Schuld! Seid! Ihr! Von Michael Thode

Das ist wirklich ein spezielles Buch. Der Erzähltstil bzw. der Aufbau des Buches kommt ziemlich aussergewöhnlich daher. Die Lesenden erleben zeitgleich das Leben und die Tätigkeit des Mörders und daneben auch jene der Opfer. Mit kleinen Zeitsprüngen weiss der Leser oder die Leserin, was dem Opfer jetzt dann passiert bzw. was der Mörder jetzt dann macht.

Da der Täter die Todesfälle als Suizide tarnt und dies anfangs noch Erfolg hat, haben die Lesenden auch einen Informationsvorsprung auf die Ermittler. Und das gibt er Geschichte - dem Buch - eine gewisse Zeit noch einen Extra-Bonus in Sachen Spannung.

Der Ermittler befasst sich im Buch - natürlich - mit der Aufklärung der Fälle. Zeitgleich hadert er aber mit der Trennung von seiner Frau und seinen Kindern und sein Leben gerät etwas aus den Geleisen, als seine älteste Tochter dann plötzlich wieder zu ihm zieht und ein sehr unkonventionelles Hobby präsentiert, welches sie zum Beruf machen will. Dann geht ihm ein neuer Chef gehörig auf die Nerven und er erhält eine neue Kollegin anstelle des gerade pensionierten, langjährigen Partners. All dies macht die Figur vielseitig und spannend.

Natürlich nimmt der Autor der Geschichte etwas die Unbekannte, wenn er es den Lesenden erlaubt, sich gleichzeitig in die Rolle der Ermittelnden und des Täters zu begehen. Er gleicht dies aber aus mit dem o.e. Wissensvorsprung und einigen andern, kleineren Geschichten und einem schnellen Tempo.

Der Autor Michael Thode (Jg. 74) hat Jura und Journalismus studiert. Das erklärt, warum sein zweiter Roman in grossen Teilen authentisch ist. Und warum die Sprache gut lesbar ist.

Es ist ein gutes und lesenswertes Buch aus dem Genre "Krimi und Thriller".

Rum oder Ehre. Von Carsten Sebastian Henn

Das ist ein wirklich leichter, flockiger Kriminalroman von Carsten Sebastian Henn. Er kommt sehr authentisch und sympathisch daher. Warum: Also erstens: Der Protagonist ist Flensburger und somit ein echter Norddeutscher. Zweitens ist er 72 und somit zahm und lebenserfahren. Dann sind alle andern Figuren richtig gut gezeichnet und sogar die späteren "Täter" sind absolut weder irr noch psycho - sondern einfach Mitmenschen. Dann entführt uns das Buch nach Jamaika. Eben, weil es um Rum geht. Und wer sich nur ein bisschen für "Rum" interessiert, der MUSS dieses Buch lesen. Es enthält - nebst der Geschichte die im Rum-Business von Flensburg (ja, genau) und Jamaika abspielt - auch eingeschobene Essays über die Geschichte von Rum und über die Herstellungsverfahren. Hoch interessant.

Bei diesem Buch ist mir etwas passiert, dass ich schon lange nicht mehr erfahren durfte: Die Geschichte ist eigentlich nicht wirklich spannend. Aber es hat mir überhaupt nichts ausgemacht: Ich habe mich auf die abendliche Lektüre gefreut, weil das Buch witzig, interessant und unterhaltsam ist.

Der Protagonist reist mit seinen 72 Jahren nach Jamaika und da ist schon seine Ankunft ein Kapitel wert. Zudem trifft er dort auf Menschen, die farbig beschrieben werden und eigentlich bekommt man Lust, Bob Marley aufzulegen. Er sucht nach seinem Bruder, der vor langer Zeit verschollen ist. Und der Autor bedient sich eines schönen Tricks um die Geschichte im Griff zu behalten: Während der noch lebende Bruder an bestimmten Orten nach dem Verschollenen sucht, lesen wir dessen Tagebucheinträge und wissen plötzlich mehr als der Suchende! Clevere und spannende Sache!

Ich habe das Buch gern gelesen und kann es mit gutem Gewissen weiter empfehlen. Wenn es sogar einem Rum-Liebhaber (oder einer -in) geschenkt wird, dann ist das mit Sicherheit ein Volltreffer.

Gipfelkuss - von Philipp Probst

Ich will ehrlich sein: Ich habe es nicht erwartet. Aber ich bin ein Fan geworden von den Romanen um die Reporterin Selma Legrand-Hedlund, wohnhaft am Totentanz in Basel.

