Das Jahresbankett der Totengräber - von Matthias Enard

Erinnern Sie sich an den Film «La Grande Bouffe» mit  Andréa Ferréol, Michel Piccoli, Philippe Noiret und Konsorten? Das grosse Fressen in diesem Kinoklassiker mutet im Vergleich mit der titelgebenden Szene des Romans von Matthias Enard an wie das Frühstück von magersüchtigen Veganern auf Diät. Diese Schlüsselstelle beschreibt eine beispiellose Völlerei, in deren Verlauf eine nicht abreissende Folge opulenter Gerichte und hochprozentiger Getränke den Weg in die Schlünde der entfesselten Gäste finden. 

Die Teilnahme an diesem alle kulinarischen und sprachliche Grenzen sprengenden Festmahl ist ausschliesslich Angehörigen des Bestattungsgewerbes vorbehalten. Sie und ihre Arbeit ziehen sich denn auch wie ein roter Faden durch die 480 Buchseiten eines grandiosen Werks, dessen Handlung der  Autor in einem wenig glamourösen Landstrich im westfranzösischen Poitou-Gebiet ansiedelt. Diesen hat der Pariser Anthropologie-Dissertand David für eine Feldstudie der dortigen Landbevölkerung ausgewählt, und im Umgang mit den Einheimischen dort eröffnen sich ihm jede Menge Einsichten in die Vergangenheit des Landstrichs, in dem sich über Jahrhunderte Engländer und Franzosen bekriegt haben.

Der mehrfach preisgekrönte französische Autor lässt sich in seiner barock ausschweifenden Erzählung vom Motiv des Lebensrads leiten, in dessen Zeichen alle immer und immer wiedergeboren werden: Der Pastor als Wildschwein, aber auch der mittelalterliche Fürst als Würmer in Davids Dusche. Und immer, wenn jemand gestorben ist (und im gleichen Moment in einer andere Gestalt schlüpft), kommt das (andere) älteste Gewerbe der Welt zum Zug, eben die Totengräber. Auch der intellektuelle Forscher wird am Ende des Geschichte als frisch verliebter Landwirt neu geboren. In der hochstehenden Übersetzung von Sabine Müller und Holger Fock ist das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Enard-Opus eine gehaltvolle Sommerlektüre für Menschen, die Zeit, Lesegeduld und ein Feeling für Historie und Transzendentes haben. 

Flaschenspiel. Von Elisa Monaco

Ich habe kürzlich die Lektüre eines Buches abgebrochen, weil ich der Meinung war, die Protagonist*innen verlieren sich zu oft in langweiligen, unwichtigen und seitenfüllenden Gedanken. Dann habe ich mit dem Lesen von Elisa Monacos "Flaschenspiel" begonnen und nach zwei Kapiteln festgestellt, dass genau dieser Stil - nämlich die Hintergründe, die Gedanken und die Überlegungen der Darsteller*innen akkurat aufzuschreiben - auch sehr spannend sein kann.

Würde ich alle Seiten des Buches "Flaschenspiel", auf welchem "Dialoge" vorkommen zusammenzählen, käme ich wohl kaum auf die Hälfte der 462 Seiten. Im überwiegenden Teil des Buches lernen die Lesenden die Protagonist*innen kennen. Und ihre Überlegungen. Und ihr früheres Leben. Und die Beziehung zu andern Personen im Buch. Und wissen Sie was?: Die Geschichte geht trotzdem weiter. Sie läuft wie Honig aus dem Glas: langsam aber unaufhörlich, bis sie sich am Ende des Buches zu einem einzigen, in sich stimmigen Finale präsentiert.

Elisa Monaco bedient mit dem einfachen "Pro Kapitel - eine Person"-System die ganze Palette, die man für eine spannende, anfangs komplizierte und unübersichtliche Geschichte braucht: Einen Kommissär (mit Migrationshintergrund), eine Journalistin, ein paar Opfer und ein Hauptverdächtiger. Im Laufe der Seiten lernen wir die Leute kennen und bald wünschen wir uns, dass das Kapitel nicht aufhört, weil die Person immer spannender, immer wichtiger oder unwichtiger wird. Das ist wirklich gut gemacht und beweist, dass der Stil mit den Gedanken der Protagonisten nicht langweilig sein muss und vor allem nicht unbedingt zur Verlangsamung der Geschichte führen muss.

