Möderische Hitze. Von Daniel Izquierdo-Hänni.

Vielleicht hätte ich das Buch gar nicht gekauft. Ein neuer Autor, ein weiterer neuer Anti-Kommissar, eine neue Spielgegend – so what?

Aber ich habe es gekauft. Warum? Ich gebe es an dieser Stelle gerne zu: Ich habe  mit dem Autoren schon einmal ein Bier getrunken. In Basel. Als der noch gar nichts von seinen Krimi-Plänen wusste. Deshalb dachte ich: Kauf ich mal. Ich muss es ja nicht besprechen, wenn es ein Reinfall wird.

Ich habe es aber sehr gerne in meinen Blog aufgenommen.

Izquierdo ist eigentlich ein Basler, der aber seit bald 20 Jahren mit seiner spanischen Frau in Valencia lebt und dort die eine oder andere Geschäftsidee verwirklicht hat. Und nun also wagt er sich ans Bücherschreiben. Mit einem Krimi. Das ist schon mal respektabel.

Die Geschichte seines Erstlingswerk ist einfach, übersichtlich und hat ein paar spannende Momente. Ein veritabler Pageturner ist es nicht, aber ein handwerklich gut gemachtes Buch mit allen Aspekten, die man halt immer wieder gerne in einem Kriminalroman liest: Ein wenig Familiendrame, ein bisschen Erotik, ein bisschen Gewalt, ein bisschen Schlauheit und die eine oder andere Spur, die die Lesenden auf eine falsche Fährte lockt.  Die Geschichte also: Gut gemacht.

Müsste man etwas kritisieren – und da schrecke ich nicht zurück, auch wenn es dann kein weiteres Bier gibt – dann das: Daniel Izquierdo hat Reiseführer geschrieben. Und das merkt man. Leider etwas zu sehr… Würde man alle Beschreibungen von Gebäuden, alle Referenzen auf die spanische Geschichte oder alle Beschreibungen von spanischen Ess- und Kulturtraditionen aus diesem Buch entfernen, dann bliebe wahrscheinlich ein Heft im Umfang eines Jerry-Cotton-Romans übrig… Ich persönlich mag Spanien und habe viele der Beschreibungen erkannt. Aber die Menge davon ist störend. In meinen Augen. – ABER: Es hat auch eine positive Seite! Die Authentzität in diesem Buch ist sehr hoch. Der spanische Protagonist benimmt sich wie ein Spanier. Die spanische Frau in der Geschichte benimmt sich wie eine Spanierin und die Beschreibungen von spanischen Familienessen ist grossartig und man bekommt Lust, sich dazu zu setzen. Wenn es jetzt dem Autor gelingt, beim nächsten Band das Gleichgewicht zwischen überflüssigem und geschichtsrelevanten Fakten zu finden, dann liegt hier ein schönes und tolles Erstlingswerk vor.

Daniel Izquierdo-Hänni hat – mit seinem Taxifahrer Alapont – eine Chance verdient. Die «Mörderische Hitze» ist in meinen persönlichen Top 10 der Regionalkrimis. Auch wenn es der bisher einzige aus Valencia ist, den ich kenne…

Schreib oder Stirb. Von Fitzek und Beisenherz

Damit wir uns richtig verstehen. Wenn ein Autor ein Millionenpublikum hat und wenn sich andere Promis darum reissen, mit allen möglichen Aktionen im Umfeld des Erfolgschriftsteller erscheinen zu können und wenn derselbige Autor wie ein Rockstar mit einem zweistöckigen Reisebus durch Deutschland tourt um aus seinen Büchern vorzulesen, ja dann brauchen wir uns nicht darüber zu unterhalten, ob der Autor gute Bücher schreibt oder nicht.

Aber letztlich geht es in diesem "Büchercheck.com"-Blog auch nicht in erster Linie darum zu schreiben, ob das Buch gut ist oder nicht. Sondern darum, wie das bei den Bücherchecker ankommt. Und wie sie sich bei der Lektüre fühlen. So kann es - wie schon oft - vorkommen, dass ein SPIEGEL-Bestseller Nr. 1- Buch bei Büchercheck nicht wirklich gut abschneidet.

Fitzek habe ich persönlich schon oft probiert. Und er hat mir nie wirklich geschmeckt, weil ich das Gefühl hatte, dass Fitzek nicht Fitzek ist, wenn er nicht brutale Gewalt und hochtrabender psychischer Terror verbreiten kann.

