
Der 60-jährige Robert Seethaler ist ein Meister in der Charakterisierung der so genannten «kleinen Leute». Diese Exzellenz spielt er in seinen bisherigen Romanen immer wieder aus, besonders ausgeprägt im «Café ohne Namen», das wir auf dieser Plattform gecheckt haben: https://www.buechercheck.com/2023/07/03/das-cafe-ohne-namen-von-robert-seethaler.
Im Zentrum des neuesten Seethaler-Romans steht ein Strassenzug. Diese Heidestrasse könnte in Wien liegen wie auch in Berlin - der deutsch-österreichische Schriftsteller lässt das offen. Die Charaktere, die er darin ansiedelt, deuten aber darauf hin, dass «Die Strasse» im DACH-Raum liegt. In kurzen, auf den ersten Blick zusammenhangslos aneinandergereihten Sequenzen schildert der Autor Beobachtungen, Tagesabläufe und Schicksale aus der Sicht ihrer Bewohnerinnen und Bewohner.
Wie in all seinen bisherigen Werken wählt Seethaler dafür den Standpunkt des aussenstehenden Beobachters. Über ein ganzes Jahr hält er in dieser Rolle des Chronisten fest, was die Heidestrasse-Gemeinde interessiert und bewegt – vom Strassenfest über den Ehestreit bis zur Eröffnung und Wiederschliessung eines Buchantiquariats. Eine erkennbare durchgehende Handlung gibt es nicht; die einzelnen Monologe, Dialoge und Stammtischgespräche der Heidesträssler sind oft nicht mit den Namen der Sprechenden eingeführt.
Robert Seethaler schafft mit seinem lakonischen und jeder dramatischen Zuspitzung abholden Stil einen unwiderstehlichen Sog der Neugierde. Von Seite zu Seite ist man gespannter, ob eine angefangene Geschichte weiter- oder einer Lösung zugeführt wird, ob ein Protagonist einer begonnenen Handlung nochmals auftaucht oder ob ein für rot gehaltener Faden lediglich der Färbung der Szenerie diente und nicht mehr weitergesponnen wird.
Wer dieses unspektakuläre, solid-seriöse Handwerk in Seethalers früheren Werken geschätzt hat, wird auch mit dem aktuellen Strassenzustandsbericht auf seine Rechnung kommen.