Das Jahresbankett der Totengräber - von Matthias Enard

Erinnern Sie sich an den Film «La Grande Bouffe» mit  Andréa Ferréol, Michel Piccoli, Philippe Noiret und Konsorten? Das grosse Fressen in diesem Kinoklassiker mutet im Vergleich mit der titelgebenden Szene des Romans von Matthias Enard an wie das Frühstück von magersüchtigen Veganern auf Diät. Diese Schlüsselstelle beschreibt eine beispiellose Völlerei, in deren Verlauf eine nicht abreissende Folge opulenter Gerichte und hochprozentiger Getränke den Weg in die Schlünde der entfesselten Gäste finden. 

Die Teilnahme an diesem alle kulinarischen und sprachliche Grenzen sprengenden Festmahl ist ausschliesslich Angehörigen des Bestattungsgewerbes vorbehalten. Sie und ihre Arbeit ziehen sich denn auch wie ein roter Faden durch die 480 Buchseiten eines grandiosen Werks, dessen Handlung der  Autor in einem wenig glamourösen Landstrich im westfranzösischen Poitou-Gebiet ansiedelt. Diesen hat der Pariser Anthropologie-Dissertand David für eine Feldstudie der dortigen Landbevölkerung ausgewählt, und im Umgang mit den Einheimischen dort eröffnen sich ihm jede Menge Einsichten in die Vergangenheit des Landstrichs, in dem sich über Jahrhunderte Engländer und Franzosen bekriegt haben.

Der mehrfach preisgekrönte französische Autor lässt sich in seiner barock ausschweifenden Erzählung vom Motiv des Lebensrads leiten, in dessen Zeichen alle immer und immer wiedergeboren werden: Der Pastor als Wildschwein, aber auch der mittelalterliche Fürst als Würmer in Davids Dusche. Und immer, wenn jemand gestorben ist (und im gleichen Moment in einer andere Gestalt schlüpft), kommt das (andere) älteste Gewerbe der Welt zum Zug, eben die Totengräber. Auch der intellektuelle Forscher wird am Ende des Geschichte als frisch verliebter Landwirt neu geboren. In der hochstehenden Übersetzung von Sabine Müller und Holger Fock ist das mit dem Prix Goncourt ausgezeichnete Enard-Opus eine gehaltvolle Sommerlektüre für Menschen, die Zeit, Lesegeduld und ein Feeling für Historie und Transzendentes haben. 

Eurotash - von Christian Kracht

Auf das Buch wurde ich aufmerksam, weil sein Autor Schweizer ist und ich von seinem 1995 erschienenen Debutroman «Faserland» immer wieder Wunderdinge gehört hatte. Allerdings habe ich diesen nie gelesen und auch die späteren Romane des renommierten und dem Vernehmen nach vielfach ausgezeichneten Journalisten-Wunderkinds Christian Kracht sind an mir vorbeigegangen. So fühlte ich mich verpflichtet, mir - wenn auch spät, so doch besser als nie - wenigstens seinen jüngsten Wurf «Eurotrash» vorzunehmen. Und wurde auf der ganzen Linie enttäuscht.

Während sich «Faserland» nach Ansicht der Kritik immerhin «mit der zeitgenössischen Konsumkultur, dem Niedergang der sogenannten harmonischen bürgerlichen Gesellschaft der Nachkriegszeit und individuellen und nationalen Identitätskrisen» auseinandergesetzt haben soll, folgen wir dem Autor und Ich-Erzähler in «Eurotrash» auf einer skurrilen Taxifahrt mit seiner alten Mutter von Zürich ins Berner Oberland nach Genf und – mit einem fiktiven Umweg nach Afrika – wieder zurück ins Alters- und Pflegeheim in Winterthur. Dabei haben die beiden einen Plastiksack mit Mamas Vermögen in der Höhe von Hunderttausenden Schweizer Franken dabei, die sie wahl- und grundlos an irgendwelche Menschen unterwegs – z.B. an zwei Asiatinnen an einer Seilbahn-Bergstation – verteilen wollen. Running Gag dieses ebenso wirren wie humorfreien Road Trips ist der künstliche Darmausgang der Mama und dessen widerwillige Bewirtschaftung durch ihren so pflichtschuldigen wie missgelaunten Sohn.