Ein weiteres Plus: Die Geschichte spielt in Basel. Die Stadt wird aber nicht einmal genannt und die Autorin verzichtet auf stadthistorische Überflüssigkeiten (z.B. ..."sie standen auf dem Barfüsserplatz, jener Platz, der nach den barfüssigen Mönchen im Mittelalter benannt ist und früher die Autos ihre Protzrunden darauf drehten...."). Ich meine sogar, dass es für die Autorin egal war, ob das Kriminalkommissariat im Klein- oder Grossbasel zu Hause ist. Weil es schlicht nicht wichtig ist. Das ist der Stil der grossen Autor*innen.

Das Buch kommt aus dem reinhardt-Verlag in Basel. Der macht sonst schöne und gute Bücher. Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass mein Exemplar mitten in der Lektüre auseinander gebrochen ist....

Mein Tipp: Wählen Sie eine Website aus, wo Sie eine Leseprobe machen können. Denn der o.e. Stil ist anspruchsvoll und nicht jedermenschens Sache. Wer dem aber zuspricht, hat hier ein gutes Buch vor sich.

Eurotash - von Christian Kracht

Auf das Buch wurde ich aufmerksam, weil sein Autor Schweizer ist und ich von seinem 1995 erschienenen Debutroman «Faserland» immer wieder Wunderdinge gehört hatte. Allerdings habe ich diesen nie gelesen und auch die späteren Romane des renommierten und dem Vernehmen nach vielfach ausgezeichneten Journalisten-Wunderkinds Christian Kracht sind an mir vorbeigegangen. So fühlte ich mich verpflichtet, mir - wenn auch spät, so doch besser als nie - wenigstens seinen jüngsten Wurf «Eurotrash» vorzunehmen. Und wurde auf der ganzen Linie enttäuscht.

Während sich «Faserland» nach Ansicht der Kritik immerhin «mit der zeitgenössischen Konsumkultur, dem Niedergang der sogenannten harmonischen bürgerlichen Gesellschaft der Nachkriegszeit und individuellen und nationalen Identitätskrisen» auseinandergesetzt haben soll, folgen wir dem Autor und Ich-Erzähler in «Eurotrash» auf einer skurrilen Taxifahrt mit seiner alten Mutter von Zürich ins Berner Oberland nach Genf und – mit einem fiktiven Umweg nach Afrika – wieder zurück ins Alters- und Pflegeheim in Winterthur. Dabei haben die beiden einen Plastiksack mit Mamas Vermögen in der Höhe von Hunderttausenden Schweizer Franken dabei, die sie wahl- und grundlos an irgendwelche Menschen unterwegs – z.B. an zwei Asiatinnen an einer Seilbahn-Bergstation – verteilen wollen. Running Gag dieses ebenso wirren wie humorfreien Road Trips ist der künstliche Darmausgang der Mama und dessen widerwillige Bewirtschaftung durch ihren so pflichtschuldigen wie missgelaunten Sohn.

Das Buch hat 224 Seiten. Da ich es noch nie fertiggebracht habe, ein angefangenes Buch nicht fertig zu lesen, habe ich bis zur letzten Stomaleerung durchgehalten. Ich musste aber feststellen: Kracht versteh’ ich irgendwie nicht. Und werde mit «Faserland» gar nicht erst anfangen.

Ciao - von Johanna Adorjan

Wer sich im Mediengeschäft etwas auskennt oder sich dafür interessiert, wie es hinter dessen Kulissen zu- und hergeht, wird von diesem amüsanten Sommerromänchen bestens unterhalten. Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján zeichnet auf 272 Seiten die Karikatur eines Kulturredaktors, der sich im Literatur-Ressort einer respektablen deutschen Qualitätszeitung die Reputation einer «Edelfeder» erworben hat. Die damit verbundenen Privilegien - von grosszügiger Interpretation von Spesenreglementen bis hin zu amourösen Avancen gegenüber Volontärinnen – nimmt er hemmungslos in Anspruch.

Eine solche Praktikantin, die seine Tochter sein könnte, schlägt ihrem Chef und Lover vor, das Porträt einer aktuell gehypten Influencerin zu schreiben. Er stimmt gönnerhaft, die Redaktionskonferenz eher skeptisch zu und nur unter der Bedingung, dass sich der alte weisse Mann bei dieser Annäherung an den Feminismus von der jungen Kollegin als Co-Autorin begleiten lässt. Nachdem ihn dann aber sein Interview-«Opfer» schmählich auflaufen und anschliessend vor ihren Followern am Internet-Pranger schmoren lässt, muss der Unglücksrabe die Autorschaft des Porträts gänzlich an seine nunmehr Ex-Geliebte abtreten. Und zu allem Elend organisiert die neue Chefin, die das dahinserbelnde Blatt vor dem Niedergang bewahren soll, die Kulturredaktion um und schickt deren selbstdeklarierten Star in die Verbannung der Online-Redaktion.