Warum? Naja, erstens sind die Geschichten recht spannend und haben ein anständiges Tempo. Sie animieren die Lesenden zu Ahnungen und zu Voraussagen und sind so authentisch, dass man sich - vorallem als Basler oder als Baslerin - sofort wohlfühlt und nicht permanent denken muss: "Was ist denn das für ein Unsinn?"

Zweitens sind die Geschichten ausserordentlich gut recherchiert. Man merkt es den Geschichten sehr gut an, dass der Autor ein leidenschaftlicher Wanderer ist und es würde mich nicht wundern, wenn er gar schwedische Wurzeln hätte. Auch habe ich mich dabei ertappt, wie ich nach dem Coiffeursalon von Selmas Freundin am Totentanz Ausschau gehalten habe... Die Geschichten, deren Höhepunkte regelmässig auf irgend einer Alp und oder einem Bergkamm, sind dermassen realistisch und schön beschrieben, dass man sich fragt, ob Probst nicht selber in der Lawine eingekegelt wurde oder gar die Wölfe gesehen hat. Oder ob er vielleicht selber im Gewitter auf dem Berggrat in Gefahr geraten ist. Das sind - dies ist hervorzuheben - die Höhepunkte der Bücher. Und die Spannung wird aufrecht erhalten, indem die Geschichte immer wieder zwischen dem Schauplatz Basel und der Bergwelt hin- und her wechselt. Das ist - wenn ich meine bescheidene Erfahrung in Sachen "Bücherlektüre" zu Rate ziehen darf - "grosses Kino".

Wenn man auf der Website von Philipp Probst (https://www.philipp-probst.ch/) den Blog liest, sehen das nicht alle Lesenden so. Und das bestärkt mich einmal mehr darin, dass auch mein Blog nur "meine" Meinung zeigt. Aber was ich in jedem Falle mit sehr gutem Gewissen sagen kann ist, dass sich die Lektüre der "Reporterin" lohnt. Auch wenn es für die einen etwas zuviel "Gedöns um Selmas Frisur" oder "zuviel Familiendrama" gibt. Ich finde, davon - genau davon - leben diese Geschichten. Allez!

Phillipp Probst hat irgendwo die "Reporterin" als "Triologie" angekündigt. Ich bin sehr erfreut, dass er sich das nochmals überlegt hat und bereits an Teil 4 arbeitet...

Die Nachricht - von Doris Knecht

Der österreichischen Kolumnistin und Schriftstellerin Doris Knecht bin ich erstmals begegnet, als sie von 2000 – 2002 regelmässig fürs Magazin des Zürcher «Tages-Anzeigers» schrieb. Als «running gag» in ihren Beiträgen suchte sie damals einen Mann für ihre Redaktionskollegin «Frau Meier». Letztere arbeitet heute als Redaktorin bei einem Online-Portal, schreibt selber Bücher (zuletzt «Der Reiz»), und ihr Liebesleben ist dem Vernehmen nach auch ohne Mann erfüllt ...

Was ich mit dieser Einleitung sagen will: Beziehungsfragen haben Doris Knecht schon immer umgetrieben. Sie stehen auch im Zentrum ihres neuen Romans «Die Nachricht». Es geht darin einerseits um das komplizierte Privatleben der Protagonistin als alleinstehende Witwe, die mit einem schulpflichtigen Sohn und einer Stieftochter und deren offenkundig vaterlosen Kleinkind in einem bünzligen Kuhdorf fern von Wien lebt, wohin sie nur noch ihre Arbeit als Drehbuchautorin beim Fernsehen gelegentlich führt. Und wo auch die Beziehung zu einem möglichen neuen Partner anfängt.

Natürlich pflegt diese Ruth Ziegler aber auch die heute üblichen und für viele Menschen unverzichtbar gewordenen «Beziehungen» auf den Plattformen der Social Media von Facebook bis Instagram. Auf dieser zweiten Ebene entwickelt sich nun Bedrohliches. Nicht nur Ruth selber erhält immer häufiger primitivste Hassmails, der anonyme Autor schickt mit intimsten Details aus ihrem Privatleben angereicherte verleumderische «Informationen» über sie an Verwandte, Bekannte, Freunde, ja gar an Arbeitskollegen. Wie die dergestalt gemobbte Ruth mit diesen in höchstem Mass rufschädigenden Nachrichten umgeht und wie unterschiedlich ihre Familie und ihr Freundeskreis darauf reagieren, liefert Knecht Stoff für spannende und unterhaltsame 250 Seiten - bis zur überraschenden Auflösung mit der Überführung eines unerwarteten Täters.