Aber eben - "one million flies can't be wrong" - und so wollte ich doch einmal einen Fitzek zu Ende lesen. Mit dem vorliegenden Werk ist mir das sehr gut gelungen. Fitzek hat sich mit Micky Beisenherz (ein lustiger Mensch, bekannt aus Funk und Fernsehen...) zusammengetan um, wie sich die beiden in einem dreiseitigen Vorwort (beinahe entschuldigend...) erklären, etwas Witz ins Buch zu bekommen. Da ich Witz liebe und Krimis auch, dachte ich: Ich probiers.

Vorab: Die Story ist - natürlich - gut, spannend, sehr vielfältig und möglich. Bestes Krimihandwerk, ohne Zweifel. Also darüber müssen wir uns wirklich nicht unterhalten. Das Experiment "Beisenherz-Humor" allerdings ist etwas - wiederum meiner Meinung nach - durchzogen. In der gefühlten ersten Hälfte des Buches wird jede geschriebene Aussage mit einem mehr oder weniger witzigen Vergleich abgeschlossen: "Eher benahm ich mich wie jemand, der erst beim Anblick des blutigen Axtblocks merkt, dass er sich ... die Hand abgeschlagen hat!" Oder: Soviel zu meinem Gedächtnis... Genauso gut hätte ich Andrea Bocelli fragen können, ob er auf der Autobahn gerne schnell fährt..." Oder dann: "Tillmann sieht aus wie ein Model für Anabolika... würde man seinen Bizeops orange anmalen, könnte man ihn mit einem Halloween-Kürbis verwechseln...". Das ist ein paar Mal lustig. Aber irgendwann nervt es leicht. Auf jeden Fall mich. In der zweiten Buchhälfte scheint Beisenherz im Urlaub gewesen zu sein. Jedenfalls nimmt diese Verlustigung etwas ab und der Fitzek wird zu einem erstaunlich leichten Lesevergnügen.

Also: Ich werde wohl wieder mal einen meiner weggelegten Fitzeks hervorholen und einen neuen Anlauf nehmen. Und wenn ich den dann wirklich schaffe, so ist Beisenherz daran schuld. Falls er sich damit was kaufen kann...

Das Geständnis einer Hundertjährigen. Von Yvette Kolb.

Der Plot dieser Geschichte ist so genial und einfach. Ich bin sicher, er ist schon mehrmals bemüht worden (ich kenne allerdings keine andere Version). Aber das eine lokale Autorin diese Idee aufgreift und so schön umsetzt, ist ein Geschenk!

Yvette Kolb ist liaterarisch gebildete Frau: Sie hat den Grossmeister Ephraim Kishon jahrelang als "Vorleserin" begleitet und so wohl eine gehörige Portion Qualität in Sachen Sprache und Witz abbekommen. Und das merkt man bei diesem Buch in jeder Zeile: Ein Hunderjährige, die für einmal nicht aus dem Fenster steigt, sondern sich an einen Tisch setzt und ihr Leben einem imaginären Kommissar in allen Einzelheiten erzählt. Nicht weil sie das lustig findet, sondern weil sie vor ihrem bevorstehenden Ableben noch ein paar Morde (oder waren es Unfälle?) gestehen will.

Die Frau erzählt ihr Leben mit einer Leidenschaft und für Menschen der heutigen Zeit mit einem grossen Lerneffekt. Die Lesenden bekommen nebenbei die Lebensumstände der letzten hunder Jahre serviert!

Natürlich ist es ein Buch mit praktisch keiner Live-Action! Umso bemerkenswerter ist es, dass die Lady durch die Gewandtheit der Autorin einen sehr lebendigen und spannenden Erzählstil zugeschrieben bekommt. Es ist ein Vergnügen dieses Büchlein zu lesen. Erwähnenswert sind auch die lustigen Illustrationen vom bekannten Zeichner Jürgen von Tomei...

Einzig der Schluss: Man sieht ihn leider kommen. Und das ist ein bisschen schade. Aber dennoch: Wenn es noch Platz hat auf dem Nachttischli: Gerne kaufen (Das Buch ist auch nicht so gross...)

Blinde Furcht. Von Linda Castillo

Das Schöne an gewissen Büchern finde ich ja, dass die Lesenden nebenbei - am eigentlichen Plot vorbei - Einblick in eine Welt erhalten, die sonst nicht der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen. Deshalb sind für mich die Krimis mit ehemaligen amerikanischen Präsidenten ein Highlight. Oder auch die Krimis mit der verstorbenen Queen von England (obwohl da sehr viel Fiktion dabei ist).