Das Buch hat 224 Seiten. Da ich es noch nie fertiggebracht habe, ein angefangenes Buch nicht fertig zu lesen, habe ich bis zur letzten Stomaleerung durchgehalten. Ich musste aber feststellen: Kracht versteh’ ich irgendwie nicht. Und werde mit «Faserland» gar nicht erst anfangen.

Ciao - von Johanna Adorjan

Wer sich im Mediengeschäft etwas auskennt oder sich dafür interessiert, wie es hinter dessen Kulissen zu- und hergeht, wird von diesem amüsanten Sommerromänchen bestens unterhalten. Die Journalistin und Schriftstellerin Johanna Adorján zeichnet auf 272 Seiten die Karikatur eines Kulturredaktors, der sich im Literatur-Ressort einer respektablen deutschen Qualitätszeitung die Reputation einer «Edelfeder» erworben hat. Die damit verbundenen Privilegien - von grosszügiger Interpretation von Spesenreglementen bis hin zu amourösen Avancen gegenüber Volontärinnen – nimmt er hemmungslos in Anspruch.

Eine solche Praktikantin, die seine Tochter sein könnte, schlägt ihrem Chef und Lover vor, das Porträt einer aktuell gehypten Influencerin zu schreiben. Er stimmt gönnerhaft, die Redaktionskonferenz eher skeptisch zu und nur unter der Bedingung, dass sich der alte weisse Mann bei dieser Annäherung an den Feminismus von der jungen Kollegin als Co-Autorin begleiten lässt. Nachdem ihn dann aber sein Interview-«Opfer» schmählich auflaufen und anschliessend vor ihren Followern am Internet-Pranger schmoren lässt, muss der Unglücksrabe die Autorschaft des Porträts gänzlich an seine nunmehr Ex-Geliebte abtreten. Und zu allem Elend organisiert die neue Chefin, die das dahinserbelnde Blatt vor dem Niedergang bewahren soll, die Kulturredaktion um und schickt deren selbstdeklarierten Star in die Verbannung der Online-Redaktion.

Adorján hat ein unterhaltsames und eigentlich nur leicht übertreibendes Sittengemälde einer vom online-Zeitgeist gebeutelten Redaktion und des aus der Zeit gefallenen Typs Macho-Journalist geschrieben. Nicht nur unterhaltsam, sondern vor diesem Hintergrund durchaus auch mit Erkenntnisgewinn darüber, wie die Medienlandschaft und gewisse ihrer Exponenten so ticken.    

Mädchen, Frau etc. - von Bernardine Evaristo

Lange – im Nachhinein muss ich sagen: zu lange – habe ich diesen Titel auf der Suche nach neuem Lesestoff überblättert. Erstens verhiessen die Rezensionen Einblicke einer Frau in die Frauenschicksale, was nicht a priori zu meinen bevorzugten Themenfeldern gehört. Und zweitens prangte auf dem Cover die rote Bauchbinde «Spiegel-Bestsellerliste» - ein Hinweis, der mich in letzter Zeit mehr als einmal in die Irre geführt hat (vgl. die Bücherchecks von «Krass» und «Miss Merkel»). Als ich schliesslich doch den «Download»-Knopf drückte und mich auf dieses Werk einliess, entpuppte es sich als das bisher lohnendste Lese-Erlebnis des Jahres.  

Die Schriftstellerin Bernardine Evaristo ist als dunkelhäutiges Kind einer englischen Grundschullehrerin und eines nigerianischen Schweissers in England aufgewachsen. Entsprechend authentisch  verknüpft sie nun die Porträts und Schicksale von farbigen «Mädchen, Frauen etc.» unterschiedlichen Alters und sexueller Ausrichtung mit Rückblenden und Entwicklungen rund um das dreifache Handicap «Frau», «nicht-weiss» und «sexuell nicht der Norm entsprechend» in verschiedenen Epochen, Kulturen und Ländern. Und das tut sie in einem wunderbar schnoddrigen Stil, der sich um gewohnte formale Vorgaben von Interpunktion, Satzstellungen oder Umbrüchen auf mitreissende Art und Weise hinwegsetzt.

