
Eine Leidenschaft des Checkers: Einen Roman dort lesen, wo er spielt oder geschrieben wurde. In «Postskriptum» ist beides der Fall. Nicht nur ist sein Autor Alain Claude Sulzer häufiger Gast im Hotel «Waldhaus» in Sils Maria und hat grosse Teile des Romans im dortigen Zimmer 224 zu Papier gebracht; er lässt auch lange Passagen der Handlung im Engadiner Fünfsterne-Hotel spielen.
Die Geschichte dreht sich um den deutschen Schauspieler Lionel Kupfer und beginnt mit dem Unfalltod dessen grösseren Bruders, als beide noch Kinder waren. Seine Karriere, während der er immer wieder im «Waldhaus» Ferien macht, steht immer im Schatten dieses Verlusts, erreicht aber trotzdem einen Höhepunkt in den 1930-er Jahren. Bei einem Aufenthalt in Sils, wo er sich auf seine nächste grosse Rolle vorbereitet, kommt es zu einem homoerotischen Intermezzo mit einem Bewunderer, dem jungen Postbeamten Walter von der dortigen PTT-Filiale. Er ist es auch, der dem Idol die Nachricht überbringt, dass der Vertrag für dessen nächsten Film wegen seiner jüdischen Abstammung von den Nazis aufgelöst worden sei.
In der Folge wandert Kupfer wie viele Kunst- und Kulturschaffenden seiner Zeit in die USA aus, wo ihm aber der Erfolg in seinem Metier verwehrt bleibt. Noch einmal kehrt er nach Europa und ins Engadin zurück, als ihm der italienische Starregisseur Visconti eine Rolle in einem Film anbietet. Kupfer soll sich selbst als erfolglosen, stellen- und rollensuchenden Künstler spielen. Was er tut, nur um später im Kino feststellen zu müssen, dass sein kurzer Auftritt der Schere des Maestro zum Opfer gefallen war.
Sulzer erzählt die Geschichte in der Manier des grossen Professionals. Er zeichnet sowohl die grossen zeitgeschichtlichen Zusammenhänge wie auch die persönlichen Lieb- und Leidenschaften der Protagonisten in seinem unverwechselbaren, zurückhaltenden Stil einer beobachtenden, kaum kommentierenden Aussensicht. Wer «Ein perfekter Kellner» und «Doppelleben» https://www.buechercheck.com/2022/11/05/doppelleben-von-alain-claude-sulzer geliebt hat, wird dieses «Postskriptum» verschlingen. Auch wenn er dabei nicht in der Halle des «Waldhaus» sitzt ...