Die Entflammten. Von Simone Meier.

Die 55-jährige Schweizerin Simone Meier ist nicht nur Buchautorin, sondern hauptberuflich Journalistin mit einer langen und ausgezeichneten Vergangenheit bei der WochenZeitung, dem Tagesanzeiger sowie seit dessen Start anno 2024 und bis heute Gesellschafts- und Kulturredaktorin beim Onlineportal Watson. Seit der Jahrtausendwende hat sie aber auch immer Bücher geschrieben und ist unter anderem mit «Fleisch», «Kuss» und «Reiz» in den Top mindestens Twenty der Sellerlisten gelandet.  

In ihrem neuesten Werk schreibt Meier zwei Familiengeschichten im Zeichen der Kunst. Die eine spielt um 1900 und stellt die junge Jo van Gogh-Bonger ins Zentrum, die soeben ihren Mann an die Syphilis verloren hat. Er war der Bruder von Vincent van Gogh, der sich kurz vorher erschossen hatte. Der jungen Frau bleiben neben Kind aus der Ehe mit Theo Hunderte von unverkauften Bildern ihres zu Lebzeiten völlig unbekannten Schwagers. Sie beschliesst, Vincent damit weltberühmt zu machen, was ihr bekanntlich gelungen ist.

Der zweite Handlungsstrang dreht sich in der Gegenwart um die Kunsthistorikerin Gina und ihren Vater. Dieser ist Schriftsteller und jagt erfolglos und zunehmend frustriert dem «One hit wonder» seines Erstlingsromans nach. An seiner Seite stösst Gina auf Jo van Goghs Geschichte und verfolgt zunehmend fasziniert das Schicksal der tatkräftigen Witwe und deren Wirken in einer Welt voller Kunst und Visionen. Wem beim Stichwort van Gogh nur «Abgeschnittenes Ohr» einfällt, taucht so mit Gina ein in die vielschichtige Familiensaga eines zu Lebzeiten verkannten und kranken Künstlers.

Der spannende Stoff hätte gut und gern als trockene theoretische Abhandlung daherkommen können, hat Simone Meier doch unter anderem auch Kunstgeschichte studiert. Dass er Stoff leicht und luftig verarbeitet wurde und sich entsprechend liest, ist das Verdienst der Autorin. Sie beherrscht nicht nur die Materie aus dem ff., sondern dank ihrem Brotberuf auch den Boulevard und seine Gesetze. So bildet die Lektüre der «Entflammten» also weiter und macht gleichzeitig viel Vergnügen

Postskriptum. Von Alain Claude Sulzer.

Eine Leidenschaft des Checkers: Einen Roman dort lesen, wo er spielt oder geschrieben wurde. In «Postskriptum» ist beides der Fall. Nicht nur ist sein Autor Alain Claude Sulzer häufiger Gast im Hotel «Waldhaus» in Sils Maria und hat grosse Teile des Romans im dortigen Zimmer 224 zu Papier gebracht; er lässt auch lange Passagen der Handlung im Engadiner Fünfsterne-Hotel spielen.

Die Geschichte dreht sich um den deutschen Schauspieler Lionel Kupfer und beginnt mit dem Unfalltod dessen grösseren Bruders, als beide noch Kinder waren. Seine Karriere, während der er immer wieder im «Waldhaus» Ferien macht, steht immer im Schatten dieses Verlusts, erreicht aber trotzdem einen Höhepunkt in den 1930-er Jahren. Bei einem Aufenthalt in Sils, wo er sich auf seine nächste grosse Rolle vorbereitet, kommt es zu einem homoerotischen Intermezzo mit einem Bewunderer, dem jungen Postbeamten Walter von der dortigen PTT-Filiale. Er ist es auch, der dem Idol die Nachricht überbringt, dass der Vertrag für dessen nächsten Film wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis aufgelöst worden sei.

In der Folge wandert Kupfer wie viele Kunst- und Kulturschaffenden seiner Zeit in die USA aus, wo ihm aber der Erfolg in seinem Metier verwehrt bleibt. Noch einmal kehrt er nach Europa und ins Engadin zurück, als ihm der italienische Starregisseur Visconti eine Rolle in einem Film anbietet. Kupfer soll sich selbst als erfolglosen, stellen- und rollensuchenden Künstler spielen. Was er tut, nur um später im Kino feststellen zu müssen, dass sein kurzer Auftritt der Schere des Maestro zum Opfer gefallen war.

