
Offenbar hat Robert Menasse mit dem «EU-Roman» ein neues literarisches Genre geschaffen. Das habe ich nicht gewusst, bis ich mir das neueste Buch des 72-jährigen österreichischen Schriftstellers herunterlud.
Hauptperson dieser «Lebensentscheidung» ist der EU-Beamte Franz Fiala. Der Beamte im Landwirtschaftsministerium der Europäischen Union ist von seinem Bürokratenjob dermassen frustriert, dass er sich frühzeitig pensionieren lässt. Fortan pendelt er zwischen seiner 89-jährigen Mutter in Wien, um die er sich in fast freudianischer Abhängigkeit kümmert, und seiner Brüsseler Freundin Nathalie, die kein Interesse zeigt, ihrem Freund nach Österreich zu folgen. Das mühsame Reisen zwischen Wien und der EU-Hauptstadt geht also weiter, und es wird nicht weniger mühsam, weil der Job nicht mehr ruft.
Zu allem Frust über diese allseits unbefriedigende Situation erhält Fiala aus heiterem Himmel eine Krebsdiagnose. Von diesem Moment an richtet er alles Tun und Lassen darauf aus, seine betagte Mama zu überleben. Dieser Entschluss ist die titelgebende Lebensentscheidung, und als Leser verfolgen wir mit einer gewissen Atemlosigkeit, wie der zunehmend Angeschlagene diesem Ziel alles unterordnet. Er verheimlicht seiner Mutter Kündigung und Krankheit und gibt sich der Illusion hin, die alte Frau merke nichts von seinem wahren Zustand. Was natürlich nicht der Fall ist, und als Franz dann wirklich vor ihr das Leben aushaucht, tut er das ironischweise in ihren Armen.
Nicht nur weil die Hauptperson Franz heisst, mutet den Leser die Geschichte teilweise kafkaesk an. Die Desillusion über Arbeit und Wirkung der EU-Kommission steht zwischen fast allen Zeilen und obwohl er explizit nirgends formuliert wird, liegt der Schluss doch nahe, dass der nutzlose Kampf gegen Pestizide in der Landwirtschaft bei einem EU-Funktionär letztlich Krebs verursacht. Der österreichische Fatalismus, mit dem Menasse die Story unterlegt und der streckenweise auch den landestypischen «Schmäh» nicht auslässe, macht die Lektüre zu einem Vergnügen. Wenn auch einem nachdenklich stimmenden.