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Die Einsamkeit von Sonia und Sunny. Von Kiran Desai.

75 Charaktere für 700 Seiten?
Ein Buchcheck von Roger

«Die Schriftstellerin Kiran Desai arbeitete zwei Jahrzehnte lang an diesem Buch. Es hat rund 700 Seiten, beherbergt 52 Charaktere – und ist ein Meisterwerk!». Wer würde nach diesem Satz von Nina Kunz nicht sofort auf die Downloadtaste des Pocket Books drücken? Ich mit meinem Faible für grossangelegte Epochenromane, gerne auch über mehrere Generationen, hab’s auf jeden Fall getan. Und legte das Werk nach dem unhappy ending ernüchtert zur Seite.

Was nach dem euphorischen Urteil der Magazin-Journalistin sogar Tolstoi in den Schatten stellt, ist im Kern die Geschichte zweier indischer Staatsbürger, denen der von vielen Landsleuten angestrebte und oft vergeblich ersehnte Sprung in die USA gelungen ist. Sonia ist Literaturstudentin und versucht sich erfolglos im Schreiben; Sunny arbeitet als Redaktor in einem Pressebüro. Da sich beide im gelobten - damals – Obama-Land einsam fühlen, versuchen ihre Familien von der indischen Heimat aus, nach traditionellem Brauch eine arrangierte Ehe der beiden einzufädeln.

Diese Familien und ihre vielfach ineinander verhakte Geschichte (75 Charakter! My Goodness!!) nehmen in diesem Buch so viel Platz ein, dass sich Sonia und Sunny erst nach Seite 200 erstmals persönlich begegnen, tatsächlich ineinander verlieben und sich nach zahllosen Irrungen und Wirrungen daheim und im fremden Land wieder trennen. Hätte es die Autorin bei diesem Strang belassen, wäre die Story nach der Hälfte des Buchs zu einem Ende gekommen. Was das Werk so umfangreich und in Kunz’ Augen «besser als Tolstoi» macht, sind immer wieder eingeschobene, ausschweifende philosophische Betrachtungen über Identität, Sehnsucht, Einsamkeit und Enttäuschungen, welche die Protagonisten und ihre Verwandten und Bekannten zwischen der Heimat Indien und dem verheissenen, aber nicht immer gelobten Land USA umtreiben.

Ich habe mich auch durch diese langatmigen Elukubrationen gebissen in der Hoffnung auf einen überraschenden und überzeugenden Schluss des Dramas. Diese wurde enttäuscht.

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