Der Enkeltrick - von Franz Hohler

Für mich als Angehöriger der Generation «Boomer» war Franz Hohler von Kindsbeinen auf ein sicherer Unterhaltungswert. TV-mässig sozialisiert mit der Kindersendung «Franz & René» konnte ich das «Bärndütsche Gschichtli» aka «Totemügerli» auswendig, besuchte jahrzehntelang die cellountermalten Vorstellungen im Basler Kleintheater «Fauteuil» und verschlang alle Romane und Kurzgeschichten des Zürcher Kabarettisten und Autors.  

Mit Hohler (Jahrgang 1943) ist es wie mit einem guten Roten (Wein natürlich …): Er altert gut. Seine eben erschienen Erzählungen unter dem Titel «Der Enkeltrick» bestätigen einmal mehr seinen Ruf als bester Geschichtenerzähler des Landes. Aus gelassen-ironischer Distanz beschreibt er erst alltägliche Situationen, bevor er sie, wie im Stück «Der Geburtstagskalender», unerwartete Wendungen nehmen lässt und zu den skurrilsten Szenarien verdichtet, bevor dann wieder der Alltag und eine veränderte Normalität einkehren.

Zusätzlichen Genuss bieten mir persönlich die vielen Stellen, an denen der Autor seine Leser in ihrer Eigenwahrnehmung abholt (beim nächtlichen Aufstieg aufs Weisshorn sieht der Protagonist in «Das weisse Spitzchen» den Grossen Wagen, «das einzige Sternbild, das Henri kannte») oder mit subtilen Anspielungen ihr Allgemeinwissen testet (etwa im ersten Satz des Buches: «Die Frau, die vor der Türe stand, war eindeutig nicht die Postbotin, obwohl sie zweimal geläutet hatte» …). 

Wer sich den neuen Hohler als ideales Kurzlesefutter vor dem Einschlafen auf den Nachtisch legen will, wird die gleiche Erfahrung machen wie ich. In einem Anfall von Binge-Hohler-Reading habe ich die 14 Stories an einem regnerischen Sonntagnachmittag innert zwei Stunden in einem Zug weggelesen.    

Schattenreime - von Franz Osswald

Der Autor Osswald schickt seinen Journalisten Oskar Behrens dieses Mal zur Erholung in den Jura. Natürlich gerät dieser dort in einen Unglücksfall, welcher Grund genug ist, warum der Hobby-Ermittler dort bleibt und erst wieder geht, wenn die Welt in Ordnung ist.

Was die Osswald-Bücher mit Oskar Behrens auszeichnet ist, dass sie tatsächlich -  wie im Untertitel beschrieben – Kriminal-«Erzählungen» sind. Auch der vorliegende Band hat keine irrwitzig schnelle Handlung mit viel Action und Radau. Viel eher führt der Autor seinen Protagonisten mit viel Gefühl und Erzählkunst durch das Buch. Die Postautofahrt zum Behrens Feriendomizil ist ein Beispiel dafür: Kurz und prägnant erzählt…

Bald haben die Lesenden das Gefühl, in Oskar Behrens einen neuen Bekannten zu haben und freuen sich mit ihm über seinen Aufenthalt im beschaulich beschrieben Juradorf. Behrens nimmt die Leserschaft mit zu seinen kulinarischen Exkursionen, er lässt sie teilhaben an seinen Nächten im Hotel (und da ist nichts Schlüpferiges dabei, höchstens ein bisschen Schlafmangel…) und er teilt seine Gedanken und Beobachtungen über den Fall oder seine Umgebung.

Behrens ist schwul. Dies wird aber in keiner Art und Weise ausgeschlachtet, sondern nur einmal thematisiert, um das Cliché der darüber wenig begeisterten Dorfältesten zu bedienen. Das war es dann auch schon. Ansonsten ist Behrens ein leicht verschrobener Einzelgänger, mit dem man unkompliziert mitgehen kann. 

Ich habe lange überlegt, wieso mir dieser «Erzählstil» so bekannt, so vertraut vorkommt. Und ich bin fündig geworden: Die «Kriminalerzählung» von Franz Osswald steht einem «Hunkeler-Roman» von früher in nichts nach: Eine gehaltvolle, gut recherchierte Erzählung mit einem starken Protagonisten, um den sich alles dreht.