So wird Evaristos erfrischend geschriebener und von Tanja Handels ebenso originell übersetzter 500-Seiten-Wälzer zum ungetrübten Lesevergnügen, das durch die gekonnte Verflechtung verschiedenster Handlungsstränge und Familiengeschichten zusätzlich immer wieder neu überrascht und begeistert. Darüber hinaus – das sei zum Schluss eingestanden -  - gibt er auch «alten weissen Männern» wie dem Checker einiges zu denken. Must read!

Jaffa Road. Von Daniel Speck

von Roger Thiriet

Dass der Gast-Checker seit Wochen keinen Blog-Beitrag geleistet hat, hat einen Grund. Dieser heisst «Jaffa Road» und ist ein Wälzer von 672 Seiten. Geschrieben hat ihn der deutsche Film- und Drehbuchautor Daniel Speck («Meine verrückte türkische Hochzeit»; «Maria, ihm schmeckt’s nicht»), der als Romancier bereits mit «Bella Germania» und «Piccola Sicilia» gepunktet haben soll. Das weiss ich dank Wikipedia; «Jaffa Road» ist das erste Buch von ihm, das mir eher zufällig unter die Lesebrille geraten ist.

Die Geschichte setzt Ende der 1940er Jahre ein, ist aber im Licht der jüngsten Auseinandersetzungen zwischen dem Staat Israel und der palästinensischen Hamas im Gazastreifen von ungebrochener Aktualität. Speck wagt sich an nichts Leichteres als den Konflikt zwischen Juden und Arabern im Nahen Osten, der mit dem Abzug der Engländer aus Palästina anno 1948 begonnen hat. Am Lebenslauf des deutschen Wehrmachtsfotografen Moritz/Maurice, der die erste Frau und ein Kind in Berlin zurücklässt, mit der Jüdin Yasmina an der Jaffa Road in Haifa eine Stieftochter aufzieht und schliesslich mit der palästinensischen Freiheitskämpferin Amal und ihrem Sohn eine dritte Familie hat, spiegelt der Autor gleichermassen die Schuld der deutschen Nationalsozialisten, die Leiden der Juden, die sich dadurch während und nach dem Krieg aus Europa vertrieben sahen und die der arabischen Bevölkerung, die von den jüdischen Einwandern aus dem entstehenden Zionistenstaat vertrieben wird.

Diese beklemmende Schilderung eines schwierigen Stücks Zeitgeschichte bettet Speck ein in das Zusammentreffen von zwei Kindern und einer Enkelin von Moritz/Maurice, die sich nach dessen Tod in seinem Haus in Palermo treffen und in Rückblenden ihre individuellen Schicksale und die ihrer Angehörigen Revue passieren lassen. Zu Beginn der Lektüre fordern einen Specks Zeitsprünge, die Drei-Ebenen-Geschichte und das zahlreiche Personal ziemlich (es empfiehlt sich, gelegentlich einen Blick auf das «Who is Who?» im Anhang zu werfen), aber dann schlägt einen diese gekonnte literarische Aufbereitung des Nahost-Konflikts von den Anfängen über das «Schwarzer September»-Attentat auf die Olympischen Spiele in München 1972 bis zum heutigen Tag  in seinen Bann.  

Miss Merkel: Mord in der Uckermark von David Safier

von Roger Thiriet

Das Wichtigste zuerst: Hüten Sie sich vor David Safier! Das ist nämlich nicht, wie ich in erst in fahrlässiger Nachlässigkeit angenommen habe, der zum Schreien komische US-Amerikaner David Sedaris, auf dessen Konto grossartiger Humor à la «Nackt», «Hundeleben» und «Schöner wird’s nicht» gehen. Safier ist vielmehr ein deutscher Radiomann und Autor, der mit seinen Drehbüchern zur TV-Serie «Berlin, Berlin» zwar den Grimme-Preis abgeholt, sich dann aber 2007 mit seinem Erstlingsroman «Mieses Karma» aus dem Stand für einen Spitzenplatz in der Kategorie «Verbrechen zwischen Buchdeckeln» qualifiziert hat.

