Kilometer 123 von Andrea Camilleri

Andrea Camilleri ist 2019 im Alter von 93 Jahren gestorben. Seine über 100 verfasste Bücher sind seine Hinterlassenschaft. Bekannt wurde er durch seine Kriminalromane mit dem Dorfpolizisten Montalbano, der Dutzende von Fällen in seiner unvergleichlichen Art gelöst hat.

«Kilometer 123» kommt ohne Montalbano aus. Es gilt als Camilleris letztes Buch. Viele seiner Bücher warten noch auf die Übersetzung, sodass wir noch länger Neuerscheinungen von Andrea Camilleri erwarten dürfen.

Das vorliegende Buch ist sehr speziell. Erstens ist es im für Camilleri typischen Stil geschrieben. Normalerweise verfasst der Autor seitenlang (aber nicht seitenlange) Dialoge, die nur dann mit Beschreibung der Umgebung oder der Situation angereichert werden, wenn diese auch wirklich nötig sind. Ausnahmen sind da die privaten Momente von Montalbano, wenn er z.B. in seinem Lieblingsrestaurant Unmengen von Fisch und Pasta vertilgt, um dann ein paar Schritte dem Strand entlang zu seinem Felsen und seinem Freund – einem Krebs – macht. Im vorliegenden Buch aber, geht er noch einen Schritt weiter: Das ganze Buch – die ganze Geschichte - ist in Dialogform verfasst, sodass man sich konzentrieren muss um heraus zu finden, wer hier mit wem spricht oder kommuniziert. Aber das gibt der Geschichte eine Grundspannung, die zwar herrlich ist, aber von der Leserschaft ein Mitdenken verlangt.

Zweitens bestehen die Dialoge in ganzen Kapiteln nur aus sms (oder Whatsap)-Nachrichten, die hin- und her geschickt werden. Es braucht schon sehr viel Geschick des Autors, die Geschichte nur mittels «eingehenden Nachrichten» weiter zu bringen. Der Leser/Die Leserin wird automatisch zum Voyeur, was eine spezielle Wirkung auf die Geschichte zur Folge hat.
Letztlich geht es – wie so oft in Italien – um Eifersucht mit ein paar Seitenbaustellen. Am Ende des Werkes wird man alles verstehen und die Geschichte ist wahrhaftig spannend und letztlich gut lesbar.

Wenn Sie sich für dieses Buch entschliessen, kaufen Sie bitte noch ein zweites. Denn Sie werden in wenigen Stunden oder Tagen damit durch sein. Ein schönes, kompaktes Krimibuch von einem wahrhaftig grossartigen Andrea Camilleri.

Der Sommer, in dem Einstein verschwand von Marie Hermanson

Aber dennoch: Ab und zu – und zugegeben immer öfters – kaufe ich ein Buch, welches klar irgendwann in der Vergangenheit handelt. Das vorliegende Buch von Marie Hermanson (bisher ist mir dieser Name entgangen) ist dann ein solcher. Schon der Titel, dessen Länge klug gewählt ist und an die Romane mit dem Hundertjährigen erinnern, zeigt an, dass der Roman in den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts stattfindet. Und in der Tat: Die – wahre – Begebenheit, dass Albert Einstein zwei Tage zu spät in Göteborg zu der Vorlesung für seinen Nobelpreis erschien, hat die Autorin inspiriert und sie hat eine wunderbare Geschichte erfunden. Die Geschichte spielt in Göteborg rund um die Ausstellung zum dreihundertjährigen Bestehen der Stadt. Wir bewegen uns in jener Zeit und sind Zeuge davon, wie man dort gelebt hat. Das ist immer spannend und kann gut oder schlecht erzählt werden. Marie Hermanson macht das sehr gut und man würde gerne noch ein bisschen in dieser Zeit verweilen.

Das Buch ist in klare Kapitel unterteilt, welche jeweils nur den Namen des im Kapitel vorkommenden Protagonisten und das dann aktuelle Datum trägt. Das führt dazu, dass man sich gut zurecht findet bei den Handlungssträngen und man – theoretisch – auch ein paar Kapitel auslassen könnte, um im aktuellen Handlungsstrang weiter zu fahren. Das tut man natürlich nicht und das ist auch gut so. Aber es ist immer so, wenn die Kapitel die Namen jener tragen, um die es darin geht: Das Leser/innenhirn schaltet dann innert sehr kurzer Frist um und man ist sofort im entsprechenden Handlungsstrang angekommen.