Sulzer erzählt die Geschichte in der Manier des grossen Professionals. Er zeichnet sowohl die grossen zeitgeschichtlichen Zusammenhänge wie auch die persönlichen Lieb- und Leidenschaften der Protagonisten in seinem unverwechselbaren, zurückhaltenden Stil einer beobachtenden, kaum kommentierenden Aussensicht. Wer  «Ein perfekter Kellner» und «Doppelleben» https://www.buechercheck.com/2022/11/05/doppelleben-von-alain-claude-sulzer geliebt hat, wird dieses «Postskriptum» verschlingen. Auch wenn er dabei nicht in der Halle des «Waldhaus» sitzt ...

Können Sie mich sehen? Von Martin Suter.

«Never change a winning team» sagen die Briten, und auf dieses Erfolgsrezept setzt seit vielen Jahren auch der Schweizer Martin Suter in seinem literarischen Schaffen. Der ehemalige Starwerber schreibt «seit Jahren dasselbe Buch», wie es ein ungnädiger Kritiker kürzlich formuliert hat, nämlich süffige kleine Gesellschafts- («Small World») und Kriminalgeschichten («Allmen»).   Und nun rezykliert er auch das Kolumnenformat, das die Mutation des ehemaligen Starwerbers (Stalder & Suter) zum Schriftsteller massgeblich befördert hat. In seinem neuen Buch erleben seine Leserinnen und Leser die Auferstehung der Kultkolumne «Business Class – Geschichten aus der Welt des Managements», die Suter von 1992 – 2004 für die «Weltwoche» verfasst hat.

Und nichts anderes als Streiflichter auf die Geschäftswelt und deren Protagonisten sind auch die Short Stories, die der heute 78-Jährige mit Wohnsitzen in Zürich und Marrakesch unter dem Titel «Können Sie mich sehen?» zusammengefasst hat. Die Geschichten verstehen nicht nur Angehörige von mittleren und oberen Unternehmenskadern, denn Suters Rezept ist dasselbe wie früher: Er glossiert menschliche und allzu menschliche Anwandlungen, die auch Nadelstreifenträger und ihre weiblichen Pendants nicht verschonen. Sie werden von einem intimen Kenner der Businesswelt liebevoll aufs Korn genommen, mit Sinn fürs Detail beschrieben, mit feiner Ironie und einer Portion Sarkasmus gewürzt schmückt und schliesslich von einer – oft überraschenden – Pointe gekrönt.

Suter, sagen viele, ist Geschmackssache. Es ist meiner Ansicht nach aber ein guter Geschmack, der seine Bücher prägt wie auch diese Short Stories mit jener Art von diskretem Stil, den der Autor im Alltag als unverzichtbar empfindet und pflegt. Wer’s mag und versteht, braucht deshalb meine Leseempfehlung nicht, weil er sich das Buch längst schon heruntergeladen oder gekauft hat.

Die Dinge beim Namen. Von Rebekka Salm.

Eine Baselbieterin aus Olten, die als Erwachsenenbildnerin und Texterin im Migrationsbereich gearbeitet hat, hat ein Buch geschrieben, das man unbedingt lesen soll? Wer so fragt, hat verpasst, dass Radio und TV SRF den Roman «Die Dinge beim Namen» von Rebekka Salm schon 2022 als «bestes Frühjahrsdebüt» gelistet haben. Auch ich habe ihn erst jetzt von einer begeisterten Nachbarin zugespielt bekommen und muss mir eingestehen: Lesebildungslücke!