Adorján hat ein unterhaltsames und eigentlich nur leicht übertreibendes Sittengemälde einer vom online-Zeitgeist gebeutelten Redaktion und des aus der Zeit gefallenen Typs Macho-Journalist geschrieben. Nicht nur unterhaltsam, sondern vor diesem Hintergrund durchaus auch mit Erkenntnisgewinn darüber, wie die Medienlandschaft und gewisse ihrer Exponenten so ticken.    

Mädchen, Frau etc. - von Bernardine Evaristo

Lange – im Nachhinein muss ich sagen: zu lange – habe ich diesen Titel auf der Suche nach neuem Lesestoff überblättert. Erstens verhiessen die Rezensionen Einblicke einer Frau in die Frauenschicksale, was nicht a priori zu meinen bevorzugten Themenfeldern gehört. Und zweitens prangte auf dem Cover die rote Bauchbinde «Spiegel-Bestsellerliste» - ein Hinweis, der mich in letzter Zeit mehr als einmal in die Irre geführt hat (vgl. die Bücherchecks von «Krass» und «Miss Merkel»). Als ich schliesslich doch den «Download»-Knopf drückte und mich auf dieses Werk einliess, entpuppte es sich als das bisher lohnendste Lese-Erlebnis des Jahres.  

Die Schriftstellerin Bernardine Evaristo ist als dunkelhäutiges Kind einer englischen Grundschullehrerin und eines nigerianischen Schweissers in England aufgewachsen. Entsprechend authentisch  verknüpft sie nun die Porträts und Schicksale von farbigen «Mädchen, Frauen etc.» unterschiedlichen Alters und sexueller Ausrichtung mit Rückblenden und Entwicklungen rund um das dreifache Handicap «Frau», «nicht-weiss» und «sexuell nicht der Norm entsprechend» in verschiedenen Epochen, Kulturen und Ländern. Und das tut sie in einem wunderbar schnoddrigen Stil, der sich um gewohnte formale Vorgaben von Interpunktion, Satzstellungen oder Umbrüchen auf mitreissende Art und Weise hinwegsetzt.

So wird Evaristos erfrischend geschriebener und von Tanja Handels ebenso originell übersetzter 500-Seiten-Wälzer zum ungetrübten Lesevergnügen, das durch die gekonnte Verflechtung verschiedenster Handlungsstränge und Familiengeschichten zusätzlich immer wieder neu überrascht und begeistert. Darüber hinaus – das sei zum Schluss eingestanden -  - gibt er auch «alten weissen Männern» wie dem Checker einiges zu denken. Must read!

Französisches Roulette. Von Martin Walker

Ich habe sie alle gelesen! Die Romane von Martin Walker, dem amerikanischen Schotten, der in Frankreich lebt und dort seinen Dorfpolizisten "Bruno" nun schon seit dreizehn Fällen ermitteln lässt. Bruno ist ein Alleskönner, der einzige, richtige Schugger im Dorf St. Denis im Périgord/F. Es hat schon noch ein paar andere Polizist*innen, die spielen aber keine Rolle. Und der Kerl ist zu guten Menschen anständig: Er ist gleichzeitig Trainer beim Tennis und Rugbyverein, unterstützt die Jugend, ist tierlieb (hat ein Pferd und einen Hund) und kocht leidenschaftlich gerne. Er ist so, wie man sich einen guten Freund oder einen Schwiegersohn wünscht. In jedem Band kommt ihm noch ein Bösewicht in die Quere, den er irgendwie enttarnt und verhaftet. Manchmal gibts eine Leiche, aber nur schnell...

Der dreizehnte Fall? Nun, hier kam bei mir das erste Mal das Déjà-Vû-Gefühl auf. Und dann ist es oftmals nicht mehr soweit zur Langeweile...

