
Die Vermutung, dass der Autor von «Transkription» Universitätsprofessor sein könnte, beschleicht den Leser seines Romans schon nach den ersten Seiten. Glaubt man seinem Wikipedia-Eintrag ohne Konsultation einer second opinion, ist der US-Amerikaner Ben Lerner zudem noch Schriftsteller, Dichter sowie Essayist und war an seiner Alma Mater Meister aller Debattierclubs. Entsprechend eindrucksvoll ist die Flughöhe, auf der sich der nunmehr 56-Jährige in seinem neuesten Roman «mit der modernen Gesellschaft, der Digitalisierung und der Vaterschaft auseinandersetzt» (ebenfalls Wikipedia ...).
Handfest konkret ist im handlichen 150-Seiter nur die Ausgangssituation: Ein Smartphone fällt in eine Kloschüssel und ist danach nicht mehr zu gebrauchen dafür, was sein Besitzer im Sinn hatte, nämlich die Aufzeichnung eines Interviews. Dafür ist der namenlose Ich-Erzähler (der aber genau so gut der in seinem Werk offenbar generell zum Autobiografischen tendierende Lerner sein könnte) nämlich von New York an die US-Ostküste gereist, wo er sich mit seinem 90-jährigen ehemaligen Mentor Thomas zu einem Gespräch verabredet hat. Sein Notfallplan, das Treffen am Nachmittag als Vorbereitungsgespräch zu tarnen und die eigentliche Aufzeichnung am Tag darauf nach dem Kauf eines neuen Telefons zu machen, scheitert an der Spontaneität seines Interviewopfers. In Unkenntnis des nicht funktionierenden Geräts auf seinem Schreibtisch besteht der alte Herr auf dem vereinbarten Aufnahmetermin.
Wohl oder übel behilft sich der Besucher also mit einer Rekonstruktion der Unterhaltung aus dem Gedächtnis, was nicht nur ihm, sondern auch dem Leserschaft einiges an intellektueller Leistung abverlangt. Ehrlich gesagt, ist es auch dem Buchchecker nicht immer gelungen, die Gedankengänge der beiden Geistesriesen lückenlos nachzuvollziehen. Und auch Alexander Kluges Schaffen ist ihm zu wenig vertraut, um die darin offenbar nur unzulänglich versteckte Hommage an den deutschen Filmemacher und Philosophen zu entdecken.
«Transkripition» ist also weniger Lesestoff für verträumte Strandnachmittage als vielmehr intellektuelles Hochgebirgstraining.