Auch das vorliegende Werk erfüllt dieses Kriterium: "Blinde Furcht - Der neue Fall für Kate Burkholder" gibt dem Leser oder der Leserin einen tiefen Einblick in das Leben der Amischen in Amerika. So werden Fragen beleuchtet, wie das Leben der amischen Familien funktioniert. Und eben auch: Wie es nicht funktioniert (das hat dann wieder mit dem Plot zu tun).

Beim Buch von Linda Castillo nimmt uns die Ermittlerin als Ich-Erzählerin mit in die Tiefen der amischen Gesellschaft, weil das Opfer - eine Jugendfreundin von ihr - eine "Amische" war, die, wie sie selber, aus dieser Gesellschaft ausgebrochen ist. Es werden sogar Dialoge in "Amischer Sprache" gezeigt (was bei einem aus dem Amerikanischen übersetzten Buch eine grosse Leistung ist!).

Die Geschichte selber ist verständlich und spannend. Es ist kein "Pageturner" im eigentlichen Sinne, aber ich habe mich trotzdem auf die Lesezeit im Bett gefreut, weil ich wissen wollte, wohin die Reise geht.

Die Ermittlerin - sie ist seit dreizehn Fällen unterwegs - ist Polizeichefin und es ist erfreulich, wie "problemlos" ihr Leben ist. Eine gut aufgegleiste Beziehung, die nicht permanent die Ermittlungsarbeit beeinflusst. Im Gegenteil: Der Partner ist ebenfalls Polizist. Die einzigen Hürden baut sie sich in diesem Falle selber auf - und reisst sie dann wieder nieder

Das Buch ist leicht und gut zu lesen und hat - trotz klarer Vorzeichen - ein überraschendes Ende. Sie Autorin führt die Protagonistin zusammen mit uns Lesenden auf eine Spur, die so klar und deutlich ist, dass ihr Ende die Spannung von neuem aufbaut und zu einem überraschenden Ende führt.

Dies ist ein Buch aus einer Serie mit Kate Burkholder. Wäre ich eine politische Partei, würde ich hier für Stimmfreigabe votieren. Es ist sicher nicht verkehrt, dieses Buch zu kaufen und zu lesen. Und vielleicht fasziniert es so, dass die zwölf vorherigen Bücher auch noch gelesen werden wollen. - Es ändert aber absolut nichts an der literarischen Kompetenz eines Menschen, wenn man das Buch nicht liest.

Elsässer Machenschaften. Von Jean Jacques Laurent.

Ich nehme mal die Sprache der jungen Generation zu Hilfe: "OMG, was für ein cooles Buch!" - Ja, ich muss sagen, das Buch von Jean-Jacques Laurent hat mir viel Freude gemacht. Gerne ein paar Worte weshalb.

Erstens merkt man, dass der Autor das Elsass liebt. Und die elsässische Küche. Und, dass er vermutlich ein etwas zweigespaltenes Verhältnis zu Störchen hat. Aber vor allem merkt man, dass Laurent schon viele Kriminalromane verfasst hat. Unter einem andern Namen, denn "Laurent" ist ein Pseudonym. Der vorliegende Roman ist bereits der sechste in der Reihe. Schade, habe ich die Elsässer Krimis nicht früher kennen gelernt.

Der Krimi mit seinem Protagonisten Major ("Maaschoor") Jules Gabin kommt klar und strukturiert daher. Ohne riesige Rückblenden, Nebengeschichten oder abstrus konstruierte Handlungen. Nein, man wähnt sich fast in einer "real-time-"Erzählung. Die Dinge, die passieren sind meistens logisch und ich habe nicht einmal den Figuren zurufen wollen: "Mach das nid, du Pfyffe!". Weil sich die Elsässer Polizisten ans Gesetz halten und an die Vorschriften. Das ist sehr erholsam im Vergleich zu Ermittlern, die einfach alles alleine machen und sich um kein Gesetz scheren. Und wenns dann ein bisschen "kreativ" zu und her geht, dann immer noch sehr realistisch. Guter Plot, spannend und authentisch. Sehr speziell: Auf Seite 263 ist das Verbrechen aufgeklärt und abgeschlossen und Major Gabin macht sich mit seiner Partnerin einen schönen freien Tag. Das Buch hat aber nochmals knapp 100 Seiten und der Autor schafft es, eine zweite Runde zu drehen und die Spannung von einem entspannten "0" wieder auf "100" zu bringen. Tolles Handwerk.