Auch in diesem Buch (ein Diogenes-Werk, sehr schön verarbeitet, für 26 Franken hält man noch ein richtiges "Buch" in den Händen...) macht Bruno das, was er auch in seinen 12 vorherigen Büchern gemacht hat: Er gärtnert, er kocht, er reitet aus, er trainiert mit den Tenniskids, er kontrolliert den Markt, er isst ein Croissant beim Dorfbäcker und er beschäftigt sich mit Hühnern und seinem Basset. Und dann geschieht ein Unglück, ein Mann kommt um und die Kinder erben nichts. Der Gerechtigkeitsfanatiker Bruno geht der Sache nach und verhindert prompt beinahe den dritten Weltkrieg. - Und das ist genau das, was er seit 12 Bücher tut. Natürlich entwickelt sich der Bruno weiter (sein Pferd wird älter, die Freundin auch und er kocht immer besser) - aber ich weiss nicht, wie lange das noch reicht.

Die Geschichte, um die es eigentlich geht, muss immer wieder Pause machen, weil Bruno ein Essen gibt, welches in allen Details beschrieben wird oder weil sein Hund eine Basset-Dame beglücken muss (was mehrere Seiten inkl. Beschreibung des Aktes der Hunde und des Herrchens mit seiner Freundin aus Paris, verschlingt). Oder weil er mal wieder einen Ausritt machen sollte.

Kurz: Ich werde die Bruno-Bücher noch lange kaufen und lesen. Denn man kann auch Ferien in Südfrankreich machen, wenn man Bücher darüber liest... Aber ich würde für ein solches Buch nicht mehr in einen Bücherladen einbrechen. Es reicht, wenn mir jemand das Buch als Einladungsgeschenk mitbringt....

Es liegt mir fern, dem erfolgreichen Autoren Martin Walker einen Tipp zu geben. Er wird - da bin ich mir fast sicher - weitermachen. So wie Donna Leon mit ihrem Commissario Brunetti(...der rein rechnerisch schon längst im Alterheim sein müsste...!) Denn die Walker-Bruno-Bücher werden in 18 Sprachen übersetzt. Es fehlen noch ein paar Verfilmungen... Warum also das winning-Team ändern?

Die Tochter des Präsidenten. Von Bill Clinton und James Patterson

Die Grundmeinung zu einem Buch von Ex-POTUS Bill Clinton mit seinem neuen Spezi James Patterson hat das Büchercheck-Team ja schon anlässlich des ersten Werks geschrieben: https://www.buechercheck.com/2020/12/13/the-president-is-missing-von-bill-clinton-james-patterson/.

Auch das vorliegende Werk ist eigentlich hervorragendes Handwerk. Es ist einerseits sehr spannend. Die Geschichte ist schnell und nach jedem der meist kurzen und knappen Kapitel, baut das Autoren-Duo einen kleinen Cliffhanger ein, sodass man einfach weiterlesen muss! Dann befriedigt es meinen Wunsch, als Spion hinter die Kulissen des Weissen Hauses zu gucken. Ich muss zugeben, ich bin gerne an der Seite eines Präsidenten, einer Königin oder eines Ministers und begleite ihn oder sie bei ihren täglichen Arbeiten. Und wenn diese dann auch noch gut und realistisch beschrieben sind - umso besser. In diesem Buch taucht man ein in die Welt der Navy Seals, des Secret Services und bekommt glaubhaft das Leben eines Ex-POTUS beschrieben.

Ich weiss nicht, wie das Autoren-Duo funktioniert. Ich gehe davon aus, dass der Ex-Präsident die Details erzählt und der weltbekannte und prämierte Thriller-Autor James Patterson die Feder schwingt. In jedem Fall: Es funktioniert. Es ist ein Thriller, der einem fesselt und - zumindest mich - fasziniert. Und dabei ist der Plot so dermassen einfach: Die Tochter des Präsidenten wird entführt und nachdem Politik und FBI nur zögernd in die Gänge kommen, schnappt sich der Ex-Präsident ein paar alte Freunde aus seiner SEAL-Zeit und jagt den Terroristen, der sein Mädchen gestohlen hat, bis in die libyschen Berge und .... (es wird nicht gespoilert...).

