
Eine Baselbieterin aus Olten, die als Erwachsenenbildnerin und Texterin im Migrationsbereich gearbeitet hat, hat ein Buch geschrieben, das man unbedingt lesen soll? Wer so fragt, hat verpasst, dass Radio und TV SRF den Roman «Die Dinge beim Namen» von Rebekka Salm schon 2022 als «bestes Frühjahrsdebüt» gelistet haben. Auch ich habe ihn erst jetzt von einer begeisterten Nachbarin zugespielt bekommen und muss mir eingestehen: Lesebildungslücke!
Schauplatz der Geschichte ist ein mittelgrosses, typisches Schweizer Dorf, in dem sich über alle Generationen hinweg alle kennen. Viele aus dem Musikverein, an dessen Jahreskonzert das Präludium spielt. Der notorische Frauenheld unter der Schuljugend nötigt die gleichaltrige Dorfschöne zu einem sexuellen Abenteuer im Schatten der Mehrzweckhalle, das von zwei versteckten Zeugen beobachtet wird. Einer von ihnen bringt viele Jahre später die Geschehnisse jenes Abends und ihre Auswirkungen auf das Dorfleben und seine Protagonisten zu Papier und will sie zur Veröffentlichung an einen Verlag schicken. Weil in diesen Enthüllungen kaum ein Dörfler ungeschoren davonkommt, wird das Couvert mit dem Manuskript von der misstrauischen Posthalterin abgefangen und der Schreiber von seinen eigenen Stammtisch- und Musikkollegen mittels Prügel vor weiteren Indiskretionen gewarnt.
Salm porträtiert jeden und jede der involvierten Personen und ihre Verwicklungen in den eingangs geschilderten Vorfall mit lakonischer Schonungslosigkeit. Wer sich im Beziehungsgeflecht in einer derartigen Dorfgemeinschaft auskennt, jubelt innerlich angesichts der träfen Charakterstudien, die der Autorin in «Die Dinge beim Namen» - wohl auch aus eigener Erfahrung im Baselbieter Heimatdorf - gelungen sind. Auf den allerletzten Seiten erweist sie sich zudem noch als veritables Krimitalent, das die Sexszene am Musikfest auf völlig unerwartete Weise auflöst.
Grossartige Lektüre – auch vier Jahre nach dem Erscheinen!