Und dann das Elsass! Das Buch ist eine Freude für alle Menschen, die gerne im Elsass sind. Die Geschichte spielt in und um Colmar und man erfährt so viel über die elsässischen Menschen, über deren Lebensweise und über deren Küchen. Und zwar nicht mit dem erhobenen Finger, sondern schön nebenbei. Mir ist während des Lesens mehr als einmal das Wasser im Munde zusammen gelaufen. Insbesondere, als die Untersuchungsrichterin einen elsässischen Zewelkueche (Zwiebelkuchen) fabrizierte. Ich hätte mich gerne dazugesetzt. Und dann der Beschrieb der boulespielenden Alten in der Weinstube im Colmar. Grosses Kino.

Am Schluss des Buches, nach dem Ende der Story, fasst der Autor die Sehenswürdigkeiten seines Buches zusammen (Major Gabins Tipps für Colmar Besucher) und veröffentlicht sogar das Rezept von "Joannas Zewelkueche". Auch Martin Walker (Bruno, Chef de police), Rita Falk oder Donna Leon (Brunetti) geben speziell Kochbücher mit den Rezepten ihrer Protagonisten heraus. Aber hier kommt das gratis dazu, unaufdringlich und einfach so. Perfekt.

Lesen Sie das Buch und backen Sie den Zewelkueche. Beides lohnt sich!

Die Toten von Fleat House. Von Lucinda Riley

Das Buch beginnt mit einem Brief an die "Leserinnen und Leser". Und dieser Brief gehört absolut nicht zu der Geschichte des Buches. Es ist ein Brief von Harry Whittaker, dem Sohn der Autorin. Er erzählt, dass dieses Buch schon seit 2006 auf dem Computer seiner Mutter gespeichert war und im Auge der Autorin eigentlich noch einmal hätte redvidiert und an ein paar Stellen hätte umgeschrieben werden müssen. Aber dann kamen die Grosserfolge von Lucinda Riley ("Das Orchideenhaus" und die Reihe "Sieben Schwestern") und die "Toten von Fleat House" hatten keine Priorität mehr. Und als sich die Autorin - also die Mutter des Unterzeichners - 2021 wieder dem Projekt zuwandte, hatte sie keine Gelegenheit mehr dazu: Lucinda Riley starb am 11. Juni 2021 an Krebs. - Der Sohn veröffentlichte das letzte Werk seiner Mutter ohne Änderungen.

Ich weiss nicht, ob dieser dramatische Einstieg in die Geschichte mein Leseverhalten beeinflusst hat. Ich schätze schon. Gerne fasse ich mich kurz und bündig: Das Buch - ein Krimi im Umfeld von einem englischen Internat - ist ein kompletter Kriminalroman. Mit ein paar wenigen Todesopfern, mit einer charismatischen Ermittlerin, mit ein paar Geschichten um die Protagonisten und mit einem gut durchdachten und sehr realistischen Plot. Es gibt aus meiner Sicht nichts zu mäkeln an diesem Werk.

Und ja, die Geschichte der Autorin hat mich doch beeinflusst. Denn ich habe mich immer wieder gefragt, wo hätte die Autorin umgeschrieben - und vor allem was? Das Buch kommt flüssig daher. Man versteht die Geschichte ohne ständig zurück blättern zu müssen. Ich habe mitgefühlt, mitgelitten und mitgehofft.

Eigentlich ist die Geschichte gar nicht so wichtig. Der Schreib- und Erzählstil ist grossartig und man pflichtet dem Sohn bei, der in seinem Schlusswort schreibt:

"...wir dürfen und auf einige eindringliche Charakterdarstellungen freuen, zum Beispiel von Detective Jazz Hunter, die, da werden Sie mir sicher zustimmen, das Potential für eine eigene Serie besessen hätte. - Vielleicht in einem andern Leben!"

Dem ist nichts mehr beizufügen.

Von Casanova bis Churchill. Von Barbara Piatti.

«And now», wie es in der TV-Serie «Monty Python’s Flying Circus» zu heissen pflegte, «for something completely different». Am 1. August auf der einst von vielen Prominenten von Queen Victoria bis Mark Twain besuchten Rigi las ich keinen Roman, sondern stöberte zunehmend fasziniert in einer Sammlung von Berichten, Briefen und Tagebucheinträgen, die berühmte ausländische Reisende auf ihrem Weg durch die Schweiz geschrieben haben.