Schauplatz der Geschichte ist ein mittelgrosses, typisches Schweizer Dorf, in dem sich über alle Generationen hinweg alle kennen. Viele aus dem Musikverein, an dessen Jahreskonzert das Präludium spielt. Der notorische Frauenheld unter der Schuljugend nötigt die gleichaltrige Dorfschöne zu einem sexuellen Abenteuer im Schatten der Mehrzweckhalle, das von zwei versteckten Zeugen beobachtet wird. Einer von ihnen bringt viele Jahre später die Geschehnisse jenes Abends und ihre Auswirkungen auf das Dorfleben und seine Protagonisten zu Papier und will sie zur Veröffentlichung an einen Verlag schicken. Weil in diesen Enthüllungen kaum ein Dörfler ungeschoren davonkommt, wird das Couvert mit dem Manuskript von der misstrauischen Posthalterin abgefangen und der Schreiber von seinen eigenen Stammtisch- und Musikkollegen mittels Prügel vor weiteren Indiskretionen gewarnt.  

Salm porträtiert jeden und jede der involvierten Personen und ihre Verwicklungen in den eingangs geschilderten Vorfall mit lakonischer Schonungslosigkeit. Wer sich im Beziehungsgeflecht in einer derartigen Dorfgemeinschaft auskennt, jubelt innerlich angesichts der träfen Charakterstudien, die der Autorin in «Die Dinge beim Namen» - wohl auch aus eigener Erfahrung im Baselbieter Heimatdorf - gelungen sind. Auf den allerletzten Seiten erweist sie sich zudem noch als veritables Krimitalent, das die Sexszene am Musikfest auf völlig unerwartete Weise auflöst.

Grossartige Lektüre – auch vier Jahre nach dem Erscheinen!

Wenn die Kraniche nach Süden ziehen. Von Liza Ridzén.

Eine Triggerwarnung vorab: Einsame alte Menschen, die ausser ihrem Hund nichts mehr wirklich am Leben hält, sollten dieses Buch besser nicht lesen. Auch wer ungern mit negativen Folgen des Alterns -  Nachlassen von Kopf und Körper, Pflegebedürftigkeit, Vereinsamung – konfrontiert wird, soll von dieser Lektüre absehen. Allen anderen aber kann ich den Erstling von Liza Ridzén vorbehaltlos empfehlen. Er hat mich – nicht nur als Hundebesitzer – stellenweise zu Tränen gerührt.

«Wenn die Kraniche nach Süden ziehen» ist eine wohltuend sachliche und empathische Auseinandersetzung mit dem Altern. Die 38-jährige schwedische Autorin hat ihren Grossvater in seinen letzten Lebensmonaten begleitet und seine Notizen aus dieser Zeit in einen Roman gegossen. Der 89-Jährige erinnert sich darin an seine Frau, mit der er sechzig Jahre lang Freud und Leid geteilt hat und die nun mit Demenz im Pflegeheim lebt. Er schildert die Besuche seines Sohns und dessen Tochter und die täglichen Begegnungen mit dem Pflegedienst. Dessen lakonische Rapporte spiegeln den Monolog des Alten, in dem er sich neben den Beschwerden und Frustrationen der Gegenwart auch mit seinem langen Leben als Mann, Familienvater und Stahlwerkarbeiter auseinandersetzt.  

Bos zunehmende Apathie wird ein letztes Mal vom Widerstand gegen seinen Sohn unterbrochen, der seine geliebte Schlafstätte auf der hölzernen Küchenbank durch ein modernes höhenverstellbares Pflegebett ersetzt und ihm seinen treuen Hund Sixten wegnimmt, weil er beim Gassigehen mit ihm gestürzt ist. In diese bittere Vater-/Sohn-Auseinandersetzung fliessen dann auch Erkenntnisse der Erforschung von «ländlichen Männlichkeitsnormen in Gemeinden des schwedischen Nordens» ein, die Liza Rizdén als Wissenschafterin betreibt.

Als dann Bos letzter verbliebene Freund stirbt, ist auch der Alte zum Gehen bereit. Selten habe ich eine berührendere Schilderung eines Sterbens gelesen wie diese aus der Perspektive des Sterbenden selber. Und als ihm die Lieblingspflegerin in seinen letzten Minuten noch einmal den geliebten Hund an die Seite legt .... siehe oben.

Vielleicht ist die Liebe so. Von Katja Früh.

