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Zeit der Mutigen. Von Dimitré Dinev.

Lesen mit Block und Bleistift.
Ein Buchcheck von Roger

Am gescheitesten begebe man sich in eine einwöchige Klausur, um die 1160 Seiten von Dimitré Dinevs im August 2025 erschienenen Wälzers «Zeit der Mutigen» konzentriert lesen zu können, rät ein Kritiker. Andernfalls begleitet man die Lektüre am besten mit Block und Bleistift, um sich Generationen, Namen, Familien und Geheimdienste merken und wieder abrufen zu können, wenn sie Hunderte von Seiten später wieder auftauchen. Chronologie ist nämlich kein Konzept dieses Epos ...

Das Opus Magnum des 58-jährigen Bulgaren, der 1990 nach Österreich flüchtete, ist ein grandioses Panorama der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, insbesondere des 2. Weltkriegs und seiner Auswirkungen auf die Länder des Balkan. Die Gräuel des Stalinismus und seiner Konzentrationslager, das Schicksal der Widerstandskämpfer und der Romastämme werden an den ineinander verstrickten und verhängten Schicksalen der Angehörigen dreier Familien aus Deutschland, Österreich und Bulgarien geschildert. Zwischen den kunstvoll verflochtenen Handlungssträngen der Viergenerationenstory holt Dinev regelmässig zur philosophischen Erörterung von übergeordneten Fragen des menschlichen Daseins unter Extrembedingungen wie Unterdrückung und Verfolgung aus.

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse lobt seinen Landsmann als «grossen Erzähler», womit er sicherlich recht hat. Wie Dinev Fantastisches, historische Fakten und Mythologie zu einem faszinierenden Ganzen kombiniert, ist hohe Autorenkunst. Als Leser haben mich die politischen und klassenkämpferischen Erörterungen allerdings allzu oft von der eigentlichen Handlung abgelenkt. Mehr vom Schelmenroman, der in dieser Anlage immer wieder durchschimmert, und weniger vom ideologischen Ballast hätten dem Buch gut getan.

Viele Seiten sparen können hätte Dinev mit dem Verzicht auf die Sexszenen, mit denen er die Handlung bis zum Überdruss ausgarniert. Streckenweise räumt er dem Sexualtrieb und den dazu nötigen Organen auf jeder dritten Seite prominenten Raum ein. «Würdelos und klebrig» hat das Kritiker Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung völlig zu Recht genannt. Unter obigen Vorzeichen: Leseempfehlung mit Vorbehalt.

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