Wir werden in diesem Buch in die «goldenen Zwanziger» entsandt und erleben diese unter anderen aus der Sicht von Blendern, armen Jungen und einer kleinen, frechen Journalistin und sogar einer Person aus dem Jahr 2002.  Es macht Spass zu lesen, wie diese Geschichten alle zusammenhängen und sich oft haarscharf verpassen oder sogar miteinander stattfinden. Ich hätte sehr gerne das Zimmer der Autorin Hermanson gesehen, als dieses Buch entstanden ist: Da muss irgendwo ein Flipchart mit ein paar dicken Pfeilen gehangen haben. Denn zum Schreiben ist dieses Buch wohl Schwerstarbeit. Zum Lesen ist es aber herrlich leicht und lehrreich: Man lernt – so nebenbei – Albert Einstein und seine Macken kennen (was aber – so die Autorin im Dankesteil des Buches – ein Produkt ihrer Fantasie ist). Man spürt – insbesondere durch die Figur der jungen Journalistin – was in dieser Zeit wichtig und was weniger wichtig für die Menschen war.

Tolles Buch.

Geheime Quellen von Donna Leon

Ich gehe jetzt mal davon aus, dass Sie diesen Artikel lesen, weil Sie noch nie einen Donna-Leon-Kriminalroman mit Commissario Brunetti gelesen haben. Weil sonst bräuchten Sie keine «weiteren Informationen».

Falls es wirklich ihr erster «Commissario Brunetti»-Roman ist, dann fragen Sie die Buchhändlerin, ob Sie auch den ersten Band der Reihe vorrätig hat. Und dann kaufen Sie den und schön langsam alle andern auch, bis Sie zum Band «Commissarion Brunettis neunundzwanzigster Fall» kommen. Die Brunetti-Reihe hat Suchtpotential! Einige der Romane wurden auch verfilmt. Das ist zwar immer ein Vor- und Nachteil. Weil – sobald Sie den Film-Brunetti kennen – ihnen der bei der Lektüre der Bücher immer vor Augen ist. Und dann können Sie nur hoffen, dass Sie den Schauspieler mögen…

Die Brunetti-Reihe ist eine Meisterleistung der amerikanischen, in Venedig lebenden Autorin Donna Leon. Die Verbrechen, die in den Büchern stattfinden, stehen immer im Zusammenhang mit einer üblen Machenschaft in der Lagunenstatt. Selten oder nie wird aus reiner Eifersucht gemordet. Die Verbrechen geschehen meistens wegen irgendwelchen korrupten Geschäfte aus der venezianischen Gesellschaft.

Wer die Brunetti-Romane regelmässig liest, erlebt die Verwandlung der italienischen Stadt von einer charmanten und aktiven Stadt bis hin zum touristisch überfüllten Moloch. Man erlebt den Zwist der Venezianer: sie möchten mit den Touristen Geld verdienen, wenn sie aber da sind, dann sind sie lästig. Und es sind zu viele. In den Romanen begegnet man Korruption und Verbrechen, die alltäglich scheinen. Man lernt das Gesellschaftsleben im reichen Venedig kennen und man erfährt viel über die armen Bevölkerungsschichten der Lagunen-Stadt. Im ersten Band erlebt man das Leben in der Stadt bei «Hochwasser». Nur einer glaubt unbeirrt an das Gute in der Stadt: Brunetti mit seiner Frau Paola und den Kindern, deren Wachstum man vom Schüler bzw. von der Schülerin bis hin zum Studentenleben mitmacht. Die beiden werden älter, reifer und plötzlich hat es der gute Brunetti zu Hause mit eigenen Meinungen zu tun.

In der Zwischenzeit gibt es ein Brunetti-Reiseführer (er führt durch die Orte seiner Ermittlungen). Kleiden Sie sich gut, denn bei jedem Buch machen Sie eine virtuelle, gedankliche Reise nach Venedig. Donna Leon beschreibt ihre Lieblingsstadt mit einer grossartigen Akribie und man ist dabei, wenn Brunetti in eine Bar geht um dort seinen «Café» zu trinken.