Mehr als einmal schon musste ich einen Büchercheck mit dem Hinweis garnieren, dass der Autor oder die Autorin zwar Kolumnen kann, am Roman aber gescheitert ist. Auf die erfolgreiche Schweizer Drehbuchautorin und «Magazin»-Kolumnistin Katja Früh trifft dies in keiner Weise zu, im Gegenteil. Ihrem Erstling «Vielleicht ist die Liebe so» merkt man an, dass hier jemand sein Hand- resp. Schreibwerk von der Pike auf gelernt hat. Und nun hat sich die Allrounderin als reife Ü70-erin noch den verbreiteten Journalistentraum vom eigenen Buch erfüllt.  

Disclaimer: Ich kenne Katja Früh persönlich und um die Jahrtausendwende haben wir parallel Drehbücher fürs Fernsehen verfasst, sie für «Lüthi & Blanc), ich für «Café Bâle». Deshalb bin ich einerseits befangen und weiss andererseits, dass ihr Plot viele autobiografische Elemente enthält. Im Mittelpunkt der Handlung steht eine Mutter, die ihre Tochter eines Tages mit dem Entscheid konfrontiert, mithilfe einer Sterbehilfeorganisation selbstbestimmt aus dem Leben scheiden zu wollen. Obwohl das Verhältnis der beiden zueinander ein Leben lang problematisch war, versucht die Tochter sie von diesem Vorhaben abzuhalten. Aber die eigensinnige Mama setzt ihre Vorbereitungen unbeirrt fort und organisiert unbeirrbar auch Details wie die belegten Brötchen für den Sterbebegleiter.

Früh schildert die Irrungen und Wirrungen, in welche das mütterliche Vorhaben diese Anja stürzen, mit lakonischer Komik. «Der Termin» überschattet wochenlang ihren Alltag, und ihr übertragene Aufgaben wie das Einschläfern des mütterlichen Hundes bereiten ihr schlaflose Nächte. Hilfe sucht sie bei ihrem Partner, der sie zwar längst verlassen hat und mit seinen eigenen «Chnörzen» als kleingehaltener Drehbuchschreiber fürs Schweizer Fernsehen (viel Autobiografisches auch hier!) genug zu tun hat sowie den Freunden und Gästen der Bar, in der sie arbeitet. Wie sie trotz deren Unterstützung auf dem Weg zu Mutters schliesslich vollendetem Abgang von einer Panne ins nächste Fettnäpfchen stolpert, ist beste und kurzweilige Unterhaltung. Uneingeschränkte Leseempfehlung!

Neu York. Von Francis Spufford.

Zum Zeitpunkt der Niederschrift dieses Checks im November 2025 hat New York mit Zohran Mamdani gerade einen neuen Bürgermeister gewählt und der überraschende Wahlausgang rückte die Megapolis wieder einmal in den Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit. Da ist der Gedanke reizvoll, die Uhr zurückzudrehen in eine Zeit, als «The Big Apple» noch eine verschlafene Kleinstadt war – vor ein paar Jahren von den Briten erobert, aber immer noch sehr holländisch. In diesem Jahr 1746 sprechen die Einwohner jedenfalls Englisch noch mit schwerem niederländischen Akzent, und der Broadway hiess noch immer «De Breede Weg» ...

Hier nun steigt eines garstigen Regentags ein Brite namens Smith aus einem aus London kommenden Schiff. Der junge Mann trägt den Wechsel einer Londoner Bank über eine sehr grosse Summe bei sich und findet so rasch Zugang zur guten Gesellschaft, die über die Herkunft und Absichten des Neuankömmlings lange Zeit rätselt und dennoch im Ungewissen bleibt. Die Bekanntheit des Fremden hat aber auch negative Seiten. Eines Nachts wird er überfallen und ausgeraubt und landet, bar jeglicher Mittel, vorübergehend im Gefängnis. Des erlittenen Ungemachs nicht genug, wird auch noch seine Affäre mit der Gattin eines ranghohen Offiziers publik und der gehörnte Ehemann und zudem beste Freund des Verführers seiner Frau fordert ihn zum Duell.