Den Karma-Mist hatte ich zwar gelesen, aber offenbar so erfolgreich verdrängt, dass ich vergangene Woche zum zweiten Mal auf diesen Peach Weber der deutschen Trivialliteratur hineingefallen bin. Nicht nur das lustige Titelbild mit der Sherlock Holmes-Karikatur von Bald-Altbundeskanzlerin Angela Merkel und einem Mops hatte mich ein, sondern auch die Anspielung auf die legendäre Hobby-Detektivin Miss Marple im Titel und – last not least – die rote Bauchbinde mit dem Vermerk «Nr. 1 Spiegel-Bestsellerliste». Abgesehen davon wollte ich schon lange wissen, wo eigentlich diese im Titel erwähnte Uckermark liegt, was ich bei Google Maps allerdings wesentlich billiger hätte erfahren können als für die 20 Franken, die mich der Download dieses Machwerks gekostet hat.

Machen wir es kurz und ungnädig: In besagte Mark zieht sich die einst höchste Deutsche mit Mann Achim und Mops Putin in den Ruhestand zurück. Aber statt Mandate in gemeinnützigen Stiftungen zu bewirtschaften, wie sich das für abgehalfterte PolitikerInnen gehörte, stürzt sich die noch Rüstige Hals über Kopf in die Aufklärung eines Kriminalfalls. Dessen Übungsanlage ist allerdings so schwachsinnig wie sein Personal absurd und die Auflösung an sämtlichen Hundehaaren herbeigezogen. Und wer bei der Lektüre des jämmerlichen Plots zunehmend verzweifelt wenigstens auf etwas Wortwitz oder Situationskomik von einem Profi dieser Sparte hofft, geht,  ausser bei ein paar müden Bezügen auf das frühere Amt von Miss Merkel, auch leer aus.        

Fairer-, wenn auch mir unverständlicherweise soll dieser Verriss doch mit dem Hinweis enden, dass dieser völlig unlustige Möchtegern-Krimi auf dem Niveau eines gut gemeinten Schulaufsatzes seit seinem Erscheinen im März 2021 offenbar bereits in 6. (in Worten: sechster) Auflage erschienen ist.    

Über Menschen von Juli Zeh

Nachdem mich ich ihre Romane «Neujahr» und «Unterleuten» verschlungen hatte und mich auch des letzteren TV-Verfilmung vollauf begeistert hatte, war es keine Frage, dass ich das neueste Opus der deutschen Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh downloaden würde, umso mehr als die offensichtliche Parallelität der Titel Hoffnung auf eine Fortsetzung des Hochgenusses weckte. Leider wurde ich enttäuscht.

Wie in «Unterleuten» siedelt Zeh die Handlung wieder in einem deutschen Dorf an, und wieder dreht sich diese um stadtmüde «Besserwessis», die den Weg «retour à la nature» in der Provinz suchen. Und sich dann wundern, wenn die Einheimischen nicht so sind und sich nicht so verhalten, wie sie das von ihnen erwartet haben. Doch während Zeh Alteingessessene und Zugezogene in «Unterleuten» psychologisch treffend charakterisierte und die entstehenden Missverständnisse, Reibungen, Konflikte und deren Eskalation in beklemmender Dramatik tiefenscharf beschrieben hat, bleibt die Kopie seltsam flach in Personal und Plot.

Die Geschichte der frisch entlassenen Werbetexterin Dora, die der Grosstadt und der Beziehung entflieht und in einem Kaff irgendwo in der Brandenburger Pampa ihre Mitte finden will, ist eine Ansammlung von Klischees, die zum Setting passen wie die Faust aufs Auge. Wie wahrscheinlich ist denn, dass sich eine intellektuelle Emanze ihres Kalibers vom rassistischen Dorfnazi mit totschlägerischer Vergangenheit erst vergrämen lässt, ihm kurz darauf aber den Lead bei der Hausrenovation anvertraut, dann dessen halbwüchsige Tochter quasi adoptiert und schliesslich von jetzt auf gleich mit ihm im Bett landet?