Grosses Kino. Ich hoffe nur, dass es irgendwann einen dritten Start dieses Duos gibt. Natürlich haben sich die Autoren eine Türe weit aufgestossen (Ohne zu spoliern): Nach dem Showdown in den libyschen Alpen lassen die Autoren nämlich offen, ob der Bösewicht nun tot ist. Oder vielleicht doch nicht...;-)

Jaffa Road. Von Daniel Speck

von Roger Thiriet

Dass der Gast-Checker seit Wochen keinen Blog-Beitrag geleistet hat, hat einen Grund. Dieser heisst «Jaffa Road» und ist ein Wälzer von 672 Seiten. Geschrieben hat ihn der deutsche Film- und Drehbuchautor Daniel Speck («Meine verrückte türkische Hochzeit»; «Maria, ihm schmeckt’s nicht»), der als Romancier bereits mit «Bella Germania» und «Piccola Sicilia» gepunktet haben soll. Das weiss ich dank Wikipedia; «Jaffa Road» ist das erste Buch von ihm, das mir eher zufällig unter die Lesebrille geraten ist.

Die Geschichte setzt Ende der 1940er Jahre ein, ist aber im Licht der jüngsten Auseinandersetzungen zwischen dem Staat Israel und der palästinensischen Hamas im Gazastreifen von ungebrochener Aktualität. Speck wagt sich an nichts Leichteres als den Konflikt zwischen Juden und Arabern im Nahen Osten, der mit dem Abzug der Engländer aus Palästina anno 1948 begonnen hat. Am Lebenslauf des deutschen Wehrmachtsfotografen Moritz/Maurice, der die erste Frau und ein Kind in Berlin zurücklässt, mit der Jüdin Yasmina an der Jaffa Road in Haifa eine Stieftochter aufzieht und schliesslich mit der palästinensischen Freiheitskämpferin Amal und ihrem Sohn eine dritte Familie hat, spiegelt der Autor gleichermassen die Schuld der deutschen Nationalsozialisten, die Leiden der Juden, die sich dadurch während und nach dem Krieg aus Europa vertrieben sahen und die der arabischen Bevölkerung, die von den jüdischen Einwandern aus dem entstehenden Zionistenstaat vertrieben wird.

Diese beklemmende Schilderung eines schwierigen Stücks Zeitgeschichte bettet Speck ein in das Zusammentreffen von zwei Kindern und einer Enkelin von Moritz/Maurice, die sich nach dessen Tod in seinem Haus in Palermo treffen und in Rückblenden ihre individuellen Schicksale und die ihrer Angehörigen Revue passieren lassen. Zu Beginn der Lektüre fordern einen Specks Zeitsprünge, die Drei-Ebenen-Geschichte und das zahlreiche Personal ziemlich (es empfiehlt sich, gelegentlich einen Blick auf das «Who is Who?» im Anhang zu werfen), aber dann schlägt einen diese gekonnte literarische Aufbereitung des Nahost-Konflikts von den Anfängen über das «Schwarzer September»-Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972 bis zum heutigen Tag  in seinen Bann.  

Schiffbruch und Wahrheit. Von Andreas Bruetsch.

Ich habe mir eigentlich vorgenommen, jedes Buch, welches in diesem Blog behandelt wird, von der ersten bis zur letzten Seite zu lesen. Denn nur dann ist die Voraussetzung für eine ganzheitliche Betrachtung gegeben. Nur: Beim Buch "Schiffbruch und Wahrheit" von Andreas Bruetsch habe ich dieses Prinzip nicht befolgt. Ich habe die Lektüre auf Seite 84 abgebrochen. Der Grund: Ich habe mich beim Lesen - pardon - gelangweilt.

Ich habe versucht herauszufinden, an was das gelegen hat.

Was mir bei der Lektüre wirklich richtig viel Mühe gemacht hat, waren die unsäglichen Gedankenaufzeichnungen von den Protagonist/innen in der Geschichte. Beispiel: Die Frau des Hauses macht sich vor dem Spiegel frisch. Das füllt fast zwei (zugegeben, grossschriftige) Seiten des Buches. Sie denkt darüber nach, wie eng sie mit ihren Mitarbeiterinnen war, sie bewundert die Feinfühligkeit einer ihrer Mitarbeiterinnnen, sie überlegt, ob sie einen BH anziehen soll oder lieber keinen und wie provozierend das auf wen wirken würde, sie beschäftigt sich mit den Gedanken, warum ihr Mann so anders war als sonst, sie erinnert sich an eine Geschichte, die zehn Jahre zurück liegt und von einem Hund mit Nierenkolik handelt, sie findet ihren Mann manchmal kühl aber nicht bösartig und fragt sich zu guter Letzt, ob der Freund ihres Mannes auch so eine Veränderung durchgemacht hat. - Stellen Sie sich das als Film vor: Unmöglich. Vor allem auch, weil eine solche Abschweiferei, wie sie in jedem Kapitel vorkommt, die Story keinen Milimeter vorwärts bringt (Auf der nächsten Seite dasselbe in grün: Der Protagonist hat einen heissen Nacken. Und er braucht zweieinhalb Seiten dafür, um ein gekühltes Tuch in den Nacken zu legen und zu bemerken, dass seine Frau ihm dabei zuschaut….). Auf Seite 84 ist die Ausgangslage noch immer dieselbe: Ein Mann kollidiert mit einem Boot und will die Sache vertuschen. Die Story steht still und das ist leider nicht im Ansatz spannend. Im Film wären für die 84 Seiten maximal 3 Minuten nötig....