In ihrer Anthologie «Von Casanova bis Churchill» hat die in Basel lebende Literaturwissenschaftlerin Barbara Piatti die Aufzeichnungen von 35 Persönlichkeiten zusammengestellt, die in den Jahren 1760 bis 1946 durch unser Land gereist sind. Dabei geht es häufig um Beschreibungen der ersten touristischen Hotspots des Landes, aber auch Basel wird mehr als einmal zum Gegenstand kritischer bis hymnischer Betrachtungen. Während der Ur-Kommunist Friedrich Engels keinen guten Faden an der Stadt am Rheinknie liess, äusserte sich die Frau von Fjodor Michailowitsch Dostojewski sehr positiv über die Besichtigung des Münsters und vor allem das Kunstmuseum, in dem der russische Schriftsteller von der rohen Authentizität des Holbein-Gemäldes «Toter Christus» restlos überwältigt gewesen sein muss.

Hätten Sie gedacht, dass der würdige Herr Richard Wagner ein routinierter Wandervogel war, der über die Alpen von Zürich nach Lugano wanderte und schon am ersten Tag mit Postkutsche, Schiff und auf Schusters Rappen die Strecke von Zürich bis Giswil OW zurücklegte? Trotz solcher monströser Etappen, die ihm dennoch «manchmal fast ein wenig kurz erschienen», fand der Komponist abends noch Zeit für ausführliche Briefe an seine erste Frau, die nicht nur von Hindernissen wie Blasenbildung wegen neuer Wanderstiefel berichteten, sondern auch ein interessantes Licht auf das damalige Schweizer Postwesen werfen.

Was das Buch besonders und besonders interessant macht: Piatti reiht nicht nur Original-Dokumente aneinander, sondern führt jeden Text mit einer Abbildung und interessanten und unterhaltenden Details über die Autoren sowie die Hintergründe ihrer Reisen ein.

Ein Buch ideal für den Nachttisch und eine bis zwei Häppchen täglich ...

Mrs Potts Mordclub. Von Robert Thorogood

The SUN (das britische Pendant zum Schweizer BLICK) schreibt: "Liest sich wie Agatha Christie mit einem modernen Twist". Und auch wenn man Boulveard-Blätter nicht bedingungslos alles glauben soll: THE SUN liegt hier richtig!

Das Buch von Robert Thorgood ist wirklich sehr gelungen! Gutes Krimihandwerk mit einem Schuss von britishem Humor. Spannend, witzig und authentisch. Man lebt mit der alten Judith mit, wenn sie in der Themse schwimmt oder einen Sotch zubereitet. Die englische Lebensweise kommt durch und wenn man selber mal für ein paar Jahre in England gewohnt oder gearbeitet hat, dann kommt einem das eine oder andere ziemlich bekannt vor.

Thorgood ist der Autor für die "Death in Paradise"-Serie im Fernsehen und kann schreiben. Und erzählt eine auf den ersten Blick einfache Geschichte, die sich aber immer komplizierter gestaltet. Ich habe es allerding geschätzt, dass ich - als Leser - immer auf der Höhe geblieben bin und es war wohltuend zu merken, dass dann und wann eine Aktion oder eine Schlussfolgerung genau so daherkam, wie vermutet. In diesem Buch war ich als Konsument auf Augenhöhe mit dem Geschehen und der Handlung. Eigentlich tönt das jetzt gerade so, als würde ich bei jedem andern Buch hoffnungslos hinterher hinken. Nun, machmal mag das sein. Manchmal ist es unvermeidbar und richtig, dass man während der Lektüre permanent überrascht wird. Umso schöner ist es ein Buch zu lesen, welches - und da sind wir wieder beim Autor - auch ein TV-Film sein könnte.

Bref: Wer England liebt und gerne ein bisschen Krimi mit Tee, Scotch und Rudern hat: Kaufen. Ca. 15 Franken als Taschenbuch, kein Bereuen!

Mord in der Strasse des 29. November. Von Alfred Bodenheimer

von Roger Thiriet

Stellen Sie sich vor, Donna Leon liesse in ihrem neuen Krimi eine Berta Pommerigio in Bari ermitteln. Oder Hansjörg Schneider schickte die junge Kommissärin Bärlocher in Aarau auf Verbrecherjagd. Unmöglich, sagen Sie? Nicht für Alfred Bodenheimer. Wo sein Name draufstand, war bisher Rabbi Klein drin, so zuverlässig wie bei Leon Brunetti und Hunkeler bei Schneider. Doch nun – nach sechs Bänden mit dem «originellsten Hobby-Detektiv der Schweiz» (Hansruedi Kugler im «Tagblatt») - bekommt es der Fan des gemütlichen Rabbiners, der seine Nase gern in ungelöste Kriminalfälle im jüdischen Milieu Basels und Zürichs steckt, ohne Vorwarnung mit der israelischen Polizeipsychologin Kinny Glass und Jerusalem zu tun.