Es gibt für meinen Gusto an diesem Buch nichts auszusetzen. Auch physisch kommt das Werk perfekt daher: Der «Verlag Regionalkultur» verkauft das Buch in kleinem Format, hart gebunden, mit schönem Layout und farbigen Cover (kleiner als ein Kindle….). Es hat seinen Preis (CHF 27.00), aber ein schönes Stück Buch ist nicht billig. Und für dieses Buch gebe ich dieses Geld gerne aus.

Im Visier des Feindes - Ein Jack Ryan Roman. Von Tom Clancy.

Zuerst muss man wissen, dass Tom Clancy 2013 sechundsechzig Jahre alt verstorben ist. Vorher hat er noch die Rechte an seinem Namen und an seinen Figuren verkauft. So geschieht es dann, dass ich mit dem Buch "Im Visier des Feindes" einen "Thriller" aus der Jack Ryan- Reihe in den Händen halte. Der Autor ist eigentlich Mike Maden, aber auf dem Cover steht dick und fett: "Tom Clancy".

Nun, wer auch immer es gewesen sein mag: Er schreibt absolut nach meinem Gusto! Das Buch erachte ich als veritablen Pageturner. Erstens ist die Hauptfigur, der Filius des amerikanischen Präsidenten, eine Figur, die man sich durchaus vorstellen kann: Kann kämpfen, mag schöne Frauen, reist herum und gerät permanent in Probleme, die das Buch unterhaltsam machen.

Und dann - das ist ein herausragendes Merkmal in diesem Buch - ist es ausgezeichnet recherchiert! Ich war persönlich beruflich erst gerade kürzlich in Sarajevo, wo dieses Buch hauptsächlich spielt, und ich konnte die Cevapcici riechen, die Gebetsrufe hören und den Verkehr sehen. Sehr realistisch geschrieben und mit einer geschichtlichen Abhandlung über die Probleme in der Region Ex-Jugoslavien - wirklich perfekt geschrieben.

Zudem wird die Spannung hoch gehalten, auch wenn der Schluss dann doch noch sehr fiktiv ist. Darüber war ich dann auch froh, denn man befindet sich sehr schnell in dieser Welt ...

Wenn Tom Clancy jetzt auf seiner Literatenwolke sitzt und schaut, was man mit seinem Jack Ryan macht - dann kann er zufrieden sein. Dieses Genre der Spannung und Politik wird im Sinne Clancys weitergeführt.

Was vom Tage übrigblieb - von Kazuo Ishiguro

Kazuo Ishiguro – Was vom Tage übrigblieb

von Roger Thiriet

Wenn der Literatur-Nobelpreis wie 2021 mal wieder an eine(n) Schriftsteller(in) geht, von dem nicht einmal die versammelte Literaturkritik der alten Welt gehört, geschweige denn etwas von ihm oder ihr gelesen hat, greife ich ersatzweise gerne zu Werken von früheren Preisträger(innen) mit einem tieferen Fussabdruck in der Bücherwelt. Dieses Jahr war das der 2017-er Laureat Kazuo Ishiguro und ein Buch, das «get abstract» als «einen der wichtigsten englischen Romane seit 1945» bezeichnet.  

Japaner, so geht das Cliché, sind zurückhaltend, höflich und zeremoniell. Auch Briten, so sie  der «upper class» angehören, legen Wert auf Diskretion und neigen zum Understatement. Den Roman eines Japaners, der in England lebt, müssten also Bescheidenheit, Zurückhaltung und Tiefstapelei in geradezu exzessivem Mass prägen. Und dies bestätigt sich mit jeder Seite, die man umblättert und dabei einen alternden britischen Butler von Rang auf einer Fahrt durch Südengland begleitet.

Sein aktueller Dienstherr, ein neureicher US-Amerikaner, hat das Anwesen des politisch gescheiterten britischen Adligen Lord Darlington samt dessen Chef-Butler übernommen. Dieser Stevens erinnert sich nun in grosszügigen Rückblenden an die vermeintlich glorreichen Zeiten, als Darlington auf seinem Schloss und in seiner Anwesenheit englische, deutsche und amerikanische Politiker zu geheimen Verhandlungen empfing. Eigentlich wollte der deutschfreundliche Lord lediglich die Verlierer des 1. Weltkriegs aus den Fesseln des Versailler Vertrags befreien, wurde aber dadurch zum Kollaborateur des Dritten Reichs.

