
Es ist im Trend: Viele deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller arbeiten zur Zeit die Vergangenheit ihrer Vorfahren in Nazideutschland und im 2. Weltkrieg sowie der späteren DDR in Büchern auf. Auf denselben Zeitraum fokussiert auch der 47-jährige französische Schriftsteller Sylvain Prudhomme, wenn auch unter etwas anderen Vorzeichen. In «Der Junge im Taxi» geht es um einen jungen Franzosen, der sich in Süddeutschland auf die Suche nach einem «Kriegsopfer» der anderen Art macht.
An der Beerdigung seines Grossvaters irgendwo in Frankreichs Midi hört Simon zum ersten Mal, dass der Verstorbene als Soldat im 2. Weltkrieg in Deutschland einen Sohn gezeugt und den bei seiner Mutter zurückgelassen habe. Gegen den Willen seiner Familie, insbesondere den erbitterten Widerstand seiner Grossmutter, beschliesst Simon, den unehelichen Onkel aufzuspüren und fördert dabei auch lange verdrängte Familiengeheimnisse zutage. Der Roman greift auf, was in unzähligen französischen und deutschen Familien bis heute ein Tabuthema geblieben ist, nämlich das Schicksal von Zehntausenden so genannter Besatzungskinder.
Irgendwo am Bodensee spürt Simon dann tatsächlich den verlorenen und verdrängten Sohn auf und stellt fest, dass dieser sein Leben unter schwierigen Bedingungen führen musste. Um seine psychischen Wunden zu bewältigen und seinem Dasein einen Sinn zu geben, hat er sich in die Welt des Reisens und der Taxis geflüchtet, was dem Roman seinen Titel gegeben hat. Auf ein Happy End verzichtet Prudhomme, lässt aber dennoch Simons Suche und deren Ergebnis in ein versöhnliches Ende münden.
Wer sich auf einen oft schamhaft verschwiegenen Nebeneffekt des deutsch-französischen Kriegs einlässt, wird mit einem klug geschriebenen und süffig zu lesenden Roman belohnt. Leseempfehlung!