Leider kann die professionelle Polizistin ihrem Laien-Vorgänger aber die Mazze nicht annähernd reichen. Auch die konstruierte Allerweltshandlung, auf die an dieser Stelle gar nicht näher eingegangen werden soll, nähert sich gefährlich dem Niveau eines mediokren TV-«Tatorts» an - inklusive psychische Macken und familiäre Verbandelungen mit Opfern und Tätern bei der Ermittlerin. Und der «Jerusalem»-Krimi, wie der dort (auch) wohnhafte Autor sein neustes Buch – offensichtlich in Anlehnung an die Fernsehformate «Usedom»- oder «Schwarzwald-Krimi» - etikettiert hat, verzichtet auch nicht auf Anspielungen auf die politische Situation im Nahen Osten und die komplizierten Verhältnisse in der israelischen Regierung, die mit dem Fall grad gar nichts zu tun haben.

Wer für derartige Exkurse sowie die «Chnörze» einer dienstmüden israelischen Polizei-Psychologin genügend Interesse aufbringt, mag zu diesem «Mord in der Strasse des 29. Novembers» greifen. Wer sich aber beim Namen Bodenheimer auf einen weiteren Fall des humorvollen Menschenfreunds Klein und einige geistreiche Einblicke in orthodoxe jüdische Lebenswelten freut (z.B. https://www.buechercheck.com/2021/02/06/der-boese-trieb-von-alfred-bodenheimer/), lässt das Buch besser liegen.

Ein französischer Sommer. Von Francesca Reece.

von Roger Thiriet

Ferien im Süden sind ja im Sommer 2022 Jahr für Mitteleuropäer*innen nicht problemfrei zu haben. Abgesagte Flüge, Chaos an den Flughäfen, verstopfte Autobahnen, überlastete Züge, Hitzewellen und Waldbrände haben vielen Sonnenhungrigen den Aufenthalt im Süden vergällt. Ich hatte Glück und kam in den Genuss von vierzehn heiteren und rundum störungsfreien Tagen nahe der Parfumstadt Grasse im Hinterland der Côte d’Azur.  

Für die Lesestunden am Pool hatte ich wie gewohnt Bücher mit Lokalkolorit mitgenommen. (Vor zwei Jahren in Gordes verschafften mir die köstlichen Reminiszenzen eines dort niedergelassenen Briten* heiterste Einblicke in die Eigenheiten der Provence und ihrer Bewohnern.) Aufgrund der gefundenen Kurzzusammenfassungen («Sinnlich und spannend!» «Der perfekte Sommerroman!») fiel meine Wahl heuer auf Francesca Reeces Roman «Ein französischer Sommer». Und das Werk erfüllte meine – nicht allzu hohen - Erwartungen vollauf.

Es geht um eine junge Frau, die von einem alternden Zweitklass-Künstler engagiert wird, um einen Sommer lang seiine Tagebücher zu sichten und zu ordnen. Mit fortschreitender Arbeit stellt sich heraus, dass sie dieses Engagement nur ihrer Ähnlichkeit mit einer nie vergessenen Liebe ihres Auftraggebers verdankt. Dieser Haupthandlungsstrang wird nun über fast 500 Seiten verschwenderisch garniert mit allem, was in der Vorstellung des Durchschnittslesers einen Sommer zwischen Saint Tropez und Marseille unter Schönen, Reichen und ganz schön Reichen ausmacht: Tolle Villa, permanente An- und Abreisen von geladenen und nicht geladenen Gästen, endlos-opulente Buffets auf Steintischen im Freien unter Olivenbäumen, freizügiger Umgang mit Alkohol, Sex und härteren Drogen sowie wechselnde Liebschaften, Eifersuchtsdramen und Beziehungsbrüche. Und alles natürlich unter der sengenden und manches Hirn erweichenden Sonne des Midi.

Fazit: Wer heuer um seinen Südfrankreich-Urlaub gebracht wurde, erhält hier für sein Geld ein durchaus wirksames Generikum.

* Peter Mayle, «Mein Jahr in der Provence»