
Massgebende Instanz für die literarische Abhandlung von Kriminalfällen in Venedig und Umgebung sind seit Jahrzehnten die Bücher von Donna Leon. In mittlerweile 33 Romanen hat die heute in der Schweiz wohnhafte US-Schriftstellerin die Lagunenstadt als Kulisse für Mord, Totschlag und deren Aufklärung inszeniert. Hat sich ihr fast gleichaltriger Kollege, der irische Autor John Banville, für seinen neuen Roman davon inspirieren lassen?
«Schatten der Gondeln» spielt zwar nicht in jener Gegenwart, in welcher Leons Commissario Brunetti seine Fälle löst, sondern um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert. Im Mittelpunkt der Handlung steht der Schriftsteller Evelyn Dolman, der mit seiner ihm frisch angetrauten Ehefrau auf Hochzeitsreise in Venedig eintrifft. Sämtliche Details der Reise wie Datum, Ziel, Unterkunft, Gastgeber und lokales Personal sind von der Familie der stinkreichen Braut bestimmt worden. Und auch den Vollzug der Ehe verweigert die kühle Gattin solange, bis ihn Dolman mit Gewalt erzwingt.
Entsetzt und ernüchtert flüchtet er nach dieser Tat ins Café Florian am Markusplatz, wo ihn ein angeblicher Schulkollege anspricht und mit seiner Schwester in eine verruchte Spelunke schleppt. Dort verdreht ihm diese Francesca den Kopf und ihr Bruder füllt ihn dermassen ab, dass er das Verschwinden seiner Frau erst am anderen Morgen bemerkt. Sie taucht auch in den folgenden Tagen nicht mehr auf, dafür aber immer wieder die schöne Bekanntschaft aus dem Florian, mit der er sich heimlich zu treffen beginnt. Mit ihrem dubiosen Bruder zerrt sie in den darauffolgenden Tagen Dolman am Nasenring der Schockverliebtheit durch die Kulisse der Serenissima und führt ihn dabei nach Strich und Faden hinters Licht. Dass der arme Evelyn Opfer einer gigantischen Scharade geworden ist, erweist sich in der überraschenden Schlusspointe, die an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird.
Banville ist ein stimmungsvoller Krimi gelungen, der sich mit seinen düsteren Bilder des winterlich-nasskalten Venedigs und der über weite Strecken buchstäblich gespenstischen Handlung in ungeheizten Räumen und nebligen Calle bei der Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts bedient. Wer die morbiden Seiten Venezias liebt, wird diese Geschichte mit Vergnügen lesen.