskretem Stil, den der Autor im Alltag als unverzichtbar empfindet und pflegt. Wer’s mag und versteht, braucht deshalb meine Leseempfehlung nicht, weil er sich das Buch längst schon heruntergeladen oder gekauft hat.

Die Dinge beim Namen. Von Rebekka Salm.

Eine Baselbieterin aus Olten, die als Erwachsenenbildnerin und Texterin im Migrationsbereich gearbeitet hat, hat ein Buch geschrieben, das man unbedingt lesen soll? Wer so fragt, hat verpasst, dass Radio und TV SRF den Roman «Die Dinge beim Namen» von Rebekka Salm schon 2022 als «bestes Frühjahrsdebüt» gelistet haben. Auch ich habe ihn erst jetzt von einer begeisterten Nachbarin zugespielt bekommen und muss mir eingestehen: Lesebildungslücke!

Schauplatz der Geschichte ist ein mittelgrosses, typisches Schweizer Dorf, in dem sich über alle Generationen hinweg alle kennen. Viele aus dem Musikverein, an dessen Jahreskonzert das Präludium spielt. Der notorische Frauenheld unter der Schuljugend nötigt die gleichaltrige Dorfschöne zu einem sexuellen Abenteuer im Schatten der Mehrzweckhalle, das von zwei versteckten Zeugen beobachtet wird. Einer von ihnen bringt viele Jahre später die Geschehnisse jenes Abends und ihre Auswirkungen auf das Dorfleben und seine Protagonisten zu Papier und will sie zur Veröffentlichung an einen Verlag schicken. Weil in diesen Enthüllungen kaum ein Dörfler ungeschoren davonkommt, wird das Couvert mit dem Manuskript von der misstrauischen Posthalterin abgefangen und der Schreiber von seinen eigenen Stammtisch- und Musikkollegen mittels Prügel vor weiteren Indiskretionen gewarnt.  

Salm porträtiert jeden und jede der involvierten Personen und ihre Verwicklungen in den eingangs geschilderten Vorfall mit lakonischer Schonungslosigkeit. Wer sich im Beziehungsgeflecht in einer derartigen Dorfgemeinschaft auskennt, jubelt innerlich angesichts der träfen Charakterstudien, die der Autorin in «Die Dinge beim Namen» - wohl auch aus eigener Erfahrung im Baselbieter Heimatdorf - gelungen sind. Auf den allerletzten Seiten erweist sie sich zudem noch als veritables Krimitalent, das die Sexszene am Musikfest auf völlig unerwartete Weise auflöst.

Grossartige Lektüre – auch vier Jahre nach dem Erscheinen!