Doch ehe es zum Äussersten kommt, nimmt das Schicksal des mysteriösen Fremden eine weitere erstaunliche Wendung. Seine wahre Identität wird offengelegt, seine gesellschaftliche Rehabilitation lässt nicht auf sich warten und als Schlusspointe des wunderbaren Romans erschliesst sich auch der edle Zweck und die lautere Absicht von Smiths Mission in Neu-York, die an dieser Stelle nicht verraten werden soll.

Wer gerne süffig erzählte historische Stoffe mit einem Hauch Gesellschaftskritik und etwas Krimi-Appeal liest, sollte sich diesen Rückblick auf «Neu York» nicht entgehen lassen.

Wenn die Sonne untergeht. Von Florian Illies.

Zum Thomas-Mann-Jahr 2025 ist eine Flut von Publikationen erschienen; eine der heiteren Sorte über die Familie des «Buddenbrooks»-Autors hat Florian Illies beigesteuert. Der deutsche Historiker und Schriftsteller («1913») erzählt in «Wenn die Sonne untergeht» den Anfang der Exilgeschichte der Familie Mann im Schicksalsjahr 1933.

Eigentlich wollten Mann und seine Frau Katia damals Deutschland lediglich zu einer längeren Vortragsreise verlassen und dann in Arosa drei Wochen Ferien machen. Während dieser Zeit spitzte sich die Situation in Hitlerdeutschland jedoch derart zu, dass das Paar nicht mehr in die Heimat zurückkehren konnte. In der ersten Station seines Exils landete es schliesslich mit den beiden jüngsten Kindern in Südfrankreich, wo im Verlauf des Sommers auch die älteren Klaus, Erika, Golo und Monika auf ihren eigenen Fluchtrouten gelegentlich vorbeikommen. Zusammen mit anderen vor der Naziherrschaft geflüchteten deutschen Kulturschaffenden von Arnold Zweig bis Lion Feuchtwanger verbringt so eine deutsche Exilantencommunity in Sanary-sur-Mer einen in jeder Hinsicht heissen Sommer. Alle gehen mit dem Verlust der Heimat und dem gewohnten Lebens- und Kulturkreis anders um, und fast alle vertrauen ihre Gefühle einem Tagebuch an.

Illies hat offensichtlich Einblick in diese teilweise höchst intimen Quellen gehabt. Diese Informationen führt der Autor in einer süffigen Mischung von Tatsachenbericht und Roman in der spannenden und über weite Strecken amüsanten Schilderung einer Sommeridylle mit der dystopischen politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Deutschland und Europa zusammen. Dabei liegt der Fokus auf den Notizen des durch die Vertreibung zutiefst getroffenen Dichterfürsten und dessen problematischer Beziehung zu fast allen seinen Kindern in dieser existentiellen Situation. Wer sich auch nur am Rand für die damalige Befindlichkeit des heute Gefeierten und dessen Gang ins Exil interessiert, sollte dieses Buch geniessen. Ich habe auf angenehm leichtfüssige und unterhaltende Weise viel über die Familie Mann und andere exilierte deutsche Kulturgrössen (auch Bert Brecht kam vorbei ...) erfahren. Warme Leseempfehlung!

Die Holländerinnen. Von Dorothee Elmiger.

Wenn ich diesen Check ins Netz stelle, ist der Schweizer Buchpreis 2025 noch nicht vergeben. Nominiert dafür ist unter anderen die vierzigjährige Dorothee Elmiger aus ursprünglich Wetzikon ZH, die heuer schon das deutsche Preispendant von Frankfurt mit nach Hause genommen hat. Obwohl an solchen Höhenflügen oft das Geschmäckle eines Hypes in Kritikerkreisen haftet, habe ich «Die Holländerinnen» gekauft und gelesen. Und war schon nach ein paar Seiten überzeugt, dass die deutsche Jury richtig entschieden hat und auch die Schweizer wohl nicht um eine Prämierung herumkommen.