Der Verdacht drängt sich auf, dass hier ein Verlag seiner Starautorin so lange mit der Bitte um einen neuen Beststeller in den Ohren gelegen hat, bis diese entnervt in die Tasten griff und eine Blaupause des «Unterleuten»-Erfolgs herunternudelte. Einen Punkt kann man ihr allenfalls geben:  Sie lässt ihre Geschichte im Covid-Sommer 2020 spielen und hat damit meines Wissens als erste in einem belletristischen Werk die Pandemie und die damit verbundenen Begleiterscheinungen thematisiert. 

Krass von Martin Mosebach

In der monatlichen Bücherbeilage der «NZZ am Sonntag» gibt es die Rubrik «Bücher, die Sie sich sparen können». Nun frage ich mich, weshalb dort der Roman «Krass» des deutschen Autors Martin Mosebach nicht längst gelistet worden ist. Ich hätte dann die Zeit, in der ich mich über die Ostertage durch das knapp 500-seitige Epos dieses mediokren Möchtegern-Thomas Manns quälte, anderweitig investieren können.

Zum Download des dreiteiligen Wälzers verführten mich im Gegenteil hymnische Kritiken auf den Literaturseiten deutscher Qualitätszeitungen, die allesamt die Beobachtungsgabe und die Sprachgewalt «des Manns mit dem Einstecktuch» lobten. Allesamt warnten sie davor, den manierierten, altmodischen Stil, der sich auch in der Orthographie niederschlägt («Sopha», «Telephon», «Bankerott») für das zu nehmen, was er meiner Meinung nach aber effektiv ist, nämlich sprachverliebten Schwulst.  

Die bizarre Story dreht sich um einen in dunkle Waffengeschäfte verstrickte und damit stinkreich gewordenen übergewichtigen Unsympath. Im ersten Romanteil hält dieser Ralph Krass auf einer Reise durch Süditalien eine Gesellschaft frei, die nichts anderes zu tun hat, als den spendablen, aber komplett asozialen Koloss zu bewundern. Zum Tross gehören auch eine dekorative Begleiterin namens Lidewine und Dr. Jüngel, Krassens Sekretär und Organisator des skurrilen Neapel-Trips. Letzterer füllt im zweiten Buchteil, ein paar Jahre später im französischen Exil, ein Tagebuch  mit den seelischen Schäden, die aus dem Engagement als Krassens «Jüngling für alles» davongetragen hat.  

Vollends absurd wird die sinnfreie Geschichte, als sich im dritten Teil die drei Hauptfiguren Krass, Lidewine und Jüngel, wiederum viele Jahre später, zufällig in Kairo wiederbegegnen. Jüngel und Lidewine finden dort endlich ins gleiche Bett (und verhelfen Mosebach mit diesem Akt nebenbei noch zu einem Platz in den Top Ten der schlechtesten Sex-Szenen der Literatur*). Krass hingegen, zu diesem Zeitpunkt völlig verarmt und auf der Strasse lebend, stirbt in einem Armenkrankenhaus in den Armen eines schmierigen ägyptischen Anwalts.  Mehr muss man von diesem Buch nicht wissen. Und wer es in der Hoffnung auf eine Bestätigung der Lobhudeleien in FAZ, Süddeutsche, ZEIT und Konsorten bis zum Ende liest wie ich, dem ist auch nicht zu helfen.  

*Moritz, Rainer: Wer hat den schlechtesten Sex? Eine literarische Stellensuche. Random House, München 2015

Tove Ditlevsen – Kindheit / Jugend / Abhängigkeit (Kopenhagen-Trilogie)

Tove Ditlevsen (1917 – 1976) ist es mit ihren biographischen Romanen «Kindheit», «Jugend» und «Abhängigkeit» im deutschen Sprachraum ergangen wie John Williams (1922 – 1994) mit seinem Porträt von «Stoner». Dessen berührendes Porträt eines frustrierten Universitäts-Professors aus den 1950er-Jahren wurde bei uns erst 2006 mit einer Neuausgabe zum Bestseller. Und die in ihrer Heimat hoch gehandelte dänische Autorin macht im deutschen Sprachraum erst jetzt Furore - dank der deutschen Übersetzung ihrer zwischen 1967 und 1971 entstandenen «Kopenhagen-Trilogie».   

