
Mittlerweile hat sich ja in interessierten und informierten Kreisen herumgesprochen, wie der neue Berufsstand der «Influencer:innen» arbeitet und wie diese ihr Geld verdienen. Die Mittdreissigerin Caro Claire Burke, gemäss Verlagsmitteilung Redakteurin, Autorin und Podcasterin ist in den USA offenbar eine solche Internetpersönlichkeit, die mit der deutschen Übersetzung ihres Debutromans «Yesteryear» im Sommer 2026 die Beststellerlisten stürmt.
Burke widmet sich dem Gegenstand, von dem sie am meisten versteht: Dem Influencing. Ihre Heldin Natalie Heller Mills macht aus der Not, irrtümlicherweise einen lebensuntüchtigen Schnösel aus reichstem US-Politikerhaus geheiratet zu haben, eine Tugend. Sie inszeniert ihr Leben und ihre Familie auf der von ihrem Mann im Vorbeigehen gekauften Bauernhof als Idylle in den sozialen Medien und registriert mit Erstaunen, wie die Zahl ihrer Follower explodiert. Mit sicherem Instinkt professionalisiert Natalie daraufhin ihr Leben als traditionelle Hausfrau. Bald besteht der schwierigste Teil ihrer Arbeit darin, den Fans die aufwändige technische Infrastruktur und den auf zwei nachlässigen Nannys, eine intrigante Produzentin und jede Menge illegaler und mit illegalem Gift ihre «Bio»-Produktion pflegenden mexikanischer Gastarbeiter angewachsenen Staff vorzuenthalten. Allein dieser Blick hinter die verlogene Kulisse macht die Lektüre zu einem grossen Spass.
Selbiger vergeht der geschäftstüchtigen Frau allerdings, als sie eines Morgens nach einem nicht näher erklärten Zeitsprung zu Beginn des 18. Jahrhunderts erwacht. Die Farm ist zwar die gleiche, ihr Mann ist es auch, aber mit dem nächsten Kind schwanger ist sie nicht mehr und überhaupt ist die Familienzusammensetzung eine andere geworden. Grossartig die Schilderung, wie Nathalie anfangs an eine Entführung glaubt, dann auf das Komplott einer Trash-TV-Produktion hofft und sich schliesslich nach mehreren missglückten Fluchten in ihr Schicksal ergibt. Das Schicksal nämlich, ihr inszeniertes und mit allen Annehmlichkeiten der modernen Technik erleichtertes Influencersleben als «Tradwife» im tiefsten, ungeheizten US-Winter nun in der rauhen Wirklichkeit durchstehen zu müssen.
Wieder einmal ein Buch, das ich erst zuklappen konnte, wenn meine Augenlider dasselbe taten.