Neben dieser spannenden zeitgenössischen Komponente haben mich als studierten Anglisten und Fan der Netflix-Serie «The Crown» vor allem Ishiguros lakonische Schilderungen des bis zur Exzentrik durchchoreographierten Geschehens in einem britischen Herrschaftshaus köstlich amüsiert.

Die Leuchtturmwärter. Von Emma Stonex

Krimi oder nicht?

Das Buch hat eine absolut simple Story: Drei Leuchtturmwärter verschwinden aus ihrem von innen verschlossenen Leuchtturm. Man findet nichts, weder Spuren noch Leichen noch sonstige Zeichen. Frage: Was ist da bloss passiert?

Auf etwas über 420 Seiten sucht die Autorn nun - mit Hilfe ihres "Alter Egos im Roman"- 20 Jahre nach dem "Unfall" nach der Lösung dieses Rätels und zwar durch Gespräche mit Hinterbliebenen, Kollegen, Freunden unter Beachtung der Medien aus der Zeit des Geschehens.

Wir Lesenden werden ganz langsam, behutsam mit einem tollen Schreibstil zuerst in die eine Richtung, dann wieder in eine andere geführt. Und plötzlich versuchen wir mitzuraten, was da wohl geschehen ist. Es wird spannend und wenn dann die Lösung sich langsam abzeichnet, kann man den Schluss kaum erwarten.

Nebenbei erhält man einen Einblick in das damalige Leben von Leuchtturm-Besatzungen, die vor der Automation der Feuer noch auf jedem dieser Bauwerke im offenen Meer gelebt und gelitten haben. Man könnte meinen, die Autorin war ebenfalls dabei.

Das Buch kann ich meiner Frau empfehlen, die mit Krimis ihre Mühe hat. Sie liest aber sehr gerne Bücher, die klar, übersichtlich und schön geschrieben sind.

Die Nacht - wirst Du morgen noch leben? Von Jan Beck.

Ich bin immer sehr glücklich und zufrieden, wenn ich ein Buch lesen kann, das spannend ist und mich dann noch - vielleicht zum Schluss - komplett überraschen kann. Das beste Beispiel für ein solches Werk war bisher: Das Geheimnis von Zimmer 622 von Joel Dicker https://www.buechercheck.com/2021/04/21/das-geheimnis-von-zimmer-622-von-joel-dicker/. Nun aber kommt der 1975 geborene Österreicher Joel Fischler und bringt einen Thriller - seinen zweiten - heraus: Die Nacht. Eigentlich ein nichtssagender und einfacher Titel. Das Buch aber, hat es in sich - darauf deutet der Untertitel hin: "Wirst Du morgen noch leben?"

Die Kapitel im Buch sind nur nummeriert und tragen jeweils den Namen des Hauptperson im Kapitel. Zu Beginn sind das ein paar einfache Geschichten - ohne Zusammenhang. Aber da ja in einem Storyboard immer und alles einen Zusammenhang hat, beginnt man zu kombinieren und versucht, die Zusammenhänge zu finden. Da gelingt, manchmal. Mit jedem Kapitel beginnt sich in den Köpfen der Lesenden ein Bild zu formieren. Dann kommt plötzlich eine sehr grosse Spannung dazu und letztendlich wird das Buch - wenigstens bei mir - zum Pageturner!

Nur um dann auf dem letzten Dutzend der 450 Seiten völlig neue und unerwartete Wendungen einzubringen. Das würde ich allerdings gerne als "Kritik" einbringen: die Erklärungen sind so vielfältig, dass es seitenlange Erklärungen braucht, um die Geschichte aufzulösen . Aber trotzdem: Das Handwerk in diesem Buch ist sehr gelungen: Spannung, die Geschichte - so absurd sie auch ist - ist in einer sehr realen Welt angesiedelt - Zeitebenen, neue Wendungen.

Auch die Ermittelnden sind nicht ohne: Zwar kommen beide nicht aus ohne einen gewissen Dachschaden oder eine sehr, sehr komplizierte Persönlichkeit. Aber sie arbeiten schnell und bringen das Tempo der Geschichte zum Rasen.

Gerne werde ich auch Fischler-Becks ersten Thriller lesen (Warum hat man eigentlich ein Pseudonym, wenn man es im Internet gleich wieder auflöst??).