In ihr beschreibt eine junge, in Kopenhagen aufgewachsene Frau ihre Kindheit und ihr Erwachsenwerden in prekären Verhältnissen, ihr Leiden am schwachen Vater und der unzufriedenen Mutter sowie in mehreren unglücklichen Ehen, ihre Sehnsucht nach einem Kind und ihre Versuche, dem Leben, dem sie allen Schwierigkeiten zum Trotz auch schöne Seiten abzugewinnen vermag. Eine davon ist die Literatur, die sie schon als Schulmädchen zum Verfassen von Gedichten führt, die früh auch publiziert werden und sie bald zur erfolgreichen Schriftstellerin werden lassen.

Auch wer mit der aktuell boomenden «Frauenliteratur» nichts am Hut hat, braucht keinen Bogen um die autobiografisch-fiktionale Prosa von Ditlevsen zu machen. «In diesen Erinnerungsbüchern» bilanzierte die «Süddeutsche Zeitung», «gibt es keine reflexive Metaebene und keine zur vertiefenden Interpretation einladenden intertextuellen Querverweise. Das Private ist natürlich politisch, wird aber weder so benannt noch so empfunden. Die Not einer jungen Frau, die ungewollt schwanger geworden ist, ist die Not einer jungen Frau, die ungewollt schwanger geworden ist und jetzt panisch nach einem Arzt sucht, der bereit ist, eine Abtreibung vorzunehmen. Punkt.»  

Dem ist nichts hinzuzufügen. Entsprechend leicht und spannend lesen sich die zusammengenommen 450 Seiten in der sensiblen Übersetzung von Ursel Allenstein.   

Primitivo von Pedro Lenz

In jungen Jahren habe ich auch schon mal das Shakespeare-Drama «Romeo und Julia» oder den Krimi-Klassiker «Spitzenhäubchen und Arsenik» ins Baseldeutsche übertragen. Seither weiss ich um die Gratwanderung zwischen Lesbarkeit von Dialekt-Texten und deren «korrekten» Schreibweise (die es zwar nicht gibt, ist doch «Mundart» zum Sprechen da und deshalb orthografietechnisch nicht verbindlich geregelt).

Pedro Lenz geht diesen Grat in seinen Büchern in Berndeutsch ohne auszurutschen. Insbesondere vermeidet der Langenthaler, der sich dank seiner spanischen Mutter bewusster mit seinem Schweizer Dialekt auseinandergesetzt hat als mancher Fasnachtszeedeldichter in sechster Basler Daig-Generation, die verbreiteste Sünde der Dialektschreiber, nämlich die Übernahme von schriftdeutschen Satzkonstruktionen nach dem Muster «Dr Hund, dä d’Mueter bisse hett …». So liest sich die Geschichte des spanischen Maurers, der bei einem banalen Baustellen-Unfall ums Leben kommt, auch für Nichtberner leicht und flüssig.

Formal nimmt die Story von Primitivo (keine Verwandtschaft mit der gleichnamigen Rebsorte) das Erfolgsrezept von «Dr Goalie bin ig» wieder auf. Wie in Lenz’ Erstling nimmt uns der aufgeweckte Maurerlehrling Charly mit ins Agglo-Ambiente eines Orts im Oberaargau und seiner Baustellen. Als Ich-Erzähler zeichnet er das berührende Porträt des lebensweisen spanischen Saisonniers Primitivo, der den jüngeren Kollegen unter seine Fittiche nimmt  und gleich zu Beginn des Romans bei einem Unfall stirbt.

Der selbstbewusste Charly mit seiner Passion für Bücher und Literatur hat nicht zufällig vieles mit seinem Schöpfer gemeinsam, hat doch Lenz selber in den 1980er Jahren eine Lehre als Maurer absolviert, was seinen Schilderungen des Baustellenalltags und den Charakteren grosse Authentizität verleiht.