Ich habe mich dann mit dem Autor beschäftigt und gedacht: "Das ist der Debütroman eines jungen Autors, der noch viel lernen kann." Irrtum: Es ist zwar der Debütroman. Der Autor ist nicht mehr ganz so jung und - jetzt kommt der Clou - ein ausgewiesener Spezialist in der Filmbranche und Referent im Fach ... Storytelling. - Da verstehe ich nun nicht ganz, warum man dann eine Geschichte schreibt, die nicht vorwärts kommt und sicherlich sehr schwierig verfilmbar wäre.

Das gute an der Geschichte: Das Buch stammt aus dem reinhardt verlag in Basel und ist deshalb nicht so teuer. Die knapp zwanzig Franken hätte ich aber lieber für ein kühles Getränk investiert. Es hätte mich wesentlich mehr unterhalten.

Wie man einen Bären kocht! Von Mikael Niemi

Während der Lektüre eines Buches stelle ich mir oft die Frage, wie das Buch in meinem Blog beschrieben werden soll. Gemeint damit ist wohl, ob ich das Buch gut finde oder nicht. Ob ich es nochmals kaufen würde oder nicht. Oder ob ich es einem Freund oder meiner Frau empfehlen würde. Bei dem Buch von Mikael Niemi bin ich mir absolut nicht sicher. Auch nach der Lektüre nicht.

Ich stimme den Rezensionen der schwedischen Presse zu: "Der Roman entführt in eine vergangene Zeit (1852) und eine Welt, die ebenso brutal wie faszinierend ist" und "Niemi erschafft Bilder, Gerüche, Atmosphäre und Charaktere, die dieses Buch zu einem einmaligen Leseerlebnis machen". Aber trotzdem würde ich nicht wirklich rückwärts von Basel nach Bern wandern, müsste ich mich um das letzte, verbliebene Exemplar bewerben...

Niemi ist ein Erfolgsautor. Er hat zwar noch nicht viele Bücher geschrieben, aber dafür solche, die weltweit übersetzt wurden. Nun also präsentiert er ein Buch, welches eine Geschichte erzählt, die im 19. Jahrhundert irgendwo in Skandiavien spielt. Die Lebensumstände zu dieser Zeit in dieser Gegend sind ausgezeichnet beschrieben (man kann sie natürlich auch nicht mehr nachprüfen...). Interessant zu lesen, dass die Techniken der "Photografie" und der "Fingerabdrücke" bereits bekannt waren und die Teilnehmer an dieser Geschichte - die ansonsten noch primitivst lebten und tagelang nur Grütze assen und auf dem Boden schliefen - diese Techniken bereits einsetzen.

Und ja, man kann zeitweise die ausgezeichnet beschriebenen Lebensumstände im hohen Norden fast schon riechen. Und man ist voll dabei, wenn der Protagonist das erste Mal in seinem Leben ein Regal voller Bücher sieht.

Kurz gesagt: Die Geschichte - die an sich spannend ist - ist wundervoll dargelegt und der Autor ist ein wahrer Meister darin, die Lesenden mitzunehmen in eine alte Zeit mit Grütze und schlecht verheilenden Wunden.

Mich hat dieses Buch nicht in die Fangemeinde von Mikael Niemi integriert. Das ist aber - wie immer in diesem Blog - sehr subjektiv und ich bin sicher, dass es Menschen gibt, die auf solche Romane abfahren. Romane die in einer Zeit vor unserer passieren (das ginge ja noch) und in einer Welt, die uns - auch in der heutigen Zeit - eher fremd ist.

Mein Tipp: Das Buch hat 500 Seiten und kostet um die 20 Franken. Vielleicht leihen Sie es sich zuerst mal aus. Sie kennen ja meine e-mail-Adresse...