Also. Den oben beschrieben Roman können Sie mit guten Gewissen kaufen. Er handelt von der Trinkwasserwirtschaft in Venedig und Sie lernen lesend viel über diesen Geschäftszweig. Und sie hoffen – wie bei allen Donna Leon Romanen – dass das alles der Fantasie der Autorin entsprungen ist. Aber sicher werden Sie sich nicht sein…

Das Gesetz der Unerbittlichen von Anne Gold

Das Buch ist das zweite von Anne Golds neuer Serie «Der Christ-Clan». Was muss man wissen: Anne Gold (ein Pseudonym eines Autorenduos w/m) hat bisher Basler Lokalkrimis geschrieben und dabei Kommissär Ferrari und seine Nadine in Szene gesetzt. Dabei hatte sie sich eine für Basler Verhältnisse riesige Fangemeinde erschaffen (meine Nachbarin löscht das Licht in der Nacht nach der Neuerscheinung nicht! Das Buch muss verschlungen sein!). Die beiden lösten die Fälle in Basel mit viel Humor und Authenzität, man verliebte sich in Nadine und mit Ferrari war man bald Kumpel. Die Krimis spielten in Basel und nahmen sich alles vor, was die Stadt bewegt: Die Kunstszene, die Politik, die Immobilienhändler etc.
Unerklärliche Gedankengänge der «Autorin» führten dazu, dass sie diese Erfolgsstory verlassen hat und sich nun mit einem Plot um einen «Clan» beschäftigt. Mal abgesehen, dass man in Basel keine Clans kennt (und wenn, sind es sicher keine Basler…), sondern eher «Familien», kommt die ganze Sache, nach meinem Gusto, etwas konstruiert daher. Zugegeben: In jeder Familie gibt es «Ausreisser», solche die nicht ganz «normal» sind oder abseits der Regel stehen. Aber dieser «Christ-Clan» ist eine Ansammlung von derart verschiedenen Individuen, dass man sich schwer vorstellen kann, dass sie alle aus einer «Quelle» kommen. Keiner der Parteien ist «normal». Es sind alle sehr besonders. Der Politiker mit viel Macht und einem guten Herz, seine Kinder – jedes mit irgend einer wahnsinnigen Geschichte. Und eine Kommissarin (natürlich bestens bekannt mit Ferrari aus den Vorläufer-Bücher), die praktischerweise alles untersucht, was nicht ganz normal daher kommt. Kurz: Für mein Empfinden etwas zu viel des Guten.


Aber: Wahrscheinlich verkauft sich das Buch gut. Es kommt ja von Anne Gold. Ob sich der Christ-Clan an die Erfolgsstory von Ferrari anschliesst, bleibt abzuwarten. Es ist ein leicht verständliches und leicht lesbares Buch, wenn man sich dann mal an den sehr eigenwilligen Schreibstil von Anne Gold gewöhnt hat: Sie wechselt ohne Punkt und Komma von der Beschreibung eines Protagonisten in seine indirekte Rede bzw. Gedanken und zurück. In einem Schreibseminar wäre das ein klarer Kritikpunkt. Zudem finden sich in diesem Buch seitenlange Dialoge, die sich lesen wie ein Drehbuch für einen Film. Beschreibungen von Ort und Zeit oder Stimmung und Aura kommen bei Anne Gold nicht an erster Stelle. Das macht eine Story schnell und zeitweise spannend (stellvertretend für diesen Stil liest man die drei letzten Zeilen des Buches: In drei Sätzen, die so wahrscheinlich nie ausgesprochen würden, wird die längst fällige Liebesszene zwischen zwei Protagonist/innen abgehandelt – Möchtest Du nach Hause? – Willst Du das, Markus? – Nein, ich geniesse jede Sekunde mit Dir! Klappe, Vorhang, Fertig.


Ich lese die Anne Gold-Bücher gerne. Aber ich wünsche mir Ferrari zurück. Schliesslich gibt es 75 Maigret-Fälle. Dann werden sich doch noch ein paar für Ferrari finden lassen.