Elmiger nimmt uns auf 160 kompakten Seiten mit auf eine beschwerliche Expedition in den panamaischen Dschungel. Ein Regisseur mit exzentrischem Charisma (Ähnlichkeiten mit Christoph Schlingensief, Werner Herzog und Milo Rau sind sicherlich nicht zufällig)  macht sich mit einer Handvoll ihm ergebener Theatermenschen auf die Spuren der titelgebenden Holländerinnen. Die beiden Frauen sind – verbürgtermassen; der Fall ist dokumentiert - 2014 beim Wandern in diesem Gebiet verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Das einzige Orientierungsmittel auf der Suche nach ihnen sind rätselhafte Nachtbilder auf einem gefundenen Smartphone, mit dem das Trüppchen nun in zunehmend misslichen Wetterverhältnissen durch den Urwald irrt.

Eine Expedition unter solch - auch meteorologisch - widrigen Umständen schweisst Teilnehmer zusammen oder bringt sie auseinander. Elmiger nützt diese Binsenwahrheit für «Binnengeschichten», in denen sie packend die Beziehungen und Interaktionen zwischen den Gefolgsleuten schildert. Dabei verzichtet sie gänzlich auf die Dramatik, die dem geschilderten Geschehen angemessen wäre. Diesen lakonischen Stil führt sie mit einem interessanten Konstrukt herbei. Das ganze Buch gibt nämlich in indirekter Rede und im Stil eines Protokolls den Vortrag einer mitgereisten Schriftstellerin vor grossem Publikum wider. Einfacher Kniff, grossartige Wirkung, so grossartig wie das ganze Werk. Für einmal eine Buchpreisnomination, die mich voll überzeugt hat. Vorbehaltlose Leseempfehlung!

No Way Home. Von T.C. Boyle.

Die Literaturkritik ist mit dem neuen Roman des 77-jährigen US-Schriftstellers T.C. Boyle wenig gnädig umgesprungen. Nach den ersten fünfzig Seiten, urteilte einer ihrer Titanen, wisse man alles über Plot und Charaktere; die restlichen 330 könne man sich sparen.

Tatsächlich ahnt man schon am Anfang, worauf die Dreiecksbeziehung zwischen einem gestressten Assistenzarzt aus Los Angeles, dessen übergriffiger weiblicher Zufallsbekanntschaft und deren eifersüchtigem Ex-Mann hinausläuft. Single Terry, der nach dem Tod seiner Mutter in ein Wüstenkaff in Nevada fährt, um sich um deren Haushalt und Hund zu kümmern, gabelt dort in einer Bar die attraktive Bethany auf, die soeben von ihrem Ex-Mann Jesse aus der gemeinsamen Wohnung geschmissen worden ist. Aus dem kurzzeitigen Asyl, das der Sturzverliebte seiner Verführerin nach gerade mal einer Nacht im Haus der Mama anbietet, wird ein Dauerzustand. Die Frau zieht nicht nur nicht mehr aus, sondern vermietet eigenmächtig ein Zimmer an eine ebenfalls gestrandete Freundin und empfängt, während der Hausbesitzer in L. A. Extraschichten in der Notfallstation schiebt, ihren früheren Gatten und seine zweifelhaften Freunde zu drogengeschwängerten Partys mit anschliessendem Nachtlager für alle.

Terry, dem dieses Treiben dank einer intriganten Nachbarin nicht verborgen bleibt, muss dann regelmässig vier Stunden Autofahrt hinter sich bringen, um vor Ort zum Rechten zu sehen. Jedes Mal will er die Hausbesetzerin rauschschmeissen, doch jedes Mal bringt die Sirene den angeblich einzig Geliebten im Bett wieder auf andere Gedanken. Parallel dazu wird dieser von Jesse, der seine Frau um jeden Preis zurückgewinnen will, in einen Krieg «Mann gegen Mann» verwickelt, der auch vor massiven Körperverletzungen mit Hund, Fäusten, Motorrad und Auto nicht zurückschreckt. Die Kritikerin der Neuen Zürcher Zeitung findet «viel Rost in dieser Routine; es fehlt das Aussergewöhnlich in der völlig humorbefreiten Konstellation».

Trotz dieser Einschränkung und der totalen Überraschungsfreiheit des Plots habe ich den Roman fertig gelesen, und das nicht einmal ungern. Denn die schnoddrig-lakonische Sprache (und ihrer Übersetzung ins Deutsche), welcher sich die drei Hauptfiguren auch in den unerfreulichsten Situationen bedienen, hat mir doch manches Lächeln abgenötigt.